Seine Filme sind alltäglich, ironisch, nah an der Gegenwart: Nanni Moretti, italienischer Regisseur und Schauspieler, ist nun Jurypräsident des Filmfestivals in Cannes. von Barbara Schweizerhof

Ein Regisseur der Zwischentöne: Nanni Moretti. Bild: dapd
Es gibt vier Dinge, für die sich Nanni Moretti zeit seines Lebens begeistert hat: Kino, Süßigkeiten, Sport und Politik. Die ersten beiden Leidenschaften hat der Regisseur und Schauspieler in seinem Lebenswerk auf wunderbare Weise verbunden: Seine Produktionsfirma nannte er nach seiner Lieblingstorte "Sacher Film"; das Programmkino in Rom, das er seit 1991 betreibt, "Nuovo Sacher".
Auch Sport und Politik wusste Moretti, der als junger Mann Wasserballsport auf semiprofessionellem Niveau betrieb, im Kino zu kombinieren: In seinem Film "Palombella rossa" (1989) verkörperte er einen Wasserball spielenden KP-Funktionär, der durch einen Unfall sein Gedächtnis verliert. Er weiß noch, dass er Kommunist war, nur weiß er nicht mehr, warum. Es war die Schlüsselfrage der Wendejahre, weswegen die sperrige Filmburleske zum Kultfilm avancierte.
Jetzt ist Moretti zum Jurypräsidenten des Filmfestivals in Cannes ernannt worden. Er ist das rare Beispiel eines Filmemachers, der politisches Engagement mit Humor und Selbstironie verbindet. Im Ausland gilt er als Galionsfigur der italienischen Linken, in Italien selbst kennt man ihn als entschiedenen Kritiker sowohl Berlusconis als auch der Linken selbst.
Mit seinen letzten Filmen, der Berlusconi-Farce "Il caimano" (2006) und "Habemus Papam" (2011), in dem ein Papst vor Versagensangst aus dem Vatikan flüchtet, hat er sich konsequent zwischen alle Stühle gesetzt: den einen nie deutlich genug in der Kritik, den anderen immer zu plakativ. 1953 geboren, gehört Moretti zu jener Post-68-Generation, die mit dem Gefühl erwachsen wurde, das Wesentliche verpasst zu haben.
Morettis Filme sind alltäglich, ironisch, nah an der Gegenwart. Wie kein anderer kann Moretti die melancholischen Seiten des politischen Engagements beschreiben. An einer Stelle in "Caro Diario" (1994), einem seiner bekanntesten Filme, erklärt er, wie traurig ihn der Gedanke mache, dass er selbst in einer verbesserten Gesellschaft immer noch zu einer Minderheit gehören würde. Der Autofahrer, den er mit diesen Einsichten belästigt, wünscht ihm hastig alles Gute und fährt davon.
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