Mitglieder der Bands Portishead und Goldfrapp vertonen Carl Theodor Dreyers Meisterwerk "Die Passion der Jeanne dArc" mit großem Orchester.von MAX DAX

Anders als bei anderen kulturellen Prestigeveranstaltungen durfte das Publikum seine Getränke in den Vorführungssaal mitnehmen. Bild: max dax
Die grauen Wolken hängen tief über der maikalten Hafenstadt Bristol, zwei Eisenbahnstunden westlich von London. Vor der Colston Hall, dem nach dem Sklavenhändler Edward Colston benannten größten Konzertsaal der Stadt, drängelt sich ein Publikum, das sich nicht in philharmonische Abendgarderobe geworfen hat, sondern Bier trinkt und Zigaretten raucht. Im großzügigen Foyer der Colston Hall: eine schier endlose Schlange an der Gästelistenkasse. Der Vorverkauf für die Weltpremiere von Carl Theodor Dreyers "Die Passion der Jeanne d'Arc" in der Neuvertonung von Adrian Utley und Will Gregory verlief so schleppend, dass die Veranstalter kurz entschlossen bei einem lokalen Radiosender ein großes Kontingent Freikarten auf den Markt geworfen haben. Ganz offenbar hatte man sich verkalkuliert, sich zu sehr darauf verlassen, dass der Klang der Namen Utley und Gregory, die hauptberuflich in den aus Bristol stammenden Bands Portishead und Goldfrapp spielen, ausreichend Publikum ziehen würden.
In Berlin wäre eine derartige Aufführung des Dreyer-Films vermutlich im Handumdrehen ausverkauft gewesen, eingeschränkte Senderechte meistbietend an Arte verscheuert und die Veranstaltung selbst von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) mit einer tiefen Verbeugung vor den "Exzellenzen" im Publikum feierlich eröffnet worden. So hatte es sich zumindest zugetragen, als im Rahmen der 60. Berlinale die wiederhergestellte Fassung von Fritz Langs "Metropolis" im Friedrichstadtpalast welturaufgeführt wurde. Und fast das gleiche Bild (nur ohne Neumann) bot sich, als die ebenfalls von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierte neue Masterkopie von "Die Nibelungen" in der Deutschen Oper in Westberlin feierlich präsentiert wurde. Bei beiden Fritz-Lang-Ereignissen handelte es sich zweifellos um kulturpolitische Markierungen ersten Ranges. Deutschland inszenierte sich vor allem vor dem internationalen Publikum der Internationalen Filmfestspiele als Kulturnation, die ihre "deutsche" Identität auf dem Fundament ihres kulturellen Erbes neu definiert - pikanterweise unter hochnotpeinlichem Totschweigen der offensichtlichen antisemitischen Grundierung von vor allem "Metropolis".
Das Screening der "Passion von Jeanne d'Arc" in Bristol hatte gegenüber der von der Politik vereinnahmten symbolischen Kraft der Lang-Stummfilme etwas rührend Provinzielles. Es gab keine Laudatio, und auch dass Dreyers 1928 gedrehter Film jahrzehntelang in England wegen Empire-Feindlichkeit auf dem Index stand, war den Veranstaltern, dem Stiftungsgremium der Colston Hall, gerade mal einen Nebensatz im Programmfaltblatt wert.
Anders als bei den hochoffiziellen Prestigeveranstaltungen in Berlin durfte das Publikum Bier und Schnaps mit in den bestuhlten Saal und in die Balkone nehmen, und als i-Tüpfelchen der sympathischen Nichtperfektion knatterte der Filmprojektor so laut, dass er in leisen Momenten der Musik wahrnehmbar zu hören war.
Schließlich war es die Musik, die diese Filmaufführung in den Rang des Besonderen hob: ein Ensemble aus sechs elektrischen Gitarristen, darunter Adrian Utley, zwei Synthesizern, darunter Will Gregory, Perkussionisten, einem Bläserensemble und einem achtköpfigen Chor - alle Musiker, anders als bei den rein akustischen Aufführungen in Berlin, mikrofoniert und verstärkt. Utley und Gregory verstießen mit ihrer Vertonung gegen den Wunsch Dreyers, der sein Werk in seiner puren Form gezeigt sehen wollte - stumm, ohne Musik. Sie komponierten einen Score, der wenig bis gar keine Rücksicht weder auf die Entstehungszeit noch den Handlungsraum des Films nahm.
Die ersten vierzig Minuten der Filmmusik sind geprägt von wiederkehrenden Melodie-Patterns und rhythmischen Motiven, die immer wieder aufs Neue gegeneinander getaktet wurden, sodass sie hier voneinander getrennt nebeneinander zu hören waren und dort sich überlagerten. In der Synchronizität mit den Gesichtsstudien Renée Falconettis, die in filmhistorischer Vorreiterrolle das Innenleben der von ihr gespielten Jeanne d'Arc fast ausschließlich als Schauspiel ihrer Gesichtszüge abbildet, entsprach die Musik während der ersten Hälfte des Films dem Minimalismus der filmischen Inszenierung.
Die zweiten vierzig Minuten gehörten den Schichtungen der elektrischen Gitarren, deren Wall of Sound zunehmend an die Obertonkaskaden Glenn Brancas erinnerte. Die Steigerung der Musik stand auch hier in Entsprechung zu den Bildern: Während die erste Hälfte des Films in expressionistischen Zerrperspektiven und mit stark gesetzten Schatten den Gerichtsprozess zeigt, in welchem Jeanne d'Arc von der Kirche zum Widerruf der Behauptung gedrängt wird, sie handele als die Tochter Gottes im Auftrag des Herrn, dreht auch der Film in seinem zweiten Abschnitt auf. Denn Jeanne d'Arc widerruft den Widerruf, sie wird zum Tode verurteilt, ein Scheiterhaufen wird errichtet, das gaffende Volk fühlt sich zunächst gut unterhalten, doch im Moment ihres Todes erkennen die Menschen in ihr plötzlich eine Heilige. Ein Aufstand bricht aus, der von den Briten blutig niedergeschlagen wird. Von Dreyer in überaus drastischen Bildern inszeniert, ist es die Schlussviertelstunde des Films, die mit ihren Gegenschnitten zwischen den Massenszenen des Volksaufstands und den statisch ruhigen Bildern von Jeanne d'Arcs Verbrennung auch heute noch ein rauschhaftes Kinoerlebnis darstellt.
Auf der Aftershow-Party in der Bar der Colston Hall versammelt sich die Bristoler Musikprominenz und trinkt eimerweise Grolsch Bier. Geoff Barrow von Portishead, John Parish, Musiker von Massive Attack und Goldfrapp sind alle mit ihren Familien gekommen. Ihre Augen leuchten, als hätten sie gerade ihren ersten Kinobesuch hinter sich. Auf die Frage, weshalb sich Utley und Gregory ausgerechnet Dreyers Film ausgesucht hätten, antwortet Gregory, der mit seiner Band Goldfrapp erst kürzlich ein laut bollerndes Eurodisco-Album veröffentlichte: "Wir suchten gezielt nach einem Film, zu dem es noch keinen Kanon an Scores gab." Vermutlich durch Dreyers Verdikt, bitte keine Musik zu seiner "Jeanne d'Arc" zu komponieren, gab es in der Vergangenheit kaum Vertonungen des Films.
Man muss es sich vor Augen halten, dass Dreyer mit seinem Diktat 1928 ein völlig radikales Statement abgegeben hat, denn Stummfilme wurden in den Zwanzigerjahren traditionell mit lauter Musik vor einem Publikum gezeigt, das keine Hemmungen hatte, sich während einer Vorführung laut zu unterhalten. "Auf wirklicher Stille zu bestehen, und das bei diesen extremen Studien von Falconettis Gesichtszügen - ist ein revolutionärer Akt Dreyers." Utley, der sein Feierabend-Pint in vier Zügen leert, ergänzt: "Und dann steht man da, im luftleeren Raum. Zu ,Nosferatu', zu ,Metropolis' oder zu den ,Nibelungen' gibt es jeweils zeitgenössische Orchesterpartituren. Die Aufgabe eines Musikers wäre also vermutlich, auf diesen aufzubauen, sie zu kommentieren oder zu modernisieren. Bei ,Die Passion der Jeanne d'Arc' gab es gar nichts, auf das wir hätten Bezug nehmen können. Wir haben diese Leerstelle als Lizenz gesehen, um unsere ganz eigene Musik zu machen, die weder klassische Stummfilmbegleitung ist noch an Portishead oder Goldfrapp anknüpft."
Dass es keine Tradition einer Filmmusik zu Dreyers Film gibt, mag auch daran liegen, dass "Die Passion der Jeanne d'Arc" über Jahrzehnte, bis 1981, als verschollen galt, das Negativ vernichtet in grausamer, allegorischer Spiegelung des abgebildeten Todes - bei einem Feuer. Carl Theodor Dreyer starb in dem Glauben, sein Film sei für immer verloren und in seiner Vollständigkeit nicht mehr restaurierbar. Nach all dem staatstragenden Humpta um die Rekonstruktion der Meisterwerke Fritz Langs sollte man schließlich das berühmte Mantra Jonas Mekas' nicht vergessen: "Every minute as we are talking, films are falling to dust." Die schrullige Bristoler Eigeninitiative entpuppte sich als gelungener Versuch, einem kanonisierten Stummfilmklassiker neues Leben einzuatmen. Eine gute Nachricht, wenn man an Giorgio Moroders schaurig-campe Adaption von "Metropolis" aus dem Jahr 1984 zurückdenkt.
Mitreden, obwohl ich keine Ahnung habe: 7 schlaue Sätze zu Irland und dem Referendum über den Sozialpakt. Vom widerspenstigen Volk und der Krise als Gottesstrafe. von Ralf Sotscheck

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare