Eine Ausstellung in Neumünster rekonstruiert die Sammlung des Papierfabrikanten Paul Ströhmer. Der machte ein diffamierendes Nolde-Bild zum Zentrum seines Bestandes, obwohl er selbst kein Antisemit war.von Hajo Schiff

Judenfeindliche Stereotypen: Ein Ausschnitt aus Emil Noldes "Philister". Bild: Stiftung
NEUMÜNSTER taz | Keine bunten Blumen! Was große Teile des Publikums magisch anzieht, fehlt in der hauptsächlich Emil Nolde gewidmeten Ausstellung in Neumünster. Doch der Verzicht auf farbig getuschte Naturbilder geht nicht aufs Konto der Kuratoren Ulrike Wolff-Thomsen und Martin Henatsch, sondern ergibt sich aus dem historischen Bestand der Sammlung, die hier wieder zusammengestellt wurde.
Denn weitgehend vergessen war, dass die Villa Wachholz, seit 2007 Zentrum der ambitionierten Kunst-Stiftung Herbert Gerisch in Neumünster, schon vor 100 Jahren Ort einer bedeutenden Kunstsammlung war. Buntpapierfabrikant Paul Ströhmer (1861-1945), der Bauherr der heutigen Villa, hatte dort zwischen 1903 und 1923 insgesamt 110 Ölbilder, Aquarelle, Grafiken und Keramiken zusammengetragen.
Es waren vor allem Werke von Emil Nolde und den Expressionisten Christian Rohlfs und Otto Mueller sowie Zeichnungen des Berliners Heinrich Zille und Drucke von Hokusai und englischen Künstlern der Jahrhundertwende.
In über zweijähriger Arbeit haben die Kuratoren jetzt versucht, die Sammlung zu rekonstruieren. Sie werteten den erstaunlich weitgehend erhaltenen Briefwechsel mit den Künstlern und Sammlerkollegen aus. Und sie forschten mit fast kriminaltechnischen Methoden nach dem Verbleib der teilweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg weiter verkauften Arbeiten. Und das alles ohne öffentliche Gelder, aber mit 30 Förderern aus der Region.
Herausgekommen ist eine Ausstellung mit Teilen des originalen Sammlungsbestandes, ergänzt um gleichartige Arbeiten aus der Nolde-Stiftung in Seebüll - was bei Druckgrafik ja problemlos möglich ist - und mit motivähnlichen Arbeiten aus anderen Sammlungen, die die verschollenen Arbeiten ersetzen.
Dazu erschien ein Katalog, der Bedeutung und Intention des Sammlers Paul Ströhmer wieder bekannt macht.
"Ich bin neugierig, ob ich fähig sein werde, den Wert Ihrer Bilder erfassen zu lernen", schreibt Paul Ströhmer 1909 an Emil Nolde. Er beginnt eine langjährige Auseinandersetzung mit dessen Werk, schätzt weit über das damals Übliche hinaus dessen sonst oft als verrückt geltende Figuren und religiösen Szenen. Der bürgerliche Fabrikant nutzt die Kunst Noldes zu einer geradezu tiefenpsychologischen Erforschung seines Menschenbildes.
Trotz einiger Kunstabende in erweitertem Kreis war der Sammler mit seiner Vorliebe in der Kleinstadt ziemlich allein. Denn über die Atmosphäre im damaligen Neumünster macht sich das Sammlerehepaar keine Illusionen: "Ich finde, Berlin ist die Stadt der Jugend, Hamburg die Stadt des Mittelalters (nebenbei geradezu tot gegen Berlin) und unser linkes Neumünsterchen die Stadt der Alten und Unmündigen", schrieb Gertrud Ströhmer 1911 an Ada Nolde.
Folglich bieten sich dem Sammler aus der engstirnigen preußischen Kleinstadt anhand von Noldes Bildern zwei Fluchtwelten an: die idealisierte naturnahe Heimat mit Kühen und nackten Badenden - und eine erträumte Exotik der Südseefolklore mit Tänzerinnen im Bastrock.
Doch auch Nolde schätzte den Austausch mit dem Sammler - in Briefen und Empfehlungen, in persönlichen Besuchen und Leihgaben seiner Kunst. "In der Heimatprovinz fand meine Kunst fast nur Ablehnung. Erst mit Hamburg und weiter in Deutschland hinein begann etwas Interesse. Der einzigste mit besonderem Sinn, den sie freute, war Paul Ströhmer in dem kleinen Holsteinstädtchen Neumünster, und auch meine grotesken Bilder, wie damals allgemein, erschreckten ihn nicht", schrieb er. "Die ,Philister' wurden das Hauptbild seiner Sammlung - die verknöcherten Philister, die so oft in Wirklichkeit ich kennengelernt hatte", ergänzte Nolde 1934.
Diese "Philister", bis dato in Privatsammlungen und seit 40 Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt, sind Höhepunkt der aktuellen Ausstellung in Neumünster. Das Bild ist alttestamentarisch religiös aufgeladen, ziemlich sicher auch kulturkritisch gemeint und noch heute nicht leicht zu konsumieren. Denn die Figuren reproduzieren sehr deutlich antisemitische Stereotypen.
Das überrascht nicht: Nolde wurde seit den 20er Jahren immer antisemitischer. 1934 - sofort nach der Gründung - trat der er "Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig" bei. Und in seinem 1934 edierten Band "Jahre der Kämpfe" finden sich Sätze wie "Juden haben wenig Seele und Schöpfergabe." An andere stelle: "Durch ihre unglückselige Einsiedlung in die Wohnstätten der arischen Völker ... ist ein beiderseitig unerträglicher Zustand entstanden."
Bei seinem Bild "Die Philister" streiten sich zwar die Forscher, wer gemeint ist. Tatsache ist aber, dass es eine Ansammlung wohl jüdischer, grämlicher alter Männer in selbstgerechtem Duktus ist, die die Regeln der Welt vorgeben - allen beschwörenden Gesten und weit aufgerissenen Augen ihres Opfers zum Trotz.
Sammler Ströhmer, der weder Antisemit noch Nazi war und dessen Freundschaft zu Nolde seit den 20ern merklich abkühlte, kaufte das pikante Bild trotzdem. Äußerungen von ihm lassen vermuten, dass er hauptsächlich dessen künstlerischen Wert schätzte. Ströhmers Enkel indes sollen das Bild, immer erschreckend gefunden haben.
Ein kunsthistorisches, ein zeitgeschichtliches Dokument auch von Sammlungsgeschichte ist diese neumünstersche Ausstellung somit geworden. Angereichert um anrührende Details - etwa der Tatsache, dass Sammler Paul Ströhmer im Hungerwinter 1916 dem Berliner Künstler Heinrich Zille auf dessen Wunsch Kartoffeln geschickt hat.
Außerdem verleitet diese Schau den Betrachter zur Reflexion - etwa darüber, ob er selbst sich ähnlich radikal für zeitgenössische Kunst einsetzen würde, wie es Paul Ströhmer tat. Diese Ausstellung verdichtet - am historischen Ort - einen zeitgeschichtlichen Moment und weckt leise Zweifel an der viel beschrienen Größe des Expressionismus.
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Leserkommentare
24.03.2012 13:56 | meine name
"preußisches neumünster"? hauptsache die klischeehafte einordnung paßt, oder wie? ...
15.12.2011 01:09 | meine name
"preußisches neumünster"? hauptsache die klischeehafte einordnung paßt, oder wie? ...