Axel Kruschat sah sich schon immer als Umweltschützer. Er fand es daher konsequent, seine Ausbildung Ende der Achtziger im Akw der DDR zu machen. Dann belehrten ihn Störfälle eines Besseren.Interview: SVENJA BERGT

"Wenn man von einem Störfall hört, haben in der Zwischenzeit wahrscheinlich schon fünf weitere stattgefunden, von denen man nichts weiß": Axel Kruschat im Park der Bundesgartenschau in Potsdam Bild: Gordon Welters
taz: Herr Kruschat, wann waren Sie das letzte Mal in einem Atomkraftwerk?
Axel Kruschat: Das war im Jahr 2004. Da haben wir zusammen mit Journalisten das Kraftwerk Rheinsberg besucht.
Also eines, in dem Sie selbst als Maschinist gearbeitet haben.
Genau. Ich wurde von 1986 bis Mitte 1989 im Kraftwerk Lubmin bei Greifswald ausgebildet und habe immer mal zwischendurch und dann im Herbst 1989 in Rheinsberg gearbeitet, als Facharbeiter.
Der Maschinist aus Herzberg (Elster) in Brandenburg machte seine Ausbildung im Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald. Zwischenzeitlich und im Anschluss war er im Kraftwerk Rheinsberg tätig.
Der Politiker saß zunächst für die Grünen, später für die Fraktion Die Andere in der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung. Die Fraktion, die zunächst nur aus zwei Stadtverordneten bestand, ist mittlerweile zu einer Wählervereinigung geworden und hält sich in der Stadtverordnetenversammlung stabil mit drei Repräsentanten. Mit den "Anderen" fühlt sich Kruschat immer noch mehr verbunden als mit Atomkraftwerkstechnikern.
Der Umweltschützer ist seit 2003 Landesgeschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). In seiner Freizeit ist der 39-Jährige am liebsten in der Natur, zum Beispiel beim Pilze sammeln - aber möglichst nicht in der Umgebung eines Atomkraftwerkes.
Kommen bei einem Besuch immer noch Erinnerungen hoch?
Na klar, schließlich hat man ziemlich viel Zeit da verbracht. Man hat am Wochenende in Zwölf-Stunden-Schichten gearbeitet - das war schon eine ziemlich anstrengende Zeit.
Was für Erinnerungen sind das?
Es gab zum Beispiel einen Mitarbeiter beim Wachschutz, der hat immer um Mitternacht die Schranke hoch und runter gehen lassen, weil er überhaupt nichts zu tun hatte. Ich glaube, die Langeweile ist eines der größten Probleme bei solchen Kraftwerken.
Warum?
Weil man die ganze Zeit wach bleiben muss, über zwölf Stunden hinweg, nachts. Und man hat nicht die ganze Zeit zu tun. Als Wachschutz sowieso nicht, als Maschinist muss man einfach seine Messanlagen überwachen. Aber wenn die laufen, passiert erstmal nichts. Das ist wie ein Langstreckenflug: Langeweile, unterbrochen von Todesangst. Denn in dem Moment, wo etwas passiert, muss man natürlich total aufmerksam sein und sofort die richtigen Entscheidungen treffen. Aber den Hauptteil der Zeit verbringt man damit, nicht einzuschlafen.
Haben Sie auch Todesangst-Momente erlebt?
Direkt nicht, aber ich habe im Kraftwerk Lubmin schon mehrere Probleme mitbekommen, die auch zu größeren Störfällen hätten führen können. Zum Beispiel gab es die Situation, dass Wissenschaftler die Reaktorhauben untersucht haben und feststellten, dass dort Schwingungen sind, die da nicht hätten sein dürfen. Daraufhin hat man festgestellt, dass die Verankerung der oberen Haube, also dort, wo die Steuerstäbe drin sind, beschädigt war. Wenn sich die Verankerung gelöst hätte, wäre die Konsequenz ein Unfall gewesen, mindestens so groß wie der in Tschernobyl.
Was macht man in so einer Situation?
Die Anlage wird sofort angehalten. Und dann wird erstmal der Fehler gesucht. In diesem Fall konnte man den Fehler aber nicht finden. Es gab Materialermüdungen, die nicht erklärbar waren.
Hat Sie Ihre Arbeit im Kraftwerk so abgeschreckt, dass Sie danach Umweltschützer wurden?
Eigentlich war es genau umgekehrt. Ich war damals schon am Naturschutz interessiert, und Atomkraft galt als saubere Technologie. Auch unter den Bedingungen eines rohstoffarmen Landes, wie es die DDR nun mal war. Außerdem fand ich es spannend, die damals modernsten Anlagen kennen zu lernen, daran mitzuarbeiten. Das war ein großes Abenteuer. Mehrere Leute aus unserer Naturschutzgruppe haben im Kernkraftwerk Rheinsberg gearbeitet.
Atomkraft als Umweltschutz?
Naja, man muss sich das mal vorstellen: Da gab es in Rheinsberg dieses Kraftwerk in einer malerischen Landschaft, zwischen zwei Naturschutzgebieten. Und als Kontrast dazu dann Kohlekraftwerke wie in Jänschwalde oder Schwarze Pumpe, wo es vor lauter Dreck in der Luft nicht einmal möglich war, die Wäsche draußen aufzuhängen. Da konnte man schon auf den Gedanken kommen, dass Atomkraft wesentlich umweltfreundlicher ist.
Gedanken über Endlagerung der Brennstäbe machte sich niemand?
Die schwach radioaktiven Abfälle wurden in Morsleben gelagert; die anderen in die Sowjetunion gebracht, wo dann die Endlagerproblematik in den Weiten Sibiriens schon irgendwie gelöst worden wäre. Und man munkelte, dass die Russen das Material sowieso für ihre Atomwaffen nehmen.
Wann kamen die Zweifel?
In dem Jahr, in dem ich die Ausbildung begann, geschah Tschernobyl. Richtige Zweifel sind mir aber erst im Laufe der Ausbildung gekommen. Ich habe gemerkt: Ein Atomkraftwerk ist ein ganz normaler Betrieb, da arbeiten ganz normale Menschen, die nachts um vier genauso unaufmerksam sind, wie alle anderen auch - nur dass der Schaden gegebenenfalls viel größer ist.
Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Es spielten viele Dinge eine Rolle. Störfälle, letztlich auch Tschernobyl, die Situation an der Berufsschule, wo man eine kritische Meinung nicht äußern durfte. Es war nicht nur so, dass man politisch nicht kritisch sein durfte, sondern auch von technischer Seite aus nicht. Unter den Technikern gab es so etwas wie einen Korpsgeist. Auch wenn etwas passierte, waren alle felsenfest davon überzeugt, dass diese Technologie kontrollierbar ist. Das ist ja heute genau so.
Worin äußerte sich das?
Zum Beispiel bei der Radioaktivität. Viele sind damit total lax umgegangen, haben sie auch nach draußen verschleppt. Man hatte zwar die Maßgabe, sich intensiv zu duschen und, wenn man in den ersten Kreislauf kam, seine Kleidung anschließend komplett wechseln. Aber viele haben das in der Routine einfach ignoriert. Dann hat zwar der Geigerzähler geklingelt, aber die sind trotzdem rausgegangen.
Und da hat keiner was gesagt?
Angeblich gab es dafür hohe Strafen. Auf dem Papier stand, dass wenn man Radioaktivität verschleppt, die gesamte Wohnungseinrichtung mitgenommen werden konnte, aber das habe ich nie erlebt. Denn wie das so ist: Alle sind irgendwie Kumpels und dann drückt man auch mal ein Auge zu. Man kann ja nicht ständig die Mutti spielen und sagen: "Hey, bei dir klingelt es noch, du musst nochmal duschen gehen!"
Gab es Momente im Kraftwerksablauf, wo Ihnen klar wurde, dass etwas merkwürdig ist?
Ein Freund von mir hat in der Dosimetrie gearbeitet. Und der sagte mir, dass man zwar die Dosimeter...
… also die Geräte, mit denen die Radioaktivität gemessen werden soll, die eine Person abbekommt…
…genau, dass man diese Geräte zwar in der Tasche hat, aber dass sie gar nicht funktionieren. Es gab ein Monatsdosimeter und das Tagesdosimeter. Das sah aus wie ein dicker, hässlicher Kugelschreiber, den man immer bei sich in der Brusttasche trug. Innen drin war ein Kondensator. Mein Freund sollte die Dosimeter ausmessen. Er erzählte mir, dass das Gerät jedes Mal, wenn er es öffnete, um es auszumessen, kaputt war - der Kondensator war entladen. Irgendwann begriff er, dass die Geräte, sobald sie aufgeschraubt wurden, um die Radioaktivität zu bestimmen, kaputt gingen. Es war also lediglich ein Placebo, damit die Mitarbeiter sich sicher fühlten. Aber das wird vermutlich heute alles bestritten werden.
Waren Sie der einzige, der gezweifelt hat?
Es gab eine Menge Leute, die gezweifelt haben. Aber viele haben, so wie ich, die Chance in der Wende genutzt, um etwas anderes zu machen.
Und wenn die Wende zehn Jahre später gekommen wäre - wären Sie dann immer noch AKW-Maschinist?
Nein, dann hätte ich wahrscheinlich auch so aufgehört. Ich war 1989 quasi schon auf dem Absprung. Im Gegensatz zum Beginn meiner Ausbildung, wo ich noch mit großem Optimismus und Erwartungen herangegangen bin, hatte ich 1989 schon ein ganz anderes Bild. Und in der DDR eine andere Arbeit zu finden, war ja nicht so problematisch. Mein persönliche Ausstiegsszenario hatte ich also schon gefunden. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es ein schon halbes Jahr später überhaupt keine Relevanz mehr haben würde.
Hätte man Ihnen damals gesagt, dass man heute Strom aus Sonne und Wasser gewinnt - hätten Sie das geglaubt?
Geglaubt schon. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es heute schon so ein großes Ausmaß hat.
Der letzte Störfall in einem deutschen Atomkraftwerk ist gerade mal wenige Wochen her - in Krümmel verursachte ein Transformator den Ausfall.
Die Frage ist natürlich: Was ist ein Störfall? Ist der Störfall das, was in der Folge einen GAU auslösen kann? Wenn also am Auto die Zündkerze kaputt geht, ist das ein Störfall? Vieles wird einfach gar nicht kommuniziert werden. Weil man es in die Kategorie "war ja bloß 'ne Zündkerze" steckt. Und nicht sagt, das hätte auch dazu führen können, dass es im Endeffekt eine Kernschmelze gibt. Andererseits würde man sonst die Umgebung völlig verrückt machen, wenn die Betreiber täglich irgendwelche Störungen melden würden.
Was aber ehrlich wäre.
Das schon. Aber es würde immer noch nicht klären: Wie muss der konkrete Fall eingeordnet werden? Was hat das tatsächlich für Folgen?
Nach dem jüngsten Störfall in Krümmel haben Polizei und Anwohner die zuständige Behörde schneller informiert als der Betreiber.
Man muss fragen, was passiert wäre, wenn Polizei und Anwohner nicht informiert hätten. Gerade in einem Kraftwerk wie Krümmel, wo das Image von Vattenfall als zuverlässiger Betreiber stark beschädigt ist. Werden die jeden Störfall melden - wenn es letztlich um viele Millionen Euro Gewinn im Jahr geht?
Was denken Sie?
Ich denke, dass sie jetzt schon viele Informationen zurück halten. Es ist ein Verdienst der öffentlichen Aufmerksamkeit, die mittlerweile auf den Kernkraftwerken liegt, dass die Betreiber zumindest sagen, sie machen alles sofort bekannt. Würde das öffentliche Interesse nachlassen, würden sie immer weniger sagen, was tatsächlich passiert. So ein Kraftwerk ist eine große technische Anlage - da sind die Kollegen eigentlich immer am reparieren. Das Ärgerliche ist: Wenn man von einem Störfall hört, haben in der Zwischenzeit wahrscheinlich schon fünf weitere stattgefunden, von denen man nichts weiß.
Sie sprechen immer wieder von Kollegen. Ist noch eine Identifikation da?
Nein, das auf keinen Fall. Zwar hat man schon persönliche Kontakte geknüpft, sich mit den Leuten getroffen. Aber eine Identifikation ist nicht da.
Die wäre vermutlich bei Ihrer jetzigen Tätigkeit eher hinderlich.
Wobei es durchaus ein Vorteil ist, wenn man aus der Praxis kommt und wirklich weiß, was in so einem Kernkraftwerk passiert.
Nach der Wende haben Sie studiert und waren politisch engagiert - unter anderem bei den Grünen. Jetzt sind Sie hauptberuflicher Umweltschützer. Konnten die Parteien sich nicht ausreichend für Ihr Anliegen erwärmen?
Ich denke, dass es systembedingte Blindheiten gibt. Gerade der Umweltschutzgedanke ist oft unbequem und passt nicht in bestimmte Raster. Aber Kommunalpolitik zu machen ist eine wichtige Schule. Da lernt man sehr schnell, was machbar ist und was Flausen sind.
Was sind denn Flausen?
Zum Beispiel Beiräte, die keine Macht haben. Wenn Professoren und Umweltverbände die Politik beraten sollen, darf das nicht unverbindlich sein. Sonst ist das Mitspracherecht nur fürs Schaufenster.
Das ist Ihnen bei der Verbandsarbeit aber sicher oft genug passiert.
Ja - und das ist natürlich frustrierend. Gerade bei den Themen Klimawandel und Energiegewinnung, die für mich zentral sind. Hier in Brandenburg sind die Folgen schließlich direkt spürbar, zum Beispiel, wenn Menschen in einem Kohleabbaugebiet ihre Heimat verlieren. Aber Aufgabe eines Verbandes ist ja nicht, eine Liste von Zielen zu machen und die abzuhaken, sondern den Diskurs aufrecht zu erhalten. Wir sind zwar jetzt in der Atomkraft drin, aber wir können aussteigen. Und diese Möglichkeit müssen wir immer wieder aufzeigen.
Fürchten Sie sich persönlich eigentlich vor möglichen Folgeschäden durch die Radioaktivität?
Man hat in seiner Bekanntschaft natürlich Leute, die in der Nähe des Kraftwerks wohnten oder dort arbeiteten, die an Krebs erkrankt sind. Aber das ist ein Punkt, an den will man einfach nicht denken. Ich selber habe versucht, immer sorgsam damit umzugehen. Aber was ich abgekriegt habe, weiß ich nicht. Ich denke da jetzt nicht dran. Etwas ändern lässt sich sowieso nicht.
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