Rainald Grebe über Theodor Fontane

Taucher im Stechlinsee

Ratzfatz geht das: Lustig, teils auch holzschnittartig ist Rainald Grebes Abend „fontane.200“ über Theodor Fontane geraten.

Zwei Schauspielerinnen in Biedermeierblusen haben Instrumente zum Lärmen in der Hand, ein Schauspieler in Uniform verschiebt kleine Soldaten.

Tilla Kratochvil und Iris Becher machen den Kriegslärm, Florian Anderer gibt den Kriegsberichterstatter Theodor Fontane Foto: Thomas Aurin

Zinnsoldaten, zu zehnt auf ein Brettchen gesteckt, in Blau und Grau für Preußen und Dänen. Der Schauspieler Florian Anderer will mit ihnen auf einem Tisch die Schlacht auf der Düppeler Schanze nachstellen, entscheidend im deutsch-dänischen Krieg 1864. Aber die Sache nervt ihn, er haut mit dem Schieber zum Verschieben der Soldaten wie mit einer Peitsche in die Luft, zischt seine Sätze.

Er spielt in diesem Moment Theodor Fontane, den Kriegsberichterstatter. Mosert über die Requisiten, die er allein aufbauen muss, künstliche Geräusche vergrößern die Anstrengung. Mertens berichtet von gefallenen Lieutenants, Uniformen fallen vom Bühnenhimmel, er stellt sie auf, sie sacken um. Es ist ein Kampf gegen das Material, ein Slapstick, in dem er sich immer mehr verhaspelt. Zwischendurch blättert er rasend durch Notizhefte, zitiert aus Theaterkritiken, die zu ­schreiben gehörte auch zu Fontanes journalistischem Einsatzgebiet.

Was man nach dieser Szene sicher weiß: Als Journalist, in seinen Jahren als Lohnschreiber für die Kreuzzeitung, war Theodor Fontane kein glücklicher Mann. Was man fühlt, ist aber auch etwas von der Peinlichkeit für die Schauspieler, sich in eine Schlacht hineinzudenken. Sich die Sprache des Militärs anzueignen, preußische Soldaten aufzustellen. Der hölzerne Schieber, mit dem Modellsoldaten bewegt werden wie Chips auf dem Roulettetisch und der so wütend durch die Luft fährt, hat etwas von einem Abstandshalter zum Gegenstand, so fern ist uns die Zeit.

Die Szene gehört zu dem Abend „fontane.200: Einblicke in die Vorbereitungen des Jubiläums des 200. Geburtstages Theodor Fontanes im Jahr 2019“, den Rainald Grebe in der Schaubühne inszeniert hat. Sein Lied „Brandenburg“ übrigens singt er nicht. Aber er erzählt schon, mit diesem Lied in eine Verbindung zu diesem Bundesland geraten zu sein, aus der er nicht mehr rauskommt: Er gilt jetzt als Brandenburg-Spezialist. Und wird als solcher praktisch verpflichtet, über Fontane nachzudenken.

Romane in drei, vier Szenen

Die Miniaturisierung, das Schrumpfen ins Zinnsoldaten- und Puppenformat, ist eines der Mittel dieses vielseitigen Abends. Durch die Kulisse eines kleinen Papiertheaters schwimmen Fische, während man aus Fontanes „Der Stechlin“ lesen hört.

Seine Romane werden in drei, vier Szenen mit Figuren nacherzählt, die wie Kasperlepuppen aus der Versenkung auftauchen. Fontanes Ironie verkürzt sich zur Karikatur. Ratzfatz geht das, und ratzfatz fällt auch das Urteil über seine Frauenfiguren. Viele habe es zwar gegeben, das ja, auch individuell gezeichnet, aber leider, leider in allen Gesprächen immer mit Männern, Liebe und Standesunterschieden beschäftigt. Das trägt Tilla Kratochwil vor, die zuvor aus den Briefen von Fontanes Frau las. Auf Dauer doch etwas sehr eingeengt in Haushaltsperspektiven.

Fontanes Ironie in seinen Romanen verkürzt sich hier zur Karikatur, ratzfatz geht das

Der Abend ist kurzweilig, die Blicke auf Fontanes Werke und sein Leben vor allem in den langen Jahren, bevor er mit über sechzig zum erfolgreichen Romanautor wurde, bilden spritzige Schnipsel. Manchmal tapst Grebe selbst im Taucheranzug herum, auf der Suche nach dem Geheimnis des Stechlinsees. Nicht als der hellste Fontane-Forscher stellt er sich dar, aber als der verschrobenste.

Dazwischen sind Reportagefetzen von den Jubiläumsfeierlichkeiten eingestreut. Etwas lustlos nach den Staumeldungen von einem Radiomoderator vorgelesen, dem Fontane am Arsch vorbeigeht. Auf einer Leinwand sieht man derweil endlose Landstraßen, Alleenbäume im Nebel. Aber so holzschnittartig, wie die angepeilten Veranstaltungen klingen, so holzschnittartig wirkt auch der Spott darüber.

Popsongs als Gemütlichkeitstapete

Einmal gibt es O-Ton-Einspielungen, Umfragen zu Fontane. Da haut es einen am Ende um, länger betont ein Politiker von der AfD, Andreas Kalbitz, dass man die Werte von Fontane teile und viele Schnittmengen sehe: „Würde Fontane heute leben, dann wäre er sicherlich AfD-Mitglied.“ Diese Vereinnahmung des Dichters als Leitstern für Reaktionäre ist eine gruselige Vorstellung. Aber sie bleibt unkommentiert. Das gehört zu den Schwächen der Produktion, wo es haarig wird, bleibt sie achselzuckend stehen und weiß nun auch nicht weiter.

Einiges wirkt auch wie eine Verlegenheitslösung. Die Popsongs, die gespielt werden, scheinen bloße Gemütlichkeitstapete. Aber schließlich will der Abend auch keine Jubiläumsfeier sein, sondern vom langen Anlauf auf ein solches erzählen. Und da verläuft er sich denn gelegentlich in den brandenburgischen Weiten.  Katrin Bettina Müller

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