Philosophie für alle

Popstar Precht

Früher hatten wir Adorno, Böll, Arendt. Heute talkt der „Lifestyle-Philosoph“ Richard David Precht im Fernsehen. Wo sind bloß unsere Intellektuellen?

Kann philosophieren und unterhalten: Richard David Precht.  Bild: dpa

Kennen Sie das Talkshow-Paradoxon? Nein? Es geht so: Ein Intellektueller, der nicht im Fernsehen ist, wird nicht gehört. Ein Intellektueller, der im Fernsehen ist, wird nicht mehr ernst genommen.

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Wie ist es mit dem klug-oder-gutaussehend-Vorurteil in gebildeten Kreisen, kennen Sie das? Es hält sich verdammt hartnäckig: Wer schön ist, ist auch blöd.

Falls Sie davon noch nicht gehört haben: Richard David Precht hat es bestimmt. Seine populärwissenschaftlichen Bücher „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ – ein Übererfolg, 1,5 Millionen mal verkauft –, „Liebe: Ein unordentliches Gefühl“ und „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ haben ihm den Titel des „Lifestyle-Philosophen“ eingehandelt. Precht erklärt Philosophie in einer Sprache, die viele als unter ihrem Niveau erachten: Sie ist einfach.

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Wo sind bloß unsere Intellektuellen? Die Titelgeschichte „Auf der Suche nach Adorno“ lesen Sie in der taz.am wochenende vom 29./30. Juni 2013. Darin außerdem: „Die verneinte Idylle“: Eine Fotoreportage über sterbende Dörfer. Und der Streit der Woche zur Frage: „Stuttgart, Rio, Istanbul: Schafft Wohlstand Protest?“ Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Und dann sieht er noch ganz nett aus, wenn er bei Illner und Jauch sitzt! „Ich hab da keine Chance“, sagt er, und: Je höher der Gerechtigkeitsanspruch einer Gesellschaft, desto größer der Neid.

taz-Chefreporter Peter Unfried hat den Philosophen in seiner Kölner Wohnung besucht, um zu verstehen, was das für einer ist, über den die Leute möglichst überlegen lächeln – und was das über den Zustand der Intellektuellen aussagt. Ja, früher, sagen sie, da hatten wir noch Intellektuelle. Adorno. Bloch. Arendt. Die Mitscherlichs. Grass, Böll, Enzensberger. Jürgen Habermas, klar. Heute haben wir Precht. Armes Deutschland!

Was Intellektuelle waren – das institutionalisierte schlechte Gewissen der Deutschen, immer in Negation zur Bundesrepublik, antiamerikanisch, anti-AKW, antikapitalistisch – ist mittlerweile eine Mainstream-Haltung.

„Das kann ich ja auch“

Der Strukturwandel der Öffentlichkeit aber hat die Intellektuellen verändert, der Zwang zur Spezialisierung, der Rationalisierungsdruck von außen, die Entwicklung der Medien und der damit verbundene Bedeutungsabsturz des Zeitungsfeuilletons. „Precht macht dumm“, war in der Zeit zu lesen. Kaum besser als Oliver Pocher, in der SZ.

„Von Deutschen wird nur jene geistige Leistung wirklich bewundert, die man nicht ganz versteht“, sagt Precht. „Weil man sich sonst sagt: Das kann ich ja auch." Er findet, durch seine Übersetzungen verschaffe er den Massen Zugang zu Denken und Wissen – in dieser Woche hat er das Philosophie-Festival Phil.Cologne miteröffnet.

Demgegenüber steht Adornos Kritik an der Kulturindustrie in „Dialektik der Aufklärung“, wonach Massenkultur etwas Sinnfreies ist, das man Leuten untergejubelt hat, damit sie konsumieren – geschrieben allerdings aus der historischen Erfahrung eines deutschen Großbürgers, der als Jude vor den Nazi-Deutschen ins Exil fliehen musste.

Precht schreibt heute – aus Sicht eines Philosophen, dessen Eltern Achtundsechziger, Marxisten und Atheisten waren.

„Den machen wir berühmt", soll Elke Heidenreich laut FAZ gesagt haben, nachdem sie „Wer bin ich“ 2008 in ihrer Sendung „Lesen“ empfohlen hatte.

„Nein, habe ich nicht gesagt“, stellt sie auf Nachfrage klar. Aber?

„Als ich Prechts einfache Erklärung von Philosophie las, wusste ich: dafür ist Bedarf.“

Sie glaubt übrigens, dass nur schön ist, wer auch klug ist.

Glauben Sie das auch? Kann Philosophie Lifestyle sein? Warum will Precht jetzt das Gymnasium abschaffen? Und worüber reden Intellektuelle heute überhaupt, haben sie noch Themen, die ähnlich polarisieren wie die deutsche Vergangenheit? Wir freuen uns über Ihre Meinung. Diskutieren Sie mit – hier auf taz.de.

Die Titelgeschichte „Auf der Suche nach Adorno“ lesen Sie in der taz.am wochenende vom 29./30. Juni 2013.

 

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