Bernd Kirchner lieferte Informationen über das Hannoversche Rotlichtmilieu und über die Skandale bei VW. Dann wurde er selbst angeklagt - unter dubiosen Vorzeichen. Die Landesregierung sieht keinen Handlungsbedarf.von Daniel Wiese

Hier trieb sich Bernd Kirchner als V-Mann herum: Hannovers Rotlichtbezirk, das Steintorviertel. Bild: dpa
HAMBURG | taz Für diesen Augenblick hat er lange gekämpft. Bernd Kirchner, der fallen gelassene V-Mann aus Hannover, hat Landtags-Abgeordnete angeschrieben, ihre Mailboxen vollgequatscht, aber außer einem unverbindlichen "Wir schauen uns das mal an" nichts erreicht.
Jetzt endlich haben die Grünen eine Anfrage an die Landesregierung gestellt, zweimal drei Fragen "den Fall Bernd Kirchner" betreffend. "Haben Sie das gesehen?", sagt Kirchner am Telefon, er ist aufgeregt. Vielleicht, sagt er, wird jetzt doch noch alles gut.
Als V-Mann hatte Kirchner Informationen über Sex-Partys bei VW geliefert, über das Rotlichtmilieu in Hannover und über Staatsanwälte, die dort sehr intim verkehrten. Die Legende, die ihm die Polizei verpasst hatte, war die eines Zuhälters aus dem Ruhrgebiet, Kirchner lebte auf großem Fuß. Bei der Polizei galt er als "bester Mann".
2005 fand vor dem Landgericht Hannover ein Prozess statt, der Anklagte: Kirchner. Die selbe Staatsanwaltschaft, mit der er zuvor zusammengearbeitet hatte, warf ihm nun Menschenhandel, Zuhälterei, Beihilfe zur Prostitution und Vergewaltigung vor. "Es war schon auffällig, wie Kirchner da durch die Akten gegeistert ist", sagt der Rechtsanwalt Raban Funk, der bei dem Prozess dabei war. Kirchner sei "auf dem Silbertablett" als Täter präsentiert worden.
Funk, Mitglied einer renommierten Kanzlei in Stolzenau an der Weser, hatte in dem Prozess die Nebenklägerin vertreten. Seine Mandantin, eine ehemalige Geliebte Kirchners, behauptete, dieser habe sie vergewaltigt. Er habe bald Zweifel an dieser Darstellung gehabt, sagt Funk. Der Prozess sei von der Staatsanwaltschaft aber "auf Teufel komm raus" durchgezogen worden, so Funk.
Am Ende blieb von den Vorwürfen gegen Kirchner nicht viel übrig. Zur Last gelegt wurde ihm nur noch, eine Prostituierte zu einem Bordell gefahren zu haben - das Verfahren wurde gegen ein Auflage von 200 Arbeitsstunden eingestellt.
"Die Prostituierte hatte ich bei mir vor einer Razzia versteckt, weil wir sie als Zeugin brauchten", sagt Kirchner. In einem an ihn adressierten Brief, der der taz vorliegt, schreibt der damals für Kirchner zuständige Kripobeamte L., "dass die Anschuldigungen gegen dich auch Teile unserer Legendbildung waren". Der Staatsanwaltschaft sei das "in unzähligen Schreiben" mitgeteilt worden - sie habe die Hinweise jedoch ignoriert.
Von all dem ist in der Antwort der Landesregierung auf die Anfrage der Grünen nicht die Rede. Die Suspendierung sei erfolgt, "nachdem strafrechtliche Vorwürfe gegen Herrn Kirchner bekannt geworden waren", schreibt Innenminister Uwe Schünemann (CDU). Das habe ihm "die Polizeidirektion Hannover berichtet".
Ausgerechnet mit der aber liegt Kirchner im Streit: Die Polizeidirektion verweigert ihm bis heute die Erstattung seiner Anwaltkosten aus dem damaligen Prozess. Dabei hatte die Polizei Kirchners Anwalt selbst beauftragt, das bestätigt Kirchners Führungsbeamter L. Daraus könne "auch abgeleitet werden, wer für die entstandenen Kosten verantwortlich ist", so L.
Räumte die Polizeidirektion Hannover ein, dass es die Polizei selbst war, die einen Anwalt mit der Verteidigung ihres V-Manns beauftragte, wäre das die offizielle Bestätigung von Kirchners Version: Die besagt, er habe stets in Absprache mit seinen Vertrauensperson-Führern gehandelt. Dann aber müsste die Polizeidirektion sich fragen lassen, warum sie nicht frühzeitig interveniert hat, als die Staatsanwaltschaft zu ermitteln begann.
In seiner Verzweiflung hat Kirchner sogar schon Anzeige gegen den derzeitigen hannoverschen Polizeipräsidenten Uwe Binias gestellt. Der hatte sich der Behauptung seines Vorgängers angeschlossen und gesagt, von einer Übernahme der Kosten sei nie die Rede gewesen. Kirchners Anwalt aus dem damaligen Prozess kann man nicht mehr fragen: Er verstarb. Auch Kirchners Führungsbeamte können erst seit kurzem reden - die Polizeidirektion hatte ihnen ein Kontaktverbot zu dem früheren V-Mann erteilt - Begründung: Kirchner müsse geschützt werden.
Für Kirchner bedeutete der Prozess das Ende seiner Karriere als V-Mann - seine Identität war aufgeflogen, das Milieu wusste jetzt, dass er Polizeispitzel war. "Kirchner ist da hineingestolpert", glaubt Rechtsanwalt Funk, der Kirchner nach dem Prozess selbst einige Jahre lang vertreten hat. Kirchner sei wohl einigen Leuten zu nahe gekommen: Staatsanwälten und Kripobeamten mit Verbindungen zum Milieu, aber auch der Politik, als er darüber berichtete, wie die Sexpartys bei VW vertuscht worden seien.
Das sei damals "bis in höchste Regierungskreise gegangen", so Funk. Auch der Sprecher des damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) sei eingeschaltet gewesen: Olaf Glaeseker, gegen den derzeit die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Korruption ermittelt.
Nach seiner Enttarnung musste Kirchner, inzwischen 60, raus aus Hannover. Derzeit versteckt er sich auf dem Land und bezieht Hartz IV. Er sagt, er wolle weiterkämpfen.
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Leserkommentare
29.01.2012 04:57 | Torin
Wer den Fall im Kontext veratehen möchte googelt am Besten nach Frank Hanebuth, Christian Grahl und Götz von Fromberg. Han ...
29.01.2012 00:10 | Bernd Kirchner
das der damalige Polizeipräsident mit allen seinen Aussagen zu meinem Fall, nur Lügen verbreitet, kann ich nachvollziehen, ...