Popstar Joanna Newsom übers Texten

„Ich behandle Worte mit Pietät“

Die Kalifornierin Joanna Newsom über die Kunst zu texten und die Komposition ihres neuen Albums „Divers“, welches am Freitag erscheint.

Joanna Newsom am Pazifik mit Papagei

Nicht in Straßenklamotten: Joanna Newsom am Pazifik mit Papagei. Foto: Annabel Mehran/Promo

taz.am wochenende: Joanna Newsom, es ist überwältigend, Ihrem neuen Album „Divers“ zuzuhören und dabei Ihren Songtexten zu folgen. Ihr Landsmann, der Dichter Ralph Waldo Emerson, beschrieb Worte einst als „Fakten der Natur“. Was bedeuten Ihnen Worte?

Joanna Newsom: Wenn ich Worte in Songs oder Gedichten lese, kommt mir als Erstes ihre Verwandtschaft zu anderen Arten von Kunst in den Sinn. Wir versuchen, der Wahrheit mit Sprache auf die Spur zu kommen. Wie kompliziert das ist, wird gerade bei unserem Gespräch deutlich.

Warum?

Ich versuche die Regeln der Konversation zu befolgen, aber stelle mich dabei ungeschickt an. Anders in meinen Songtexten, darin kommen Gedanken und Argumente in strukturierter Form zum Ausdruck. Ich behandle Worte mit Pietät, das schaffe ich im Alltag nicht.

In Ihren Texten ist ein Motiv wahrnehmbar: Krieg als Ausdruck gewalttätiger Zeiten, auf individueller Ebene auch Zweifel, innere Schlachten, die ausgefochten werden. Sie knüpfen diese Turbulenzen an real existierende Ortsnamen. In dem Song „Waltz of the 101st Lightborne“ ist die Rede von Chabot, einem College in Kalifornien ...

Dort steht ein Observatorium, ich verbinde mit dem Ort etwas Romantisches. Krieg als Motiv taucht mehrmals auf dem Album auf. Es geht um die Frontlinie, aber auch um die Frontier, die Grenze der westlichen Zivilisation. Und um die Grenze, die von Kalifornien aus den Horizont am Himmel vom Wasser des Pazifiks trennt. Die Idee, dass eine Schlacht an einer Grenze stattfindet, die unverrückbar erscheint, ist ein Gedanke, der mich schon lange umtreibt.

Die 33-jährige Harfenistin Joanna Newsom gilt seit ihrem Debütalbum "The Milk-Eyed Mender" (2004) als Ausnahmeerscheinung unter den US-Singer-Songwritern. Newsoms Porzellanpuppenstimme und der manierierte Klang ihres Instruments machen ihre Musik unverwechselbar. Dazu kommen sinfonische Arrangements und poetische Texte.

Ihr neues Album "Divers" (Drag City/Rough Trade) wurde unter anderem von Dave Longstreth (Dirty Projectors) und Nico Muhly arrangiert.

Joanna Newsom live: 5. November, "Admiralspalast", Berlin

Was gefällt Ihnen an altmodischen Begriffen, in denen es bei Ihnen nur so wimmelt?

Jedes Wort, das es je gab, existiert weiterhin. Oftmals hat es seine ursprüngliche Bedeutung beibehalten. Sprache kann sich wandeln, genau wie Politiker ihre Ansichten ändern, deshalb verschwinden Worte nicht. Ich arbeite nun mal mit Musik und Lyrik, da liegt es nahe, akkurat zu texten. Worte müssen in Reimschemata und Silbenbetonungen passen. Von daher ist ein breiter Wortschatz nützlich.

Alles in allem klingt „Divers“ panoramatisch, die Songs bauen dramatisch aufeinander auf, jeder Ton sitzt an der richtigen Stelle. Welches Setting schwebte Ihnen vor?

Für die Komposition von „Divers“ sind zwei Vorgänge erwähnenswert: Zum einen habe ich vorab die Reihenfolge der Songs festgelegt, das harmonische Prinzip von Song zu Song schrieb dies vor. Und daher beeinflusste die Reihenfolge alle anderen Entscheidungen, etwa die Ausgestaltung der Arrangements. Meine früheren Alben wurden erst nach den Aufnahmen gereiht, das geschah intuitiv. Zum anderen habe ich in den neuen Songs beim Komponieren Platz für Overdubs gelassen, im Studio wurden weitere Klangschichten hinzugefügt. Außerdem habe ich nun für jeden Song andere Arrangeure bestimmt, in der Vergangenheit ließ ich die Alben zur Gänze von einem Musiker arrangieren, etwa von Van Dyke Parks.

Weil Sie gerade den Filmmusikkomponisten Van Dyke Parks erwähnen: Mit ihm teilen Sie Erfahrungen in Hollywood, wo Sie kürzlich für Paul Thomas Anderson in dessen Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“ eine tragende Rolle spielten. Parks erklärte einmal über den Ethos in Hollywood, es fühle sich an „wie im alten Rom. Glamourös, aber brutal“.

Meine Erfahrung ist sicher nicht die gleiche. Parks steht unter ganz anderem Druck als ich. Paul Thomas Anderson, der Regisseur, ist ein persönlicher Freund von mir. Ich musste nicht zum Vorsprechen. Allgemein verkehre ich außerhalb der Filmwelt, obwohl ich die Dreharbeiten durchaus inspirierend fand. Aber nicht inspirierend genug, um kopfüber ins Haifischbecken von Hollywood einzutauchen. Dieser Aspekt der Unterhaltungskultur bleibt mir fremd.

Und doch hat „Divers“ durchaus filmische Momente, jeder Song entspricht einem Charakter, wie in einem Cast.

Da haben Sie recht. Man könnte das allerdings über alle meine Alben sagen, es gibt wie bei „Inherent Vice“ immer eine Erzählerin, die jedes meiner Alben strukturiert. Das ist jeweils eine Version von mir, die mit dem Wesen des jeweiligen Albums korrespondiert. Also sind bestimmte Anteile meiner Persönlichkeit immer von dieser Erzählerin ausgeblendet. Während andere Anteile übertrieben dargestellt oder verfremdet sind, weil dies dem Charakter der Musik dienlich ist. Das geht so weit, dass ich mich auf dem Cover-Artwork abbilden lasse.

Etwa für „Divers“ mit einem Papagei auf der Schulter.

Das bin nicht ich in meinen Straßenklamotten, das ist eine ästhetische Komponente des Albums. Ich stelle das auch bildlich dar und spreche damit zum Spirit der Musik.

Hat die Rolle als Sortilege in „Inherent Vice“ Einfluss auf Ihre musikalische Formensprache genommen?

„Divers“ war fertigkomponiert, als ich mit den Dreharbeiten für „Inherent Vice“ anfing. Ihre Beobachtung ist insofern richtig, weil ich für die Arbeit als meist unsichtbare Erzählstimme im Film aus meinem musikalischen Erfahrungsschatz schöpfen konnte. Ein Voice-Over funktioniert immer sehr musikalisch. Anderson zeigte mir vorab die Szenen, die ich dann kommentierend sprechen musste. Dabei entwickelte ich Rhythmus, verlangsamte, beschleunigte, änderte …

den Erzählfluss …

… Dieser Fluss korrespondiert auf musikalische Weise mit dem, was die Kamera zeigt. Diese Musikalität hat mich nicht eingeschüchtert. Direkt vor der Kamera zu stehen dagegen schon.

Zu Beginn Ihrer Karriere wurden Sie unter „seltsame Folkmusik“ und „Singer-Songwriter“ einsortiert. Inzwischen hat Folk zig Revivals durchlaufen, Äonen bärtiger Künstler geben auf ihrer Klampfe traurige Weisen zum Besten. Macht die Bezeichnung Folk noch Sinn?

Ich wüsste keinen besseren Begriff für meine Musik. Allerdings wurde ich schon im Kindesalter auch mit klassischer Musik sozialisiert. Mein Musiklehrer ermunterte mich zur Improvisation. Prägend für mich ist bis heute der Einfluss von Singer-Songwritern der Goldenen Generation. Die Beschreibung Singer-Songwriter passt daher zu mir.

Singer-Songwriter haben in den USA auch soziale Funktion, aus ihren Texten spricht Graswurzelpolitik. Inwiefern trifft das auf Sie zu?

Folk hat ein Element der Sozialkritik, der steht auf meiner Tagesordnung allerdings weit hinten. Ich bin viel zu solipsistisch. Zumindest wenn ich texte, lebe ich in einem Vakuum, anders als Bob Dylan, der ja zumindest in den Sechzigern ganz offen Regierungen und gesellschaftliche Problemlagen kritisierte. Mich interessieren Alben der siebziger Jahre ohnehin mehr, ob es damals um Gesellschaftskritik besser oder schlechter bestellt war, sei dahingestellt, es ging mehr um Selbsterklärung, Gier und Zynismus.

Wie kommt Ihnen denn Ihr Heimatland gerade vor?

Es ist ein Riesenland, deshalb fällt mir es schwer, allgemein darüber zu urteilen. Wenn ich sozialen Wandel wahrnehme, der mich inspiriert, nehme ich genauso schreckliche Ereignisse wahr, dann möchte ich die Decke über den Kopf ziehen. Mit 20 war ich militant antiamerikanisch eingestellt. Aber erst jetzt verstehe ich, was es bedeutet, Amerikanerin zu sein. Zunehmend empfinde ich Begriffe wie Nation oder Staatsgrenzen abstrakt, besonders im Zeitalter der elektronischen Informationen und Reisefreiheit.

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