Parawissenschaften als Studienfach

Die Zauberschule an der Oder

Vom Hellsehen bis zur Homöopathie: Die Universität Viadrina in Frankfurt macht sich mit einem obskuren, privat finanzierten Institut lächerlich.

Langzeitstudenten telefonieren nach Hause.  Bild: reuters

BERLIN taz | Das müsste die Wissenschaft erschüttern: Ein spezieller Aluminiumspiegel soll den Kontakt zu Außerirdischen ermöglichen, auch Gespräche mit Verstorbenen und Hellsehen. Ein Student des Weiterbildungsstudiengangs Komplementärmedizin im brandenburgischen Frankfurt an der Oder hat ihn in einer Masterarbeit überprüft. Er selbst und Bekannte hätten mithilfe des Spiegels in einer Vorstudie bereits „telepathische Kontakte“ gehabt. Nach einer Reihe statistischer Auswertungen seines Hellsehexperiments kommt der Verfasser zu einem klaren Fazit: „Die Wirksamkeit halte ich für erwiesen.“

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Schwachsinn? Offenbar nicht aus Sicht der Universität Viadrina. In einem Newsletter lobt sie die Arbeit als hervorragend, kündigt gar deren Publikation an.

Überhaupt passieren in Frankfurt (Oder) seltsame Dinge: Mit dem 2007 eröffneten Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) hat sich die Hochschule den Spott von Wissenschaftsbloggern eingehandelt. Als „Hogwarts an der Oder“ titulieren die die Viadrina, frei nach der Zauberschule der Harry-Potter-Romane. Und das nicht erst seit der Hellseh-Masterarbeit.

Bereits in der Vergangenheit war das IntraG durch obskure Kooperationspartner aufgefallen, etwa die Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin (DGEIM). Dahinter verbirgt sich ein Lobbyverband von Medizinern, die sich unter anderem für spekulative Verfahren wie die Geistheilerei erwärmen. Gemeinsam war ein Lehrmodul geplant, das allerdings nicht zustande kam – wegen mangelnder Nachfrage, wie es damals hieß.

Im Curriculum der DGEIM war unter anderem der Esoteriker Hartmut Müller vorgesehen, der etwa versprach, mittels Gravitationswellen Lottozahlen vorherzusagen, und 2012 wegen Betrug verurteilt wurde. In der oben genannten Masterarbeit wird Müller als wissenschaftliche Quelle aufgeführt.

Empfehlung zum Verzicht

Im vergangenen Sommer kamen Gutachter, die im Auftrag der Potsdamer Landesregierung alle Hochschulen auf Stärken und Schwächen abklopften, zu einem eindeutigen Schluss: Man empfehle der Viadrina „nachdrücklich den künftigen Verzicht“ auf den Studiengang Komplementärmedizin, so die Hochschulstrukturkommission: „Eine Fortführung des Instituts für transkulturelle Gesundheitswissenschaften ist weder wie bisher als In-Institut noch als An-Institut zu befürworten.“ Ein Armutszeugnis für die Uni.

Doch die hat nun anders entschieden: Das Institut soll bleiben – man wolle sich aber eine medizinische Fakultät als Kooperationspartner suchen, um die wissenschaftliche Qualität zu sichern. Der Hochschulleiter und ehemalige UN-Diplomat Gunter Pleuger will sich nicht zu den Details äußern, lässt aber ausrichten, dass er hinter dieser Entscheidung stehe.

Ein Mitglied des Gutachtergremiums reagiert irritiert. „Mich überrascht das schon“, sagt der Mann der taz. In der Uni-Leitung habe niemand widersprochen, als man das Ergebnis erläuterte. Ein anderer Gutachter sagt, die Bedenken der Kommission seien so durchgreifend gewesen, dass auch die Zusammenarbeit mit einer Medizinfakultät „keine wirkliche Verbesserung der Situation“ sein könne.

Das Land Brandenburg hat im Stiftungsrat der Hochschule, dem obersten Entscheidungsgremium, ebenfalls auf ein Ende der Peinlichkeiten gedrängt. Das Problem: Es hat dort keine Mehrheit, nur ein Vetorecht. Als der Studiengang geschaffen wurde, hat es von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Solange der Stiftungsrat nun nicht gegen das Institut stimmt, kann das Land innerhalb der Universität wenig ausrichten.

Die Anfrage der taz beantwortet Harald Walach, der Leiter des Instituts, auf eigenwillige Art: per Blog-Eintrag auf der Institutshomepage. Er und seine Kollegen würden nun einmal „gute Arbeit“ leisten, meint er darin. Das sehe wohl auch die Uni so.

Finanziert von Alternativmedizin-Firmen

Martin Mahner, Gründungsmitglied des Skeptikerverbands Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), befürchtet, dass die Entscheidung andere Gründe haben könnte: In dem umstrittenen Institut steckt viel privates Geld. „Es wäre zumindest nicht ungewöhnlich, wenn der konzertierte Einfluss von Geldgebern und dem von Alternativmedizin-Lobbyisten zu dieser Entscheidung geführt hätte“, sagt Mahner. Die Uni bestreitet, ihren Entschluss aus Gefälligkeit gegenüber Finanziers getroffen zu haben.

Walachs Lehrstuhl wird mit 100.000 Euro im Jahr vom Homöopathie-Hersteller Heel bezahlt. Weitere 100.000 Euro für eine Stiftungsprofessur bringen vier Alternativmedizin-Unternehmen auf. Dazu kommen Projektförderungen. Eine besondere Skurrilität: Universitäten, die viel privates Geld einwerben, erhalten als Belohnung höhere Landeszuweisungen – egal ob die Drittmittel der Quacksalberei oder dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen. Im vergangenen Jahr bekam die Viadrina laut Wissenschaftsministerium „50.000 bis 70.000 Euro“ zusätzliches staatliches Geld durch das IntraG. Das ist nicht viel, aber immerhin.

Die Viadrina ist nur ein Beispiel dafür, wie mit privater Hilfe an den Hochschulen Lehren wiederbelebt werden, die als gescheitert aussortiert sind. Die Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung unterstützt seit 2010 Universitäten, die das Wahlpflichtfach Homöopathie im Medizinstudium anbieten. Die Stiftung vermittelt Dozenten, hilft bei der Erarbeitung des Curriculums und gibt 750 Euro Zuschuss pro Semester. An der Charité in Berlin hat sie sogar eine Professur gestiftet.

Dabei zeigen etliche Studien, dass Homöopathie nicht hilft. Alles andere wäre auch eine Sensation, weil die Wirkstoffe in homöopathischen Arzneien traditionell bis unter die Nachweisgrenze verdünnt werden. Einen medizinisch plausiblen Grund für die Alternativmedizin-Therapie gibt es nicht. Homöopathie-Ikone Walach bemüht daher gar die Quantentheorie, um zu erklären, warum Medikamente ohne Wirkstoff doch wirken sollen.

Und natürlich steht die Homöopathie auf dem Lehrplan seines Instituts – sogar in einer ihrer speziellen Spielarten, die fast zwangsläufig zu den Produkten der Firma Heel führt, jenem Pharmaunternehmen, das Walachs Lehrstuhl bezahlt.

Walachs Auslegung der Quantentheorie eignet sich nicht nur, um nutzlosen Arzneien Heilung anzudichten. In der Masterarbeit soll sie auch das Hellsehen plausibel machen. Die Ergebnisse des Absolventen sind inzwischen publiziert: in der Zeitschrift für Anomalistik, einem Journal für Themen wie Ufo-Sichtungen, Nahtod-Erfahrungen, Reinkarnation und Astrologie.

Die Schlussfolgerung des Papiers klingt allerdings ganz anders als noch in der Abschlussarbeit. Das Experiment mit dem Aluminiumspiegel liefere „keinen direkten Hinweis“ auf Hellseherei. Wenn das die Wissenschaft nicht erschüttert.

 

Wie weit gehen Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft? Das will die taz mit Hochschulwatch ausleuchten. Hinweise und Dokumente an: hochschulwatch@taz.de.

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