Schon während ihrer Ausbildung behandeln viele Psychotherapeuten selbstständig Patienten - aber ohne Bezahlung. In Berlin protestieren sie jetzt dagegen.von FRANZ NESTLER
ich kann den kommentaren nur zustimmen. neben diesen unhaltbaren zuständen kommt im anschluss noch die angst hinzu, ob man überhaupt eine kassenzulassung erhält. die kontingente sind äußerst beschränkt und trotz steigender PatientInnenzahlen will die bundesregierung im ambulanten bereich streichungen vornehmen. so könnten in den nächsten jahren bis zu 3800 therapeutInnen im ambulanten bereich fehlen. ein weiteres problem: die unterschiedlichen kosten der ausbildung. als angehender analytiker muss ich ordentlich draufzahlen. kollegInnen mit einer ausbildung in anderen verfahren bspw. systemischer therapie erhalten gar keine möglichkeit mit den gesetzlichen kassen abzurechnen. sie können nur privatpatientInnen aufnehmen. mir wird es wohl ähnlich ergehen: trotz eines masters in psychologie mit schwerpunkt klinische psychologie und psychoanalyse wird es mir kaum möglich sein approbierter therapeut zu werden. die kosten der anschl. weiterbildung sind viel zu hoch. mir bleibt daher nichts anderes übrig als einen heilpraktikerschein zu beantragen. ich darf dann als "heilpraktiker für psychotherapie" privatpatientInnen und selbstzahlerInnen behandeln. trotz meines studiums bin ich dann heilpraktikerInnen gleichgestellt, die keinerlei studium absolviert haben. da frage ich mich: wozu die ganze mühe und die finanziellen schwierigkeiten eingehen? der wunsch menschen zu helfen, scheint in unserer gesellschaft immer weniger anerkennung zu finden, egal ob sozialarbeiterInnen, pflegerInnen, erzieherInnen usw... hätte ich doch nur BWL studiert...
08.09.2011 17:48 Uhr
von m e:
Ein paar Anmerkungen:
"An die Praxisphase schließt sich noch die theoretische Ausbildung an": dies ist aus meiner Sicht missverständlich - die theoretische Ausbildung läuft normalerweise parallel zu den zwei Ausbildungsteilen "Praktische Tätigkeit" und "Praktische Ausbildung" (jeweils mind. 1,5 Jahre), das kann bedeuten, man arbeitet Vollzeit in einer Klinik und hat zusätzlich nebenher Seminare, je nach Ausbildungsinstitut unter der Woche abends, am Wochenende Fr/Sa oder Sa/So... Nicht zu vergessen die Selbsterfahrungsseminare und während der "Praktischen Ausbildung" die Supervisionsstunden.
"Viele Praktikanten werden als vollwertige Arbeitskräfte missbraucht", sagt Julia Walendzik, PiA-Sprecherin der Berliner Psychotherapeutenkammer: Liebe Julia Walendzik und alle, die sich selber bzw. PiAs als "Praktikanten" bezeichnen: Wir sind KEINE PRAKTIKANTEN! PiAs (= Diplom-PsychologINNen) machen die PRAKTISCHE TÄTIGKEIT, die nichts mit einem Praktikum zu tun hat und dies auch nicht soll - wie man ja auch im Artikel lesen kann.
Des Weiteren möchte ich anmerken, dass zu dem Leben UNTER dem Existenzminimum auch oft weitere Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass PiAs keine klar definierte Anstellung sowohl während der "Praktischen Tätigkeit" als auch der "Praktischen Ausbildung" haben, so dass beispielsweise keine Sozialversicherungsbeiträge (Rente!) gezahlt werden (was wiederum Probleme bei einem Krankenkassenwechsel macht) oder die Krankenversicherung nicht wie eigentlich üblich über die Klinik läuft. Der unklare Status der PiAs macht zudem auf sämtlichen Ämtern (Arbeitsamt, Befögamt, etc.) Schwierigkeiten. Darüber hinaus scheint es nicht einfach zu sein, als PiA einen Kredit zu bekommen.
Ein weiteres Problem ist aus meiner Sicht der vollkommen ungeregelte Mutterschutz und die Elternzeit - und das, obwohl die Ausbildung vor allem Frauen machen und oft genau in den Zeitraum einer möglichen Familienplanung fällt.
Es gäbe noch unzählige weitere Problemfelder diesbezüglich, z.B. die Notwendigkeit einer vorläufigen Approbation, die umfangreiche Umstrukturierung der "Aus"bildung ("Weiter"bildung aber Ländersache), wie im Beitrag oben schon genannt: nicht vertretbare, ungerechte Unterschiede zwischen Ausbildung zum Ärztlichen Psychotherapeuten und Psychologischen Psychotherapeuten, die Gestaltung der Examensfragen, die krassen Unterschiede zwischen den Ausbildungsinstituten, etc.
Zuletzt noch eine Sache: aus meiner Sicht wird total vernachlässigt, was es für die Qualität der Psychotherapie an sich bedeutet, wenn Psychologische Psychotherapeuten in Ausbildung sich in einer solch desolaten finanziellen und psychisch belastenden Situation befinden und zugleich einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.
08.09.2011 13:45 Uhr
von Anny Nym:
Ein weiterer Knüller an der Psychotherapeutenausbildung ist der sagenhafte Unterschied der zwischen Diplom-Psychologen und Medizinern gemacht wird. Psychologische Psychotherapeuten absolvieren dazu eine Ausbilung von 4000-4200 Stunden. Mediziner lernen 300-600 Stunden dazu und sind Ärztliche Psychotherapeuten ...
Leserkommentare
11.09.2011 13:39 Uhr
von FaSi:
ich kann den kommentaren nur zustimmen. neben diesen unhaltbaren zuständen kommt im anschluss noch die angst hinzu, ob man überhaupt eine kassenzulassung erhält. die kontingente sind äußerst beschränkt und trotz steigender PatientInnenzahlen will die bundesregierung im ambulanten bereich streichungen vornehmen. so könnten in den nächsten jahren bis zu 3800 therapeutInnen im ambulanten bereich fehlen. ein weiteres problem: die unterschiedlichen kosten der ausbildung. als angehender analytiker muss ich ordentlich draufzahlen. kollegInnen mit einer ausbildung in anderen verfahren bspw. systemischer therapie erhalten gar keine möglichkeit mit den gesetzlichen kassen abzurechnen. sie können nur privatpatientInnen aufnehmen. mir wird es wohl ähnlich ergehen: trotz eines masters in psychologie mit schwerpunkt klinische psychologie und psychoanalyse wird es mir kaum möglich sein approbierter therapeut zu werden. die kosten der anschl. weiterbildung sind viel zu hoch. mir bleibt daher nichts anderes übrig als einen heilpraktikerschein zu beantragen. ich darf dann als "heilpraktiker für psychotherapie" privatpatientInnen und selbstzahlerInnen behandeln. trotz meines studiums bin ich dann heilpraktikerInnen gleichgestellt, die keinerlei studium absolviert haben. da frage ich mich: wozu die ganze mühe und die finanziellen schwierigkeiten eingehen? der wunsch menschen zu helfen, scheint in unserer gesellschaft immer weniger anerkennung zu finden, egal ob sozialarbeiterInnen, pflegerInnen, erzieherInnen usw... hätte ich doch nur BWL studiert...
08.09.2011 17:48 Uhr
von m e:
Ein paar Anmerkungen:
"An die Praxisphase schließt sich noch die theoretische Ausbildung an": dies ist aus meiner Sicht missverständlich - die theoretische Ausbildung läuft normalerweise parallel zu den zwei Ausbildungsteilen "Praktische Tätigkeit" und "Praktische Ausbildung" (jeweils mind. 1,5 Jahre), das kann bedeuten, man arbeitet Vollzeit in einer Klinik und hat zusätzlich nebenher Seminare, je nach Ausbildungsinstitut unter der Woche abends, am Wochenende Fr/Sa oder Sa/So... Nicht zu vergessen die Selbsterfahrungsseminare und während der "Praktischen Ausbildung" die Supervisionsstunden.
"Viele Praktikanten werden als vollwertige Arbeitskräfte missbraucht", sagt Julia Walendzik, PiA-Sprecherin der Berliner Psychotherapeutenkammer: Liebe Julia Walendzik und alle, die sich selber bzw. PiAs als "Praktikanten" bezeichnen: Wir sind KEINE PRAKTIKANTEN! PiAs (= Diplom-PsychologINNen) machen die PRAKTISCHE TÄTIGKEIT, die nichts mit einem Praktikum zu tun hat und dies auch nicht soll - wie man ja auch im Artikel lesen kann.
Des Weiteren möchte ich anmerken, dass zu dem Leben UNTER dem Existenzminimum auch oft weitere Schwierigkeiten dadurch entstehen, dass PiAs keine klar definierte Anstellung sowohl während der "Praktischen Tätigkeit" als auch der "Praktischen Ausbildung" haben, so dass beispielsweise keine Sozialversicherungsbeiträge (Rente!) gezahlt werden (was wiederum Probleme bei einem Krankenkassenwechsel macht) oder die Krankenversicherung nicht wie eigentlich üblich über die Klinik läuft. Der unklare Status der PiAs macht zudem auf sämtlichen Ämtern (Arbeitsamt, Befögamt, etc.) Schwierigkeiten. Darüber hinaus scheint es nicht einfach zu sein, als PiA einen Kredit zu bekommen.
Ein weiteres Problem ist aus meiner Sicht der vollkommen ungeregelte Mutterschutz und die Elternzeit - und das, obwohl die Ausbildung vor allem Frauen machen und oft genau in den Zeitraum einer möglichen Familienplanung fällt.
Es gäbe noch unzählige weitere Problemfelder diesbezüglich, z.B. die Notwendigkeit einer vorläufigen Approbation, die umfangreiche Umstrukturierung der "Aus"bildung ("Weiter"bildung aber Ländersache), wie im Beitrag oben schon genannt: nicht vertretbare, ungerechte Unterschiede zwischen Ausbildung zum Ärztlichen Psychotherapeuten und Psychologischen Psychotherapeuten, die Gestaltung der Examensfragen, die krassen Unterschiede zwischen den Ausbildungsinstituten, etc.
Zuletzt noch eine Sache: aus meiner Sicht wird total vernachlässigt, was es für die Qualität der Psychotherapie an sich bedeutet, wenn Psychologische Psychotherapeuten in Ausbildung sich in einer solch desolaten finanziellen und psychisch belastenden Situation befinden und zugleich einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.
08.09.2011 13:45 Uhr
von Anny Nym:
Ein weiterer Knüller an der Psychotherapeutenausbildung ist der sagenhafte Unterschied der zwischen Diplom-Psychologen und Medizinern gemacht wird.
Psychologische Psychotherapeuten absolvieren dazu eine Ausbilung von 4000-4200 Stunden.
Mediziner lernen 300-600 Stunden dazu und sind Ärztliche Psychotherapeuten ...