Das neue Einschreibesystem im Internet kann doch nicht zum Wintersemester starten. Wegen doppelter Abiturjahrgänge droht ein Zulassungschaos.von ANNA LEHMANN

Jena: 5300 Erstsemester starteten zum letzten Wintersemester. Bild: dapd
BERLIN taz | Für hunderttausende Studienbewerber gilt seit Dienstag wieder das Prinzip: Bewirb dich an möglichst vielen Hochschulen gleichzeitig, damit es auf jeden Fall an einer Uni klappt. Denn das transparente und zentrale Onlineverfahren, das überbuchte Plätze, lange Wartezeiten und komplizierte Nachrückverfahren überflüssig machen sollte, wird nun doch nicht wie geplant zum Herbst eingeführt. Die Stiftung für Hochschulzulassung, die das Portal hochschulstart.de betreibt, hat am Dienstag entschieden, den avisierten Start abzusagen. "Das wird dazu führen, dass Tausende ihren Weg an die Hochschule nicht finden werden", befürchtet Florian Keller vom Dachverband der StudentInnenschaften, fzs.
Die neuerliche Verschiebung ist doppelt problematisch: Zum Wintersemester werden mehr Studienanfänger als je zuvor erwartet werden. 450.000 Menschen erwarben allein im vergangenen Jahr eine Studienberechtigung. In diesem Jahr werden zudem in Bayern und Niedersachsen die Absolventen der achtjährigen und neunjährigen Abiturjahrgänge gleichzeitig ihre Unterlagen an den Hochschulen einreichen. Hinzu kommen noch bis zu 59.000 junge Männer, die nicht mehr zum Wehrdienst eingezogen werden.
Um den erwarteten Ansturm zu kanalisieren, ließen Länder- und Hochschulvertreter, die in der Stiftung für Hochschulzulassung paritätisch sitzen, vom Fraunhofer-Institut ein sogenanntes dialogorientiertes Verfahren entwickeln. Die Idee: Bewerber können sich per Internet an mehreren Hochschulen bewerben; bekommen sie eine Zusage, können sie den Platz anklicken und fliegen aus allen anderen Wartelisten raus. Die Software sei jedoch nicht mit sämtlichen Computersystemen kompatibel, die die Hochschulen benutzen, erklärt Stiftungssprecher Bernhard Scheer.
Die Vorsitzende des Bildungsausschusses im Bundestag, Ulla Burchardt (SPD), sagte der taz: "Hochschulen und Länder im Stiftungsrat haben als Manager versagt." Sie hätten die alte Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen abgeschafft, dann aber jahrelang kein Konzept gehabt, wie die Studienplatzvergabe organisiert werden könne.
Die ZVS hatte als Vorgänger der Stiftung jahrzehntelang Bewerber nach Durchschnittsnote über die Bundesrepublik verteilt. Bis die Länder auf Wunsch der Hochschulen das "Bürokratiemonster" vor einigen Jahren entmachteten und den Hochschulen das Recht übertrugen, ihre zukünftigen Studierenden auszuwählen. Mit der Sortierung der Massenbewerbungen waren diese jedoch überfordert. Studierende belegten Plätze mehrfach, andere kamen gar nicht zum Zuge, was dazu führte, dass nach Informationen der dpa 2010 fast 17.000 begehrte NC-Studienplätze unbesetzt blieben.
Der Grünen-Hochschulexperte Kai Gehring forderte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zum Eingreifen auf. Sie müsse das Zulassungschaos beheben, statt Zaungast zu bleiben. Schavan verwies auf die Stiftung als Schuldige und insistierte: "Das neue System muss kommen." Der Stiftungsrat versprach, in Kürze einen Aktionsplan vorzulegen, der aufzeige, welche Maßnahmen Länder und Hochschulen ergreifen, damit hochschulstart.de baldmöglichst starten könne. Grüne Hochschulgruppen und fzs forderten den Bundestag auf, einen bundesweit einheitlichen Hochschulzugang zu beschließen.
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Leserkommentare
27.09.2011 09:40 | Erich
Hochschulen sollten nicht schon beim Zulassungssystem auf ihrer Autonomie zuungunsten der Bewerber bestehen. Aber auch die ...
13.04.2011 18:04 | Ihr Hochschulchaotenteam
Na, das hätte ja auch keiner ahnen können! Das Problem der doppelten Abiturjahrgänge ist zwar schon seit mindestens einem h ...
13.04.2011 17:55 | Jens
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