Personalnot in Hamburger Kliniken

Hilferuf aus dem Krankenhaus

Pflegepersonal an Kliniken zeigt immer häufiger Missstände und Engpässe an. Für die Gewerkschaft Ver.di ein Hinweis auf unhaltbare Zustände.

Wenn es an Personal mangelt: Gewerkschaft Ver.di hat am Montag einen „Hilferuf aus dem Krankenhaus“ gestartet. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

HAMBURG taz | Die Gewerkschaft Ver.di hat am Montag einen „Hilferuf aus dem Krankenhaus“ gestartet. „Die Zustände in den Kliniken sind beschämend und sie sind gefährlich“, sagte Sylvia Bühler vom Ver.di-Bundesvorstand bei einer Fachtagung. „Die schlechten Arbeitsbedingungen machen die, die sich um Kranke kümmern, selbst krank.“

Bei der Tagung wurden zwölf anonymisierte Gefährdungsanzeigen von Pflegepersonal aus Hamburger Kliniken vorgelesen. Mit Gefährdungsanzeigen kann das Personal die Klinikleitung auf Missstände und Gefahren aufmerksam machen.

So zeigte etwa eine Krankenschwester an, dass sie in ihrer Nachtschicht auf der Intensivstation wegen akuter Notfälle andere Patienten vernachlässigen musste. Sie habe Routineaufgaben des Nachtdienstes nicht erledigen können und das „ungute Gefühl, nicht alle Patienten im Blick gehabt und vor allem die Neuaufnahmen nicht suffizient versorgt zu haben“.

Aus einer anderen Klinik berichtete eine Krankenschwester: „Station unterbesetzt, Einsatz von Leasingkräften. Die ganze Arbeit bleibt am Stammpersonal hängen: Telefon, Angehörige, Neuaufnahmen, Entlassungen, Notfälle, Erklärungen an die Leasingkräfte, wie hier was gemacht wird jeden Tag aufs Neue. Nur selten kommt eine Leasingkraft, die die Situation kennt.“ Sie „hatte gerade erst Urlaub ( … ) und fühle mich schon wieder urlaubsreif“.

2004 trat das Krankenhausfinanzierungsgesetz in Kraft, mit dem von Verweildauer auf Fallpauschale umgestellt wurde.

Die Kliniken rechnen nun mit den Kassen unabhängig von der Aufenthaltsdauer ab. Das führt dazu, dass es mehr Patienten gibt, die in kürzerer Zeit behandelt werden.

Gespart wird seitdem am Personal: Allein in Hamburg wurden seit 2004 rund 3.000 Vollzeitstellen in der Pflege abgebaut.

Aus der Nachtschicht auf einer Kinderstation berichtete eine Schwester, die als Vertretung einspringen musste, dass sie keine Informationen erhalten habe, wen sie anrufe solle, wenn sie Hilfe benötigt. „Es gab nur ungenügende Anordnungen, da ich keine Kinderkrankenschwester bin und auch keinerlei Erfahrung mit kranken Kindern habe, war das für mich eine gefährliche Situation.“

Eine andere Krankenschwester meldete, dass sie an einem Tag neun frisch operierte Patienten betreuen musste. „Desweiteren waren elf andere Patienten übergeben worden. Darunter eine tracheotomierte bettlägrige Patientin, die häufig abgesaugt werden musste. Die anderen Stationen konnten mir nicht helfen, alle waren nur mit einer Schwester besetzt.“

Für Ver.di deuten diese Hilferufe auf unhaltbare Zustände hin. „Die Politik weiß um die dramatischen Engpässe und die damit verbundenen Risiken für Patienten und Beschäftigte“, sagte Bühler. Es sei zynisch, darauf zu setzen, dass es der Markt richten werde. Die Verantwortung, sichere medizinische Versorgung zu gewährleiste, liege bei der Bundesregierung.

Das war auch der Hintergrund der morgendlichen Lesestunde. Denn Montagmittag stand im Petitionsausschuss des Bundestags die Anhörung zu einer Petition für eine gesetzliche Personalbemessung in Kliniken an. Ver.di hatte dafür bundesweit mehr als 180.000 Unterschriften gesammelt. Bundesweit fehlen laut Ver.di nämlich mindestens 70.000 Pflegekräfte – in Hamburg sollen es 4.200 Krankenschwestern und Pfleger zu wenig sein.

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