• 04.06.2008

Rechte Ecken in Berlin (Teil 2): Pankow

Im Hinterland ums Eck

Die Kneipe am Eck in der Wollankstraße wirkt romantisch, der Verkehr in den Gassen ist still. Doch der Bezirk Pankow ist einer der wichtigsten Rückzugsräume der Berliner NPD.von MARTIN KAUL

Die Bürgersteige in der Schulzestraße sind ordentlich hergerichtet, die Häuser frisch saniert. Hinter vielen Fensterscheiben liegen weite Räume, stilvoll beleuchtet in der Dunkelheit. Hier wohnen Familien. Der stressige Hauptstadtkern ist weit weg, nur der Verkehr der Wollankstraße flieht vorbei. Eigentlich ein ruhiger Kiez, zum Ausspannen nach Feierabend. Es ist Samstagabend, 22 Uhr, Berlin, Bezirk Pankow, Ortsteil Pankow. Eine Frau schiebt ihren Kinderwagen vorbei an dem Gehörlosen-Café, vorbei an der Elterninitiative, dann biegt sie ab in die Wollankstraße. Ums Eck.

Rechtsextremismus ist überall in Berlin anzutreffen. Einige Ecken der Stadt sind jedoch besonders betroffen. Das zeigt eine Studie über "Rechte Gewalt", die der Berliner Verfassungsschutz vorgelegt hat. Demnach gibt es vor allem in Lichtenberg, dem südlichen Neukölln, aber auch in Prenzlauer Berg Kieze, in denen sich Straftaten mit rechtsextremem Hintergrund häufen. Auch weil dort viele der Täter wohnen.

Die taz hat sich vor Ort umgesehen. Der zweite Teil unserer Serie "Rechte Ecken" führt nach Pankow. Dort wohnen laut Studie überdurchschnittlich viele aktionsorientierte Rechtsextremisten.

 

Doch nicht alle Samstagabende sind so ruhig. Ein paar hundert Meter entfernt sitzen Michael Karrer und Paul Fritsch (Namen geändert) auf einer Bordsteinkante. Sie trinken Bier aus der Flasche. Als Karrer das letzte Mal ums Eck an der Wollankstraße bog, endete der Kiezgang für einen seiner Begleiter beinahe tödlich. Karrer war mit einer Gruppe von Freunden unterwegs, als plötzlich 15 Kerle aus einer Kneipe auf sie zustürmten. Erst schmissen die Angreifer mit Bierflaschen, dann begann eine Verfolgungsjagd. Im nächsten Park erwischten die Schläger Karrers Freund. Mehrfach. Mit dem Teleskopschlagstock. Auf den Kopf. Er musste mit 20 Stichen genäht werden. Karrer selbst hatte Glück: Er kam unversehrt davon.

Das war hier ums Eck. Und hier ums Eck, an der Wollankstraße, ist das "Musik-Café". Eine ganz normale Kneipe. Nur: So normal ist sie nicht.

Drei Männer, einer breiter als der andere, sitzen am Tresen. Sie tragen dunkles Haar, lange Bärte von der Art, wie richtige Männer sie tragen: Rocker. Schwarze Lederwesten, bestickt mit Aufnähern. Alle paar Minuten tritt einer von ihnen vor die Tür. Er macht ein paar feste Schritte von links nach rechts und wieder zurück. Dann schaut er sich um, die Hände in die Hüften gestemmt, als wollte er sagen: Wer hier herein kommt, legt sich mit uns an.

Karrer war nie hier drinnen. Er stand gegenüber, an der Bushaltstelle, als die Hetzjagd begann. Warum die Männer auf ihn losstürmten, weiß er nicht. Vielleicht, weil sie ihn kannten; vielleicht auch nur, weil ihnen sein Gesicht nicht gefiel.

Angeblich soll seine Erfahrung außergewöhnlich sein. Folgt man den offiziellen Zahlen der Senatsverwaltung, ist der Ortsteil Pankow ein vergleichsweise ruhiges Pflaster: Zwar steht Pankow als Bezirk an zweiter Stelle in der Bilanz rechtsextremistischer Überfälle in Berlin, mit steigender Tendenz. Doch die überwältigende Mehrheit der gezählten Attacken findet nicht hier im ruhigen Vorort statt, sondern mitten in Prenzlauer Berg: Zwischen 2003 und 2006 zählte die Senatsverwaltung 52 rechtsextremistisch motivierte Übergriffe in den 13 Ortsteilen Pankows - 37 davon sind Prenzlauer Berg zuzuschreiben.

Die zugezogenen Gardinen im "Musik-Café" an der Wollankstraße schimmern verraucht, das Bier kostet hier 1,50 Euro. Es gibt Dartturniere und Sangria-Abende. Saufen, bis der Arzt kommt, lockt das Werbeschild. An jenem Samstag kam der Arzt, dort draußen. Michael Karrer wollte sich eigentlich nur vor dem Regen schützen, in der Bushaltestelle vor dem Musik-Café. Da wusste er noch nicht, dass dies ein Hinterzimmer ist. Eines unter vielen anderen.

Denn der Ortsteil Pankow ist einer der organisatorischen Rückzugsräume brauner AktivistInnen in Berlin. Im Kleid des Bürgerlichen aktiviert sich in dem Kiez die rechte Schlagkraft der Bundeshauptstadt: Die Republikaner haben hier ihre Bundeszentrale - und entsenden einen Vertreter in die Bezirksverordnetenversammlung. Der berüchtigte NPD-Kreisverband 8, Pankow, ist einer der aktivsten Berliner NPD-Bezirke. NPD und freie Kameradschaften - oftmals rivalisierende Gegner - gehen hier fließend ineinander über. Und was sich am rechten Rand in dieser Gegend noch organisiert, liest sich gewaltig: "Vereinte Nationalisten Nord-Ost","Autonome Nationalisten Pankow", "Nordische Bruderschaft" - das sind die Namen derjenigen, die hier gerne auf "Zeckenjagd" gehen.

Michael Karrer kennt sie alle: Daniel Steinbrecher, den Kreisvorsitzenden der NPD in Pankow, Jörg Hähnel, den Nationalbarden und Stichwortgeber der Radikalen, und auch die Nazis aus der zweiten Reihe, die anonymen Glatzen, die Sprücheklopfer am Kieztresen. Seit Neuestem kennt er auch die Rechtsrocker vom Tresen am "Musik-Café", diejenigen, die vor dem Hinterzimmer Wache schieben.

Seit sieben Jahren engagiert sich der 23-Jährige in Pankow politisch. Er ist Mitglied der Linkspartei und aktiv im antirassistischen Heinersdorf-Bündnis. Karrer geht an Schulen und redet mit SchülerInnen. Und er bekommt aufs Maul dafür. Denn der Kampf der organisierten Rechten in Nord-Pankow richtet sich weniger gegen AusländerInnen. Nordpankow verfügt über eine der geringsten Wohnanteile ausländischer BürgerInnen Berlins; nur in Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick leben anteilhaft weniger Ausländer.

Wer hier verprügelt wird, das sind die "Zecken". Karrer ist einer derjenigen Aktivisten, die von der NPD bereits mit Aufklebern geehrt wurden: "Michael Karrer, wir denken an dich", stand darauf - und sie klebten an den Laternenpfosten jener Straße, in der er wohnt. Als er deswegen zur Polizei ging, witzelten die Beamten: "Ist doch schön, wenn jemand an Sie denkt." Zuvor hatten Rechtsradikale bereits seine Fenster eingeworfen.

In den vergangenen Wochen gab es wieder ähnliche Vorfälle. "Der Tag der Abrechnung kommt", drohten Rechtsextreme ihm und seinen Mitstreitern in einer E-Mail an Pankower Antifagruppen (taz berichtete).

Auch Paul Fritsch, 27, aktiv in der Emanzipativen Antifaschistischen Gruppe (EAG), kennt den Druck von rechts außen: Bei Schulprojekttagen gegen rechts hat er beobachtet, wie engagierte SchülerInnen von Nazis fotografiert wurden. "Mich hat einer der NPD-Größen einmal mit einem Messer angegriffen", sagt er. "Auf schwarzen Listen stehen wir zuhauf." Immer wieder bekommt Fritsch nachts "komische Anrufe".

"Wir merken hier die Anti-Antifa-Kampagne am eigenen Leibe", sagt Fritsch. "Und wir merken auch, dass die Intensität dieser Kampagne enorm zunimmt." In den vergangenen drei Jahren, so sagt er, hätten die Faschos in Pankow enorm an Boden gewonnen. Keines der alternativen Jugendzentren, das sich nicht schon mit den rechten Umtrieben auseinandersetzen musste. "Das Angstraumszenario der Rechten wirkt", sagt Fritsch. Letztens hat er wieder NPD-Aufkleber im Bezirk abgeknibbelt. "Macht den ,Lade-Klub' dicht - Kein Geld für Asoziale" stand darauf, oder: "Nationale Revolution jetzt!"

Sprühereien und Nazi-Plakate versucht er möglichst rasch zu entfernen. Gemeinsam mit anderen organisiert Fritsch Kampagnen und Demos, Kundgebungen und Konzerte; zum Beispiel gegen die Rechtskneipe "Spasseck" - wohlgemerkt mit Doppel-S - eines der Hinterzimmer, das bis zum vergangenen Jahr als Glatzentreffpunkt diente. Jetzt ist die Kneipe geschlossen. Null Öffentlichkeit für Nazis, nirgends. Das ist der Anspruch im Programm des ganz alltäglichen Kampfs gegen Rechts.

Oder besser: Das war es, solange die Gegner bekannt waren. Doch seit dem Überfall in der Wollankstraße verschiebt sich das Gefüge der völkischen Rechtsaktivisten in Nord-Berlin: Breite Kreuze, rasierte Glatzen, das kennt die linke Szene in Nord-Pankow. Auch die Stammtischparolen gegen den Moschee-Neubau in Heinersdorf sind ihnen vertraut. Doch die braunen Rocker in schwarzen Klamotten - das ist Neuland im Hinterzimmerkiez. "Wenn solche Kerle vor dir stehen, zeigt dir das deine Grenzen auf", sagt Karrer. "Nordische Bruderschaft" stand auf einigen der T-Shirts, die die Rocker aus dem "Musik-Café" trugen, als sie auf Karrer und seine Freunde losstürmten. Bereits einige Male zuvor waren die Jungs aus der Truppe bei Schlägereien in Berlin aufgefallen. Wo sie politisch zu verorten sind, können Karrer und Fritsch nur schwer sagen. "Klar ist: Das sind nicht die üblichen Nazis. Da gibt es einen Rocker-Hintergrund", sagt Karrer. Und wer was von Rockern versteht, weiß, dass die Jungs nicht nur spielen wollen. "Ich dachte: Wenn die mich kriegen, schlagen sie mich wirklich tot."

Der Angstraum in Nordpankow hat sich geweitet. Und er steht in keiner Statistik. Noch nicht. Die Gardinen des "Musik-Cafés" schimmern verraucht. Und eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen vorbei. Ein Mann steht vor dem Café und grüßt freundlich. Er tägt einen schwarzen Bart und eine schwere Weste. Dann geht er hinein und bestellt noch ein Bier für 1,50 Euro. Heute ist kein Sangria-Abend im "Musik-Café".

<typohead type="5"> gerichtsbericht SEITE 24</typohead>

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!