Nazi-Prozess in Rostock

"Schlampige Ermittlungen"

Vor über zwei Jahren wurden Jugendliche In Rostock bei einem brutalen Angriff von mehreren NPD-Anhängern verletzt. Heute beginnt das Verfahren gegen die Rädelsführer.von Andreas Speit

Unter den Rechtsextremisten im Zug war auch der NPD-Fraktionschef Udo Pastörs (2.v.l.), hier bei einem Neonazi-Aufmarsch im brandenburgischen Halbe.  Bild:  dpa

"Ich dachte, das war's", sagt einer der Betroffenen. Vor über zwei Jahren wurde der Jugendliche bei einem brutalen Angriff von mehreren NPD-Anhängern verletzt. Morgen, am 20. Januar, trifft er im Landgericht Rostock drei der Angreifer wieder. Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern gefährliche Körperverletzung und schweren Landfriedensbruch vor. Einer der Beschuldigten: Michael Grewe, NPD-Kommunalpolitiker und Landtagsfraktionsmitarbeiter.

 

Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen beginnt vor der Strafkammer das Verfahren gegen Grewe, Dennis F(rank) und Stefan V(orbroker). "Grewe und Frank sollen die Rädelsführer gewesen sein", sagt Peter Lückemann, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, der taz. Beide hätten mit Zurufen die Kameraden zum  zuschlagen ermuntert und den Rückzug gelenkt. "Zeugenaussagen stützen die Anklage", sagt Lückemann. Der Staatsanwaltschaft und Polizei werfen Nebenkläger und Opferberatung "Lobbi" dennoch vor, durch ihre "schlampigen Ermittlungen" keine weiteren Täter ausgemacht zu haben. "Für die Mehrheit der Schläger bleiben die Gewalttaten folgenlos", sagt Tim Bleis von "Lobbi".

 

Am Samstag den 20. Juni 2007 waren an die 60 Jugendliche und junge Erwachsene mit der S-Bahn Nr. 9016 auf dem Weg nach Rostock. Sie kamen von einem alternativen Festival an der Müritz und wollten sich in der Hansestadt an einer Demonstration gegen einen NPD-Aufmarsch beteiligen. In der Bahn stießen sie auf ein paar Rechten, eine verbale Auseinandersetzung folgte.

 

Beim Halt in Pölchow wechselten die Rechten den Waggon. Plötzlich griffen an die 100 Rechtsextremisten die Jugendlichen an. Sie waren ebenso mit der Bahn nach Rostock unterwegs. Einige Rechte sollen die Notausgänge versperrt, andere Bahnscheiben und Glastüren eingeschlagen haben. Unter Gegröle: "Wir kriegen euch alle", drangen Rechte dann in den Zug. Schlugen auf vermeintlich linksaussehende ein, nicht ohne Mitreisenden zu erklären: "Keine Sorge, wer hier nicht zur Antifa gehört, braucht nichts zu befürchten". "An den Haaren haben sie die Leute rausgezogen und weiter auf sie eingeschlagen", erzählte eine 19-Jährige der taz. "In Gruppen prügelten sie auf einzelne ein", berichtete eine 18-Jährige: "Die Übergriffe filmten sie mit Handys".

 

Unter den Rechtsextremisten im Zug waren der NPD-Fraktionschef Udo Pastörs und die NPD-Landtagsabgeordneten Stefan Köster und Tino Müller. Sie sollen sich aber nicht bemüht haben ihre Gesinnungsgenossen zu stoppen. Als etwa nach 30 Minuten die Polizei eintraf, sprachen Pastörs und Köster indes von einer  "beherzten Gegenwehr", die aus Notwehr geschehen war. Videoaufnahmen würden das belegen. In Pölchow stellten die Beamten prompt nur die Personalien der alternativen Jugendlichen fest. Beweismittel sollen nicht gesichert worden sein, weil die NPD-Kader auf eine Weiterfahrt nach Rostock drängten.

 

Kaum dort angekommen durften die Rechten, nach schneller Personalfeststellung, am Marsch teilnehmen. Kein Handy, keine Kamera der Rechten wurde sichergestellt. Am Bahnhof der Hansestadt erklärte derweil ein Polizeisprecher der taz damals:  "Linke" seien verletzt worden. Das Blut in der S-Bahn Nr.9016, die Haarbüschel und das zerstörte Glas ließen damals schon Zweifel an der Polizeischilderung aufkommen. Im Bahnhof erzählten Jugendlichen der taz kurz nach dem Angriff,  sichtbar verletzt und sichtlich unter Schock, was sie erlebt hatten.

 

Die Version der NPD wirkte allerdings in Medien und Ermittlungsbehörden nach. Nur die taz schrieb nicht von linken und rechten Auseinandersetzungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelte jedoch über ein Jahr gegen "Linke", um dann die Verfahren wegen mangelnden Tatverdachts einzustellen. Das beweislastige Bildmaterial von dem die NPD sprach, tauchte nicht auf. Fast untergegangen wäre dabei eine Zeugenaussage. Schon 2007 hatte der Göttinger Anwalt Sven Adam der Polizei eine Aussage gefaxt. "Der Zeuge belastet Grewe schwer", versichert Adam der taz. 2008 fahndete die Polizei aber erstmal nach einen "aus dem Bundesgebiet zugereisten Veranstaltungsteilnehmer" – mit seinem Foto. Nicht bloß Fachjournalisten erkannten Grewe sofort, der seit über zwanzig Jahren in der Szene aktiv ist. Bei ihm fand die Polizei 1997 auch schon eine Maschinenpistole, einen Karabiner, zwei Pistolen und mehr als 1.000 Schuss Munition.

 

"Diese Ermittlungen haben die Neonazis nicht verunsichert", betont Bleis. In der Szene kursiert ein blau-weißes T-Shirt mit dem Slogan "Endstation Pölchow", der den Angriff glorifiziert. Bisher sind fünf Verhandlungstage geplant.

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