• 13.02.2012

Neues Kursbuch nach vier Jahren

Solidarität mit den Abendländischen

Nach vierjähriger Pause erscheint eine neue Ausgabe des Kursbuchs. Sie setzt auf Perspektivdifferenz und zeigt Bilder von Europa in der Krise.von Katja Huber

Romuald Hazoumé möchte Europäern in der Krise helfen.  Bild:  dpa

Der Titel kommt so leichtfüßig daher wie vieles andere, was derzeit an Essaysammlungen unter die Leute gebracht werden, aber auf keinen Fall den Verdacht auf Überkomplexität erwecken soll. "Krisen lieben" heißt das "neue" Kursbuch, das morgen nach vierjähriger Pause erscheint. Wenn man die Nr. 170 allerdings in den Händen hält, scheint es genauso beruhigend schwergewichtig wie seine Vorgänger aus den 60er und 70er Jahren. Auch seine reduzierte äußere Ästhetik könnte eine direkte Übernahme vom Ur-Redaktionsteam Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel sein. Mit den im Zeit-Verlag von 2005 bis 2008 unter Herausgeber Michael Naumann erschienenen Heften hat es außer dem Namen wenig gemein.

"Naumann wollte aus dem Kursbuch ein Hochglanzmagazin machen, und an Cicero sieht man, was ihm eigentlich vorgeschwebt hat", sagt der neue Herausgeber, der Münchner Professor für Soziologie, Armin Nassehi. "Wir wollen an die alte Tradition anschließen, glauben daran, dass es nach wie vor Leute gibt, die längere Essays lesen wollen, und Wissenschaftler, die in der Lage sind, sich so auszudrücken, dass es auch ein größeres Publikum verstehen kann."

Schon im Editorial des neuen Kursbuchs zitieren Armin Nassehi und Chefredakteur Peter Felixberger Enzensbergers Editorial fürs Kursbuch Nr. 1 im Jahre 1965: "Kursbücher schreiben keine Richtungen vor. Sie geben Verbindungen an, und sie gelten so lange wie diese Verbindungen. So versteht die Zeitschrift ihre Aktualität." In einer Ära allerdings, in denen es nicht einmal mehr Kursbücher gibt, so Nassehi und Felixberger, werden die Verbindungen noch temporärer, instabiler und unerzählbarer. Die Herausforderung besteht darin, sie dennoch sichtbar zu machen.

Das neue Kursbuch setzt auf Perspektivendifferenz und will unterschiedliche Stimmen miteinander ins Gespräch bringen. Hierfür scheint Nassehi der richtige Mann: Quotendiskussion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Protest und Wutbürger, Stuttgart 21, Katholizismus und andere Weltreligionen, die Liebe und die Krise: Es ist schwierig, ein Thema zu finden, das der Münchner Soziologe noch nicht anpolemisiert oder gar durchdekliniert hat, und erstaunlich, dass er seine Aktivitäten erst jetzt im "Kursbuch" kanalisiert. "Wir müssen einen Transfer machen von dem, was wir in der Soziologie machen, in eine politische kulturelle Öffentlichkeit, und Bezüge herstellen, in einer Gesellschaft, in der alles möglich ist, aber immer weniger aufeinander bezogen wird."

Ist das Wunschdenken oder tatsächliches Programm? Das neue Kursbuch vereint Ökonomen, Philosophen, Psychologen, bildende Künstler, Literaten und Soziologen. Internationale Perspektiven finden sich noch wenige. Doch auch hier möchte Nassehi den Faden zu Enzensberger wieder aufnehmen, der während seiner gesamten Herausgeberschaft kein Heft mit ausschließlich deutschen Beiträgen im Programm hatte. "Die entscheidenden Sachen passieren anderswo", sagt Nassehi. "Fürs zweite Heft mit dem Titel ,Besser optimieren' diskutieren wir gerade mit einem kenianischen Ökonomen, der über die Optimierung der Entwicklungshilfe nachdenkt."

Hazoumés Masken spiegeln Projektionen

Diese Optimierung beinhaltet natürlich die Kritik der Dritten Welt an der Entwicklungshilfe, und diese Kritik klingt bereits in den zwei spannendsten Beiträgen des aktuellen Hefts an: Die Bilderstrecke "Europa in der Krise" zeigt sechs Masken des Beniner Künstlers Romuald Hazoumé und wird durch Daniela Roths Werkbeschreibung "Kanisterkunst" ergänzt. Hazoumés Masken spiegeln Projektionen, aber auch Probleme und Ängste des Westens wider, sind aus Sperrmüll gemacht.

In Beniner Zeitungen lässt er derzeit Spendenaufrufe schalten, für eine neue Hilfsorganisation: "SBOP. Solidarité Béninoise pour Occidentaux en Péril", also Solidarität mit den Abendländischen. Über 200 NGOs sind im westafrikanischen Benin mit Hilfsprojekten tätig. Was Beniner von diesen vor allem mitbekommen, ist ein allradangetriebener Geländewagen, der vor den Toren jeder dieser Organisationen geparkt ist. Hazoumé will nun Teile dieser Geländewagen verkaufen und den Erlös seiner Hilfsorganisation für den Westen zukommen lassen.

"Europa ist in der Krise! Beniner können Europäern helfen, zum Beispiel ihre (Lebens-)Ängste zu überwinden", ist die spielerisch dargebrachte Botschaft Hazoumés, und diese an sich simple, aber sehr erhellende Betrachtungsweise ist vielleicht paradigmatisch fürs gesamte Heft: Niemand liebt die Krise wirklich, und überdrüssig sind wir ihrer schon lange.

Die Lektüre des Kursbuchs weckt Lust an Fragen wie: In welchem Kontext wären Krisen vermeidbar? Ist das überhaupt wünschenswert, und vor allem: Ist das, was wir Krise nennen, eigentlich Krise? Das kommende Heft wird diese Diskussion hoffentlich auf ebenso unterhaltsame und unerwartbare Weise fortführen.

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