Die Junge Union Oberfranken hat seit vier Jahren eine Singlebörse im Netz. Jetzt ist die Twitter-Gemeinde über sie hergefallen. Doch dabei sollte die Seite längst offline sein. von PAUL WRUSCH

Sucht lieber im echten Leben nach ihrem Traumpartner: Besucherin beim Münchner Oktoberfest. Bild: ap
BERLIN taz | „Nur wer für die Zukunft, also für Kinder sorgt, kann es sich erlauben, in der Gegenwart im Wohlstand zu leben.“ Mit der These preist die Junge Union (JU) in Oberfranken ihre Singlebörse an. Vor allem auf junge Leute haben sie es natürlich abgesehen. "Wer noch nicht vergeben ist, soll sich eintragen, je mehr mitmachen, desto besser!“ Gemeinsam wollen sie dem demografischen Wandel entgegen wirken.
Der Aufruf blieb recht erfolglos. Nur 16 einsame JUler glaubten an das Projekt, schickten Fotos, füllten Fragen nach Hobbies, Beruf und Wunschpartner aus. Datenschutz und Privatsphäre schienen aber sowohl bei den Betreibern als auch bei den Einsamen keine Rolle zu spielen. Im öffentlich zugänglichen Bereich der Singlebörse stehen die Jungs und Mädels mit Foto, vollem Namen, Email-Adresse und Handynummer.
Die Traumfrau von Markus R. etwa sollte „2 bis 4 Jahre jünger“ sein. Zudem „nett und gemütlich und darf ein Bier vertragen“. Feuerwehr, Domchor, CSU und JU sind seine Hobbies. Thomas R. ist weniger anspruchsvoll. Seine Wunschpartnerin soll „einfach ganz normal“ sein. Auch Melanie W. scheint bodenständig zu sein. Sie sucht nach einem Partner, der „liebevoll, treu, romantisch und spontan“ ist. Frauen sollten es ohnehin leichter haben auf der Singlebörse. Nur zwei suchten ihren Mann fürs Leben.
Jacob N. trägt gern „seltsame Kopfbedeckungen“, von Beruf ist er „Zitronenfalter“ und er sucht „süße Mädels. Gezwungenermaßen aus dem Ostblock“. Humor bei der Jungen Union? Nein, Jacob war damals bei der Grünen Jugend. Wenigstens zeigt die JU politische Toleranz und öffnete sich Andersdenkenden. Unter Jacob sucht Lara H. nach einem „starken Hasen“. Sie „hofft auf die starken Jungs bei der JU“, die „in Bayern was erreichen“ können.
Sonntagabend tauchte der Link zur Singlebörse erstmals beim Kurznachrichtendienst Twitter auf. Schnell wurde er von der Netzgemeinde verbreitet. Mit Häme überzog sie die „Zombieinvasion", den „kaputten Haufen“ und wundert sich darüber, dass keine Homosexuellen nach PartnerInnen suchen. Manche sind sich sicher, dass die Seite ein Fake sein müsse.
Ist sie aber nicht. Das Schreckgespenst des demografischen Wandels – Geburtenrückgang, Überalterung, schrumpfende Städte und der ganze Rest – hatte vor vier Jahren Oberfranken erreicht. Das blieb auch bei der JU nicht unbemerkt. Sie schrieb sich das Thema auf die politische Agenda. Schließlich musste gehandelt werden, schnell. Diskussionsrunden, Infoveranstaltungen und Broschüren waren den Vorsitzenden nicht genug. Ganz praktisch musste man an die Probleme rangehen, die jungen Menschen in der Region sollten wieder zueinander finden. Da es mit Bierzelt, Feuerwehrverein oder Bushaltestelle nicht mehr zu klappen schien, wurde das Internet entdeckt.
Soll eine Singlebörse erfolgreich für mehr Kinder sorgen, muss sie intensiv gepflegt werden. Dafür hatte scheinbar keiner mehr Zeit. Seit mindestens zwei Jahren wurde sie nicht mehr aktualisiert. Diejenigen, die damals nach ihrem Wunschpartner per JU-Singlebörse suchten, wundern sich, dass sie noch heute online ist. Florian Goßler zum Beispiel. „Ich dachte, die Seite wäre längst aus dem Netz verschwunden. Seit Januar 2010 haben wir doch einen neuen Internetauftritt“, sagt er taz.de.
Dass seine Anzeige noch online ist, wusste er nicht. „Die ist ohnehin nicht mehr gültig. Ich bin längst verlobt“, erzählt er. Seine Zukünftige hat Goßler allerdings nicht via Singlebörse gefunden. Die Idee findet er heute veraltet. „Es gibt doch längst Facebook und Co., da braucht man so eine Seite gar nicht mehr.“ Jetzt will er den Webmaster bitten, die Seite doch offline zu nehmen.
***Update***
Von wegen keine Ahnung vom Netz: Die JU Oberfranken hat schnell reagiert. Noch am Montagabend wurden zwei Anzeigen wohl auf dringliche Bitte gelöscht. In der Nacht auf Dienstag ging die Seite dann ganz vom Netz.
Ein U-Boot für die Online-Enzyklopädie will er nicht sein: Marcus Cyron ist der erste Wikipedianer in Deutschland, der in einem wissenschaftlichen Institut angestellt ist. von Torsten Kleinz

Kita-Ausbau, Betreuungsgeld, Flexi-Quote - nix klappt bei der Familienministerin. Keine Schnute ziehen, Frau Schröder. taz.de hat Vorschläge für andere Aktivitäten.

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.


Leserkommentare
09.10.2010 15:55 | men-bakery
Einfach nur zum Brüllen!!! LOL!!!
10.08.2010 17:49 | die PARTEI Bottrop
Schade, mein Eintrag dort wurde auch nach wenigen Minuten wieder gelöscht.. Dabei wollte ich doch nur eine nette Dame mit g ...
10.08.2010 12:52 | meiomei
Abgesehen vom Rechtschreibfehler bei der Bildunterschrift ist die Dame eine Bedienung in irgendeinem Bierzelt. ...