Mountainbikerin Sabine Spitz

Beharrlich wie ein Terrier

Andere fallen nach dem Olympiasieg in ein Motivationsloch, Mountainbikerin Sabine Spitz aber vermarktet sich unermüdlich, legt sich mit dem Verband an - und startet in die neue Weltcupsaison.von THOMAS BECKER

Mit dem Gewinn einer olympischen Goldmedaille ändert sich das Leben, na klar. Manches bleibt aber auch genauso, wie es schon immer war. Sabine Spitz machte diese Erfahrung gleich am ersten Tag nach ihrem Olympiasieg. Als sie auf dem Rückflug von Peking am Münchner Flughafen durch die Sicherheitskontrolle marschiert, sagt eine Beamtin zu ihr: "Moment mal, da ist irgendwas Rundes aus Metall in Ihrer Tasche. Was ist das denn?" Sabine Spitz kramt ihre Goldmedaille hervor, die Beamtin lächelt verlegen: "Okay, Sie können durch." Aber auch das wertvollste Stück Edelmetall hebt eine Randsportart so schnell nicht aus dem Schatten ans Licht. Zwar steht bei fast jedem Deutschen ein Mountainbike im Keller, doch die Protagonisten der Szene können sich vor Autogramm jagenden Fanmassen gerade noch so retten.

Sabine Spitz ist kein Mensch, der nach Publicity giert, im Gegenteil. Doch wenn am Wochenende mit dem ersten Rennen in Pietermaritzburg (Südafrika) die Weltcup-Saison beginnt, steht man wieder vor dem alten Problem: "Es gibt einfach keine regelmäßige Berichterstattung vom Weltcup. Nur ein Mal war das Fernsehen beim Heim-Weltcup in Offenburg", klagt Ralf Schäuble, Ehemann und Manager von Sabine Spitz, "ihr Sieg bedeutete in Peking die einzige Goldmedaille für den Bund Deutscher Radfahrer, aber was hat der Verband daraus gemacht? Nichts." Verbandspräsident Rudolf Scharping hat in seiner Amtszeit noch kein einziges Wort mit Spitz gewechselt, abgesehen von einer Siegerehrung beim Weltcup in Willingen vor vier Jahren. Nach ihrem Olympiasieg ließ er über Sportdirektor Burkhard Bremer Grüße ausrichten. Ansonsten: null Kontakt. Mit Scharpings Vorgängerin Sylvia Schenk war sie ständig im Gespräch, sagt Spitz. Scharping jedoch weicht ihr aus, mag sich mit dem unbequemen Geist nicht auseinandersetzen. Spitz pflegt das offene Wort, sei es zum Thema Dopingmissbrauch im Radsport oder auch zur miesen Verbandspolitik des BDR. Die Bild-Zeitung titelte nach dem Sieg in Peking: "Gold für unsere Olympia-Rebellin".

"Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den 23. August denke", sagt Spitz. Sie fiel nicht wie viele andere ins nacholympische Loch, sondern zog "viel Motivation aus dem Olympia-Gold". Doch bis sie realisiert hatte, was ihr da gelungen war, "hat es schon sechs, sieben Wochen gedauert". Es war keine Zeit zum Nachdenken. Am Morgen nach dem Triumph ging schon der Flieger zurück. "Schlafen konnte ich in der Nacht sowieso nicht", erzählt sie, "um sechs Uhr morgens war ich in der Mensa - da kamen die Hockey-Jungs [die am selben Tag Gold geholt hatten; Anm. d. Redaktion] gerade heim." Am Flughafen in Zürich stand dann als Begrüßungskomitee eine Kapelle aus der Heimat und intonierte das Badener Lied. Zu Hause in Murg im Schwarzwald, wo Spitz seit zwölf Jahren lebt, gab es eine Fahrt in der offenen Kutsche und einen Empfang mit 700 Gästen. Doch dann ging es ohne Pause weiter: zur "Eurobike"-Messe nach Friedrichshafen, hoch zum Vulkaneifel-Marathon, dann nach Bern, Foto-Shooting mit der Bunten, wo Spitz in München die Bavaria-Treppe mit dem Rad runterfuhr, weiter zum Weltcup-Finale nach Schladming, aus alter Verbundenheit zum Marathon nach St. Wendel im Saarland und dann auch noch Bundesliga-Finale in Hannover. Anfang Oktober hat sie zum ersten Mal das Video von ihrem Olympia-Rennen angesehen - aber auch nur, weil beim "Ladies-Camp" in St. Moritz Schnee fiel und endlich einmal ein Tag Pause war.

Es gab schon mehr Anfragen nach dem Olympiasieg, sagt sie: Sie war Jurorin bei der Wahl zur "Miss Germany", war mit Gewichtheber Matthias Steiner, dem Kanuten Alexander Grimm und dem Judoka Ole Bischof für die Sat.1-Produktion "Wiesn-Hits" im Europapark Rust, im Dirndl. Ließ auch noch eine Home-Story für die Frauenzeitschrift Für Sie über sich ergehen, erarbeitet mit einem Verlag ein Fitness-Buch: "Zehn-Minuten-Personaltrainer" - und merkte irgendwann: Jetzt reicht's!

"Mountainbiken ist eine trainingsintensive Sportart", sagt Spitz, "man ist 200 Tage im Jahr unterwegs. All diese Termine und Foto-Shootings zu arrangieren ist ein schwieriger Spagat." Zumal sie seit dem vergangenen Jahr nicht mehr allein unterwegs ist: Ihr "Central Ghost Pro Team" besteht aus vier Fahrern: dem Schweizer Nicola Rohrbach (22), der Fränkin Anja Gradl (22) und der österreichischen Meisterin Lisi Osl (23), Olympia-Elfte und womöglich bald Sieg-Fahrerin im Weltcup.

Wie dieses Team zustande kam, ist bezeichnend für die Branche: per Zufall. Der Marketingleiter der namengebenden Krankenversicherung war auf Bike-Urlaub auf Zypern, auf derselben Hotelanlage wie Spitz. An der Pool-Bar entstand die Idee eines Rennteams, kurze Zeit später standen die Strukturen, der Olympiasieg kam wie gerufen.

In diesem Jahr peilt Spitz den Gesamtweltcup an. Dreimal war sie Zweite, jetzt will die Ehrgeizige auch mal gewinnen. Ihre Devise: "Beharrlich wie ein Terrier, aber nicht so verbissen wie eine Bulldogge." Ans Karriereende denkt die 37-Jährige nicht, sogar die nächsten Spiele in London seien "durchaus möglich". Zuzutrauen ist ihr das. Und wenn sie dann wieder wegen etwas Rundem in der Sicherheitskontrolle aufgehalten würde - sie hätte wohl nichts dagegen.

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