Musiker Chad Popple über das Schlagzeug

„Jazz, Jazz und noch mal Jazz!“

Eine Tour mit einer US-Mathcore-Band führte Chad Popple Ende der 1990er-Jahre nach Hamburg. Seitdem bereichert er als Schlagzeuger in etlichen Bands das Musiktreiben.

Ist erst in Hamburg zum Jazzer geworden: Chad Popple Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Popple, Sie spielen Schlagzeug, Vibrafon, Tabla und verschiedene Percussion-Instrumente. Welches weitere Musikinstrument würden Sie noch erlernen wollen?

Chad Popple: Ich habe gerade wieder angefangen, Trompete zu spielen. Als ich zehn Jahre alt war, gab es an meiner Schule sogenannte Bandklassen, in denen wir alle möglichen Instrumente ausprobieren durften. Die meisten meiner Mitschüler haben sich damals auf das Schlagzeug gestürzt. Aber ich trommelte ja schon, seitdem ich fünf war. Der Lehrer hat mir also eine Trompete in die Hand gedrückt. Die habe ich ein paar Jahre lang gespielt, dann aber beiseite gelegt, um mich ganz dem Schlagzeugspielen zu widmen. Später habe ich mir ein Kornett gekauft. Das lag sehr lange in der Ecke herum – bis zum Februar dieses Jahres.

Wie kommen Sie damit voran?

Sehr gut. Ich wollte immer schon ein Blasinstrument spielen lernen. Also übe ich jetzt sehr viel. Ich will ja kein Meister darin werden. Aber es macht mir großen Spaß, mit meinem Atem zu arbeiten anstatt mit Stöckern und Schlegeln.

Was hat Sie als Kind dazu gebracht, sich für Beats und Rhythmen zu begeistern?

„Animal“ von der „Muppet Show“. Ich habe ihn geliebt. Sein Duell mit Buddy Rich, der Auftritt mit Harry Belafonte. „Animal“ hat wahrscheinlich ganze Generationen von Schlagzeugern inspiriert. Mein erstes Schlagzeug war jedenfalls das aus der „Muppet Show“, ein kleines Set für Kinder. Vorher habe ich ständig auf Töpfen, Kästen und Tupperware herumgeklopft.

Und auf dem „Animal“-Schlagzeug haben Sie dann Ihre Familie terrorisiert?

Mein erstes Schlagzeug war das aus der „Muppet Show“, ein kleines Set für Kinder. Vorher habe ich ständig auf Töpfen, Kästen und Tupperware herumgeklopft

Ja, und meine Eltern fanden das toll. So wussten sie immer, wo ich war. Ich habe sozusagen meine Kindheit und Jugend im Keller verbracht, um mit Freunden Musik zu machen. Bis ich auszog, habe ich dort mit all meinen Bands geprobt.

Ihr Musikinteresse führte Sie schließlich nach Boston an das renommierte Berklee College of Music.

Aber nur für drei Semester. Vorher habe ich regelmäßig Kurse am Milwaukee Conservatory belegt, um mehr über Musik zu lernen, Theorie und ein bisschen Klavier. In Boston habe ich Percussion und Schlagzeug studiert, danach bin ich nach Minneapolis gegangen, um Musikwissenschaften und südostasiatische Sprachen und Kulturen zu studieren. Außerdem wohnte dort mein Freund Ed Rodriguez. Mit ihm hatte ich schon als Teenager eine Band. Er sagte: „Komm’ nach Minneapolis, ich habe ein Haus mit riesigem Übungsraum.“ Das war natürlich sehr einladend und es war der Anfang von unserer Band Behemoth.

Mit Ed Rodriguez arbeiten Sie heute noch zusammen.

Genau, beim Gorge Trio. Ed ist einer der besten Musiker, den ich kenne. Er hat mir viel über Musik beigebracht und mir klar gemacht, dass man an seinem Instrument nie auslernt. Als er mich damals mit Poly­rhythmik und 13/8-Beats konfrontierte, dachte ich nur „Wow!“ und musste erst mal tief durchatmen.

Wie verschlug es Sie Ende der 1990er-Jahre nach Hamburg?

Nach meinem Abschluss in Minneapolis wollte ich dort weg. Ich war 24, und eigentlich hatte ich geplant, durch einen Uni-Job das nötige Geld für einen Umzug nach New York anzusparen. Kurz danach ging ich mit meiner damaligen Band Colossamite auf eine Europa-Tour, die in Hamburg endete. Dann bin ich noch eine Woche in Hamburg geblieben, weil ich die Stadt sehr spannend fand. Hier traf ich auf ein paar Amerikaner, unter anderem Jim von der Gruppe Stau und den späteren Tocotronic-Gitarristen Rick, die in Hamburg hängengeblieben waren. Da kam mir die Idee, das vielleicht auch zu versuchen. Außerdem hatte ich noch eine sehr wichtige Person kennengelernt, von der mir der Abschied sehr schwer gefallen wäre …

So hat sich der New-York-Plan in Luft aufgelöst?

Release-Abend zum Album „A Popple People“: Sa, 10. November, Hamburg, Werkhaus, Rosenallee 11

Luis Vicente/John Hughes/Chad Popple: Mi, 24. Oktober, Hamburg, Uebel & Gefährlich

Chad Popple/Luis Vicente/John Hughes: Fr, 26. Oktober, Hamburg, Werkhaus

Chad Popple solo + Frank Paul Schubert/Paul Rogers/Olaf Rupp Trio: Sa, 10. November, Werkhaus

Ja. Ebenso wie der Plan, nach Sizilien zu gehen. Eine dortige Band hatte mir nämlich angeboten, als Schlagzeuger bei ihr einzusteigen. Aber ich habe mich dann für Hamburg entschieden.

Fühlt sich ein Schlagzeuger, der seinen Wohnsitz wechselt, nicht erst dann wieder zu Hause, wenn er einen Übungsraum findet, in dem er spielen kann?

Klar. Aber das ging ziemlich schnell. Ich hatte bald Kontakt zu vielen anderen Musikern. Und schließlich war ich mit einer Schlagzeugerin zusammen, die mir weiterhelfen konnte. Sie hat mich etwa an den Hochschuldozenten, Buchautor und Bassisten Peter Niklas Wilson vermittelt, der mich mit Heiner Metzger bekannt gemacht hat. Und über diesen Umweg bin ich dann auf den Kontrabassisten John Hughes aus Baltimore gestoßen, der seit Kurzem in Hamburg wohnte. Mit John hat es sofort gefunkt. Das war der Anfang unserer „musikalischen Beziehung“, die bis heute anhält.

Und es war Ihr Einstieg in die „Hamburger Jazz-Szene“?

Das war ja das Lustige: In Amerika habe ich immer in Hardcore- und Mathrock-Bands gespielt – niemals Jazz. Aber es gab damals eine Platte von der Gruppe Jane’s Addiction, die ich am Schlagzeug komplett mitspielen konnte. Bis auf ein Stück, das wahrscheinlich als alberner Witz gemeint war, mit Swing-Anspielungen und jazzy Gitarrenakkorden. Das Stück war vielleicht nur eine Minute lang, aber es hat mich völlig verwirrt. Ich konnte zwar alle möglichen Rock-, Punk-, HipHop-Beats spielen, und Slayers „Reign In Blood“ war eine meiner Lieblingsübungen. Aber dieses eine Stück von Jane’s Addiction habe ich nicht verstanden.

Chad Charles Popple, 44, geboren in Milwaukee/Wisconsin, ist Schlagzeuger und Perkussionist und lebt in Hamburg. Er ist spielt in Gruppen wie Gorge Trio, Deep Space X, Rocket No. 9 und PiHo HuPo. Sein Repertoire reicht von Noise- und Math-Rock-Drumming über Free Jazz bis hin zum Tabla-Spiel.

www.chadpopple.com

Dann haben Sie doch Jazz gelernt?

Ich bin als 16-Jähriger zu meinem Lehrer am Konservatorium gegangen, und der hat’s mir erklärt. Da habe ich zum ersten Mal von Jazz gehört, und derselbe Lehrer hat mich auch mit Cage, Stockhausen und klassischer indischer Musik vertraut gemacht. Ich habe dann also angefangen, Jazz-Rhythmik und die dafür nötige Koordination zu üben, aber ohne dass ich in Jazz-Bands gespielt hätte. Das hat sich erst später ergeben – auch durch die Bekanntschaft mit John Hughes in Hamburg.

Der kam aus dem Jazz?

Nicht wirklich. Auch er kam eher vom Punk und Hardcore, aber er hatte als Bassist gerade seine „elektrische Phase“ abgeschlossen und war auf Kontrabass umgestiegen. Und das bedeutete ab sofort: Jazz, Jazz und noch mal Jazz! Vor einigen Jahren besuchte mich ein alter Freund und Mitmusiker aus Jugendzeiten in Hamburg. Als er ein Auftritt von John und mir sah, war er ganz erstaunt: „Wow, ich wusste gar nicht, dass du Jazz spielst.“

Sie spielen in mehreren Bands, neben Gorge Trio gibt es da noch Powerdove, die im August 2018 auf Tour waren. Außerdem geben Sie regelmäßig Jazzkonzerte in wechselnden Besetzungen. Wie weit sind Sie davon entfernt, von Ihrer Musik leben zu können?

Mal näher, mal weiter. Es war immer schon mein Traum, als kreativ arbeitender Musiker leben zu können, Konzerte spielen, Platten machen. Aber das ist im Bereich von improvisierter und kaum kommerzieller Musik nicht gerade leicht. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich zum Großteil immer noch mit Schlagzeugunterricht – und ich liebe meine Arbeit, sie macht mir großen Spaß. Doch wer weiß, was die Zukunft bringt. Die Tour mit Powerdove in England war toll. Im März 2019 geht es mit Powerdove erst mal nach New York. Und mit dem Gorge Trio sind neue Aufnahmen und ein paar Auftritte in den USA geplant.

Ihre aktuelle Veröffentlichung heißt „A Popple People“. Als instrumentales Solo-Album eines Perkussionisten stellt es eine Seltenheit dar. Wie ist es entstanden?

Die Entstehungsgeschichte des neuen Albums ist schnell erzählt: Das US-Label Joyful Noise wählt jeden Monat einen Musiker einer der bei ihnen etablierten Bands als Kurator, der wiederum einen seiner Lieblingsmusiker vorstellt. Ich wurde von Matsuzaki Satomi, der Frontfrau der Gruppe Deerhoof, angesprochen und bekam dadurch die Chance, mein Solo-Album zu veröffentlichen. Die meisten Vinyl-Kopien werden für die Abonnenten der Veröffentlichungsreihe reserviert, aber man kann die Platte auch online finden.

Wie sind Sie bei der Zusammenstellung des Albums vorgegangen?

Das Album enthält 17 Stücke, die sehr unterschiedlicher Art sind. Darunter Schlagzeugsoli, Marimba- und Vibrafon-Stücke, Percussion-Improvisationen, Anlehnungen an Jazz, klassische indische Musik und Gamelan. Viele Aufnahmen sind neu, so wie das Tabla-Solo, das ich auf ausdrücklichen Wunsch von Satomi eingespielt habe. Andere Stücke sind schon etwas älter, wie zum Beispiel zwei Drum-Tracks, vor Jahren mit dem Gorge Trio aufgenommen. Dem Zeitdruck bei der Fertigstellung von „A Popple People“ kam das sehr entgegen.

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