Großer Jubel über den Einzug ins Parlament, die genaue Zahl ist fast egal. Auch 9,8 Prozent würde kein Mehr an Abgeordneten bringen - die Landesliste endet mit Platz 15. von SVENJA BERGT

Die Piratenfeier in Kreuzberg Bild: dpa
Als er tatsächlich erscheint, der Balken, der orangefarbene, will der Jubel auf der Wahlparty der Piratenpartei im Kreuzberger Club Ritter Butzke gar nicht mehr aufhören. Auch wenn da noch keine Zahl darüber steht, wenn noch nicht klar ist, wie viele Kandidaten der Landesliste des tatsächlich ins Abgeordnetenhaus schaffen. Egal. Der Balken ist da, man steht nicht mehr unter "Sonstige", sondern ist im Parlament.
Auf der Party wirkt es ein bisschen wie zur Grünen-Anfangszeit. Frische und selbst geschmierte Brote gibt es, Äpfel und Kekse, in den Partyräumen stehen alte Sofas, überall liegen leere Bierflaschen. Jemand dreht sich einen Joint, es riecht nach Rauch und Bier, staubige Lichtkegel gleiten durch den Raum, aus den Boxen kommt sehr basslastige elektronische Musik. Nicht einmal annähernd ein Vergleich mit den aufgeräumten Partys anderer Parteien. Doch Vergleiche mit den Grünen hören die Piraten ohnehin nicht gern. Man sei ganz anders, schon was das Programm angehe und überhaupt.
Ja, es sind vor allem 18- bis 24-Jährige hier auf der Wahlparty, die, die laut Wahlforschern die Kernzielgruppe der Piratenpartei sind. Und ja, es sind merkbar mehr Männer als Frauen auf der Party. Wobei nicht alle Anwesenden auch Mitglieder sind. Eine junge Frau ist zum ersten Mal bei einer Veranstaltung der Piratenpartei, sie überlege einzutreten. "Vielleicht bin ich bald dabei."
Vorläufig amtlich (Erg. 2006)
SPD: 28,3 (30,8)
CDU: 23,4 (21,3)
Grüne: 17,6 (13,1)
Linke: 11,7 (13,4)
Piraten: 8,9 (0)
NPD: 2,1 (2,6)
FDP: 1,8 (7,6)
Die gute Laune auf der Wahlparty lässt auch nicht nach, als der Balken zwischendurch etwas kürzer wird. Von 8,5 geht es runter auf 7,7. Dann missversteht jemand die "Hochrechnung Ost", glaubt, dass die 9,8 Prozent für ganz Berlin gelten würden, und bricht in lauten Jubel aus - allein. Dabei würden auch 9,8 Prozent nicht ein Mehr an Abgeordneten bringen - die Landesliste endet mit Platz 15, Nachnominierungen ausgeschlossen.
"Als wir damals die Liste aufgestellt haben, dachten wir, boah wär das geil, wenn wir 5 Prozent kriegen", erklärt Simon Kowalewski, Vorletzter auf der Landesliste. Er muss noch zittern am Wahlabend, je nach Hochrechnung bekommt er einen Sitz im Abgeordnetenhaus oder nicht. Ein historischer Moment sei das, wie auch immer es für ihn ausgehe. "Jetzt zeigt sich, dass sich die ganze Plackerei tatsächlich gelohnt hat", sagt Julia Schramm, die seit zwei Jahren dabei ist.
Müde, fertig, glücklich - das sind die Kommentare der Piraten. Die meisten wirken ein bisschen, als könnten sie gar nicht glauben, was passiert, als wäre der Abend ein Traum, und morgen würden sie aufwachen und wahlkämpfen und in den Umfragen bei 3,5 Prozent liegen. Nur ab und zu, wenn jemand für einen kurzen Moment begreift, was hier eigentlich gerade passiert ist, ruft jemand: "So geil" oder "Ich kann nicht mehr."
Mittlerweile projiziert jemand die Ergebnisse aus den Bezirken auf die Wand. Menschentrauben bilden sich davor, es herrscht Empörung. "Die haben uns einfach in ,Sonstige' reingesteckt", beschwert sich ein Pirat. Der Balken liegt dafür bei teilweise 20 Prozent. Grau, nicht orange. In Lichtenberg habe man in mehreren Lokalen CDU und Grüne geschlagen, erzählt ein anderer, man debattiert über die ganzen Leute, die sich auf einmal melden, wenn man Erfolg hat. Da kommt gerade das neueste Ergebnis rein: 9 Prozent.
"Die Zahlen sind das eine, jetzt müssen wir auch liefern", sagt Manuela Schauerhammer, einst stellvertretende Vorsitzende der Partei. "Wir müssen uns in die Debatte einbringen und so viel Druck wie möglich aufbauen." Klar sei: Man werde in fünf Jahren nicht die kompletten parlamentarischen Abläufe umkrempeln können. "Aber wenn 50 Prozent der jetzt nicht öffentlichen Sitzungen dann öffentlich wären, das wäre ein Erfolg."
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Die Hauptstadt hat gewählt. Rot-Rot hat verloren. Der bisherige Senat hat keine Mehrheit mehr. Dafür zog am 18. September 2011 die Piratenpartei erstmals in ein Landesparlament ein. Sie bekam gleich 8,9 Prozent der Stimmen. Auch die Grünen legten ordentlich zu. Für eine Regierungsbeteiligung reichte es dennoch nicht. Denn die Koalitionsgespräche mit der SPD sind geplatzt. Die Sozialdemokraten verhandeln nun mit der CDU über die Bildung des neuen Berliner Senats.
Alle taz-Texte zur Berlinwahl 2011 finden Sie hier in der Übersicht.
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Leserkommentare
19.09.2011 12:11 | aurorua
Mal sehen ob das Ganze nur eine Zeiterscheinung ist und wenn nicht, wie lange die Ausbeuter, Kapitalisten und ihre Lobbyist ...