Pussy-Riot-Auftritt in Berlin

Freiheit, Nudeln, Agitprop

Die russische Punkrockband ist in Berlin aufgetreten. Und hat dabei ihre Geschichte erzählt – mit Musik, Theater, Video-Performance und Lesung.

Ein Mann und eine Frau tragen masken und singen in Mikrofone

Ihr letzter Auftritt? Dilettantisch rumhopsendes Polit-Kasperletheater. Und diesmal? Durchwachsen Foto: André Wunstorf

Nudeln. Dass die durchaus was mit Putin zu tun haben, das war vielleicht das Neue, was man an diesem Sonntagabend im Berliner SO36 erfahren durfte. Wo man auch eine Handlungsanleitung für das bekam, was etwas großspurig als „Revolution“ angekündigt war. Aber schließlich ging es um Pussy Riot. Es ging um deren Aktionen gegen den russischen Machthaber und wie sich die Kommunikationsguerilla darauf vorbereitete. Lakonisch knapp war da auf der Videoleinwand zu lesen: „Meistens aßen wir Nudeln.“

Heißt: Auch Revolutionäre müssen manchmal essen. Und: Essen muss doch irgendwie bezahlt werden.

Dass man beim Pussy Riot Theatre nicht wirklich ein Thea­ter erwarten dürfe, wurde einem gleich am Anfang verkündet, und auch nicht ein Rockkonzert. Sondern dass es hier mal um das Wort gehen soll, um das im vergangenen Jahr erschienene Buch „Tage des Aufstands“, in dem Pussy-Riot-Mitglied Mascha Alechina ihre Version der Pussy-Riot-Geschichte erzählt.

Dass der traditionsreiche Kreuzberger Punkschuppen SO36 bei „Pussy Riot Theatre performs: Riot Days“ zwar ordentlich gefüllt, längst aber nicht ausverkauft war, mag an dem kleiner gewordenen Aufmerksamkeitsfenster für den russischen Einsatztrupp liegen. Und vielleicht daran, dass erst im November im Rahmen eines Festivals im Berliner Haus der Kulturen der Welt Pussy Riot schon mal zu sehen waren mit einer Performance. Ein arg dilettantisch rumhopsendes Polit-Kasperletheater war das, es weckte nicht unbedingt die Begierde nach mehr.

Multimedial aufgemotzte Leseperformance

Aber bei Pussy Riot handelt es sich eben längst um eine Marke mit den ikonisch gewordenen Sturmhauben. Eine Marke allerdings, die von den an dem eher lose organisierten Kollektiv Beteiligten durchaus nach eigenem Belieben genutzt werden darf. Im Haus der Kulturen der Welt war damals so ein von Nadja Tolokonnikowa angeführtes Riot-Quartett zu sehen, im SO36 war Mascha Alechina die Hauptperson.

Beide sind die bekannt gewordenen Gesichter von Pussy Riot, deren Geschichte Alechina nun aus ihrer Perspektive in Buchform erzählt hat, die Basis vom Pussy Riot Theatre und den Riot Days. Eine multimedial aufgemotzte Leseperformance, mit Musik und Videos. Vier Menschen auf der Bühne.

Erst Straflager, dann Amnestie – die Pussy-Riot-Story ist eingebettet in einen präzisen, teils luzide witzigen Text

Zwei Männer, der eine dabei vornehmlich als Musiker tätig. Zwei Frauen. Eine spielt, wenn sie nicht gerade ihren Text ins Mikro schreit oder singt, Saxofon. Die andere ist Mascha Alechina. Man hört Industrial-Getrommel und schroffen Postpunk. Einmal stülpen sich die vier Masken über den Kopf, ein anderes Mal setzen sie sich schwarze Brillen auf.

Zwischendurch gibt es ein paar forcierte Armbewegungen, was man aber auch nicht gleich als eine theatralische Einlassung betrachten muss. Und selbst wenn die Musik durchaus laut und drängend ist, bleibt sie doch bloßer Handlanger für Alechinas „Tage des Aufstands“-Text, der von den vieren deklamiert wird.

Auf der Bühne? Wut, Trotz und ein schüchternes Lächeln

Manchmal gönnen sie sich dabei eine etwas veränderte Tonlage und fallen in ein rezitatives Leiern wie bei einer Liturgie. Das alles hat durchaus eine Dringlichkeit. Wobei man allerdings ziemlich damit beschäftigt ist, dem in Russisch gehaltenen Vortrag in der auf der Leinwand durchlaufenden deutschen Untertitelung zu folgen. Um nicht den Faden zu verlieren bei der Geschichte, in der chronologisch die Pussy-Riot-Geschichte erzählt wird, die man natürlich auch bei Wikipedia nachlesen könnte.

Die ersten Aktionen der Gruppe gegen Putin. Natürlich das sogenannte „Punkgebet“ 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, das Pussy Riot erst zu der Weltberühmtheit gemacht hat, nicht zuletzt wegen des folgenden Prozesses, bei dem auch Mascha Alechina verurteilt wurde. Das Straflager. Schließlich die Amnestie. Alles abgehandelt in einem präzisen, gut getakteten Text. Manchmal spürt man einen luziden Witz. Manchmal einfach Trotz. Und manchmal lächelt Mascha Alechina auf der Bühne. Schüchtern. Schelmisch.

Live: 16. 1., Nürnberg, 17. 1., Stuttgart, 18. 1., Karlsruhe,

20. 1., München, 7. 3., Wuppertal

Zum Schluss heißt es noch: „Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht täglich für sie kämpft.“ Man mag das als Merksätzchen mit nach Hause tragen.

Solider Agitprop. Und der künstlerische Mehrwert? Ja, doch. Jedenfalls wird ein Teil der Erlöse, auch das wurde gleich zu Beginn verkündet, an Media­Zona gehen, das von Alechina und Tolokonnikowa gegründete Medienprojekt, das dem unabhängigen Journalismus auch in Russland eine Stimme geben will. Und diese Stimme wird sich wohl nicht gleich korrumpieren lassen, wenn sie mit etwas Geld aus dem Westen gefördert wird.

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