Nach dem Streik

Schlangestehen an der Schleuse

Stop and Go auf der Weser: Nach einem mehrtägigen Streik hat die Hemelinger Schleuse wieder ihren Betrieb aufgenommen. Der Binnenschiffer-Chef ist sauer.

Ohne Wärter keine Schleusung: Die Spitze des Staus in Hemelingen.  Bild: Henning Bleyl

Gestern um fünf Uhr früh warf das erste Binnenschiff wieder seinen Diesel an. Nach einer dreitägigen unfreiwilligen Pause vor dem Weserwehr wurde der Schleusenbetrieb wieder aufgenommen, das Personal hat den Streik – vorerst – beendet.

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Der Stau löst sich nur langsam: Schon in der Kurve zum Weserstadion lagen die Schiffe am Ufer fest, unter der Erdbeerbrücke stauten sie sich dann zu Dreier- und Viererreihen. Kohlefrachter, Schrottis, Stück- und Schüttguttransporter hatten sich miteinander vertäut – und warteten auf eine Einigung zwischen der Gewerkschaft Ver.di und den diversen zuständigen Bundesministerien. Die Weser als Bundeswasserstraße liegt, samt aller technischen Anlagen, in der Zuständigkeit von Verkehrsminister Peter Ramsauer, die Tariffragen hingegen in der des Bundesinnenministers – ein komplexes Zuständigkeitsgeflecht, an dem noch weitere Ministerien beteiligt sind.

Die in Hemelingen wartenden Binnenschiffer nehmen es offenbar eher gelassen. „Jeder Tach kost‘ Geld“, brummelt zwar einer, der in der ersten Reihe am Ufer „parkt“ – was ihn aber nicht allzu sehr zu kratzen scheint. Ungerührt putzt er weiter an seinem Auto herum, das fest vertäut hinter dem Kabinenhäuschen steht.

Ver.di begründet den Streik mit Ramsauers Strukturreformplänen. Der Minister im fernen Berlin will beispielsweise Schleusen automatisieren – aber das ist ein Schicksal, das den Hemelinger Schleusenwärtern keineswegs blüht. Im Gegenteil: Hemelingen ist selbst eine Fernsteuerzentrale, von der aus die Oldenburger Küstenkanalschleuse bedient wird. Dort vor Ort ist lediglich noch der „Abgabenerheber“, wie die Kassierer bei der Wasser- und Schifffahrtsvewaltung (WSV) betitelt sind. Weseraufwärts sind ohnehin schon die KollegInnen aus Minden zuständig, die von dort aus zentral die Schleusen steuern.

„Wir brauchen eine tarifliche Absicherung der Strukturreform“, betont Ver.di-Sprecher Jan Jurczyk nichtsdestoweniger. Betriebsbedingte Kündigungen müssten ausgeschlossen werden, Versetzungen „quer durch die Republik“ ebenfalls. Nach Angaben von Ver.di sind bundesweit ein Viertel der 12.000 WSV-Arbeitsplätze gefährdet.

Das Bremer Wasser- und Schifffahrtsamt hat 300 MitarbeiterInnen – von denen wiederum nur vier in der Schleusensteuerung arbeiten, zuzüglich von noch mal so vielen AbgabenerheberInnen. Die Bremerhavener Kaiserschleuse und die Schleuse am stadtbremischen Industriehafen liegen nicht in der Zuständigkeit der WSV-Leute, da sie dem Land gehören. Bei ihrem jetzt zu Ende gegangenen Streik hatten die Bundesschleuser im Übrigen Glück: „Es stand kein zur Schleusenbedienung autorisierter Beamter zur Verfügung“, erklärt die für Bremen zuständige Ver.di-Sekretärin Sigrid Leidereiter. Nicht immer seien die Dienstpläne dem ununterbrochenen Streikverlauf so hold.

Die Binnenschiffer hätten gegen so eine amtliche Beamtenschleusung nichts einzuwenden gehabt: „Unbeteiligte werden in eine Art Geiselhaft genommen“, schimpft Georg Hötte, Deutschlands oberster Binnenschiffer. Seine Berufsorganisation, der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), forderte bereits im Juli, als die WSV-Mitarbeiter auch schon die Arbeit niedergelegt hatten, die Überarbeitung des Streikrechts. Die Gewerkschaft entscheide „in Gutsherrenart“, ob und wann Transportaufträge noch durchgeführt werden könnten. Der Schaden und das Image „bei der verladenden Wirtschaft“ sei enorm. In der Tat ist die wirtschaftliche Bedeutung auch der Hemelinger Schleuse nicht zu unterschätzen: 2003, sagt der Bremer Amtsnautiker Andreas Kahnwald, seien hier noch 5.318 Binnenschiffe mit einer Fracht von 3,09 Millionen Tonnen geschleust worden, im vergangenen Jahr schon 7.029 Schiffe mit 3,8 Millionen Tonnen.

„Wir kündigen die Streiks so rechtzeitig an, dass sich die Binnenschiffer darauf einstellen können“, hält Ver.di-Mann Jurczyk dagegen. Das sei ein Zugeständnis – und innerhalb der Gewerkschaft durchaus umstritten, da es die die Streikwirkung mindere. „Wir wollen die Binnenschiffer nicht treffen“, beteuert Jurczyk, „aber wir kommen nicht an ihnen vorbei.“ Aus deren Sicht stellt sich der Sachverhalt – und wer nicht an wem vorbeikommt – freilich eher umgekehrt dar. Bis um fünf Uhr in der Frühe: Da war die Welt der Binnenschiffer wieder in Ordnung.

 

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