Ein Taxifahrer sperrte eine 32-Jährige in seinen Kofferraum und fuhr mir ihr nach Hasloh. Er drohte, sie umzubringen. Die Frau erlitt schwere seelische Verletzungen.von Kai Von Appen

Prozessauftakt im Strafjustizgebäude: Ralph B. auf der Anklagebank. Bild: dpa
HAMBURG taz | Julia Schmidt* hatte Todesangst. Eingesperrt im Kofferraum eines Taxis, der Fahrer schimpft vor sich hin und sagt, er werde sie im "See versenken. Du hast es verdient, Du Nutte." Sechs Stunden dauert das Martyrium für die 32 Jahre alte, zierlichen Frau an jenem Morgen des 4. Septembers 2011. Begonnen hat die Entführung gegen 4.50 Uhr auf der Reeperbahn. Erst mittags gegen 11.45 Uhr kann die Frau von der Polizei in Hasloh befreit werden.
Taxifahrer Ralph B. gesteht die Tat zu Beginn des Prozesses vorm Landgericht. Angeklagt ist er wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung. "Den Sachverhalt räume ich voll und umfänglich ein. Warum ich das gemacht habe, weiß ich nicht", sagt der hagere 57-Jährige auf die Nachfragen von Richterin Birgit Woitas. "Es tut mir sehr leid."
Dann murmelt B. etwas von "Unzufriedenheit". Ehe kaputt, kein Kontakt zu den Kindern, 550.000 Euro Schulden wegen Insolvenz, eine enttäuschte Liebe, da die Thailänderin in ihre Heimat zurückkehrte. Und: Alkohol. Nur einmal sei er in den letzten Jahrzehnten zwei Jahre abstinent gewesen. "Ich bin aber immer nüchtern gefahren."
Doch am Abend des 3. Septembers rastet der Nachtschicht-Taxifahrer aus. Er habe "10, 12, 15 Whiskys" auf dem Kiez getrunken, hätte in jener Nacht nur wenige Fahrten gehabt - bis Julia Schmidt an der Ecke Großen Freiheit einstieg. "Ich habe mich beschwert, dass er einen Umweg fährt", schildert Schmidt den Beginn der Fahrt. "Ich blieb bestimmend, dass ich den Umweg nicht zahlen werde." Dann habe er plötzlich gestoppt, habe sie aus dem Wagen gezogen und mit der Faust auf die Stirn geschlagen. "Ich hab geschrien, dass mir jemand hilft", sagt Schmidt.
Danach habe er sie in den Kofferraum gepfercht und sei losgefahren. "Ich versuchte, mit ihm zu reden, aber er stellte die Musik lauter", sagt Schmidt. Sie habe Geld angeboten und versprochen, den Vorfall nicht anzuzeigen. "Ich hatte die klare Vorstellung, dass er mich vergewaltigen und mich anschließend in den Straßengraben werfen würde."
Als B. nach einer Stunde vor seinem Haus in Hasloh stoppte, habe B. den Wagen gerüttelt und drohte "Ich bring Dich um", bevor er verschwand. Schmidt hatte ihren Angaben zufolge panische Angst. Sie hatte vor Augen, wie ihr Mann und das Kind alleine aufwachsen würden.
Sie versuchte, sich zu beruhigen und sich zu befreien. Erst nach einiger Zeit sei ihr die Idee gekommen, zu telefonieren, um Freunde zu erreichen. "Ich dachte nicht gleich daran, die Polizei anzurufen", was sie dann aber tat. Die Polizei hatte das Problem, Julia Schmidt erst orten zu müssen, bevor sie handeln konnte. Zweimal sei Ralph B. noch zum Taxi zurückgekommen, was die Polizistin am Telefon gehört habe. "Ich sagte ihm, dass die Polizei längst auf dem Weg ist." Erst nach Stunden hörte Julia Schmidt die Stimme der Schwägerin von Ralph B., die dann auch die örtliche Polizei alarmierte.
Drei Wochen musste Julia Schmidt in der psychiatrischen Abteilung der Uniklinik Eppendorf behandelt werden. "Für mich war das wie ein Mordversuch, an dem ich heute noch leide", sagt sie unter Tränen. Der Prozess wird fortgesetzt.
*Name geändert
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