Missbrauch von Forschungsresultaten

Gefahren aus dem Sicherheitslabor

Laborversuche lösten eine Debatte über den Missbrauch von Forschungsergebnissen aus. Der Ethikrat diskutiert über Publikationsverbote.

Nicht nur die manipulierten Mikroorganismen stellen eine Gefahr da, auch die Baupläne dafür können in falsche Hände geraten.   Bild: dpa

BERLIN taz | Normalerweise dringt das, was in der Abgeschiedenheit eines Forschungslabors passiert, selten an die Öffentlichkeit. Doch was der niederländische Forscher Ron Fouchier und sein Team im September 2011 auf Malta vorstellten, hatte das Potenzial einer Diskurspandemie.

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Fouchier wollte herausfinden, ob der Vogelgrippevirus H5N1 so mutieren kann, dass er, durch die Luft übertragen, die Ansteckungsfähigkeit des sogenannten Schweinegrippevirus erreicht.

Er veränderte das Virus im Labor also gezielt und testete es an Frettchen, die als Modellorganismen bei der Influenzaforschung eingesetzt werden. Die Ergebnisse sollten in renommierten Wissenschaftszeitschriften veröffentlicht werden.

Doch das amerikanische Gremium für Biosicherheit stoppte die Publikation und legte den Wissenschaftlern ein einjähriges Forschungsmoratorium auf, mit der Begründung, die Experimente könnte zu bioterroristischen Zwecken missbraucht werden.

Die Wissenschaftsgemeinde reagierte gespalten: Müssen im Labor produzierte potenzielle Biowaffen besser kontrolliert werden? Und wie ist das überhaupt möglich, ohne dabei die Forschungs- und Publikationsfreiheit einzuschränken?

Dual Use, also die Möglichkeit, wissenschaftliches und technisches Wissen nicht nur für zivile, sondern auch für militärische oder gar terroristische Zwecke zu nutzen, ist nichts Neues, die Atomkraft ist das prominenteste Beispiel.

Aber die Biosicherheit ist, weil auf geringe stoffliche Substanz und kein technisches Großgerät angewiesen, ein besonders sensibles Feld, auf dem auch psychologisch agiert wird – erinnert sei nur an die Anthraxbriefe, die 2001 an amerikanische Regierungsstellen gingen und eine Milzbrandhysterie auslösten.

Wo mit sensiblen mikrobiologischen Substanzen oder Daten hantiert oder gehandelt wird, müssen in Labors nicht nur bestimmte Sicherheitsstandards (Biosafety) eingehalten, sondern es muss auch mitbedacht werden, welche Gefahren das Werkeln zum Beispiel mit Viren oder Bakterien in sich birgt. Biosecurity ist die quasi öffentliche Seite der Biosicherheit.

Auftrag an Ethikrat

Vor dem Hintergrund der Debatte über die Vogelgrippeexperimente beauftragte die Bundesregierung deshalb den Deutschen Ethikrat herauszufinden, ob hierzulande diesbezüglich Handlungsbedarf besteht.

Denn egal, ob ein Virus ungewollt aus einem Labor „entwischt“ – wie möglicherweise der Grippevirus von 1918, der 1977 zu einer Pandemie führte – oder schlicht entwendet wird, oder ob ein veröffentlichtes Laborexperiment einigen „Durchgeknallten“ die Vorlage liefert, um die Gesellschaft mit einem Nachbau in Angst und Schrecken zu versetzen, außerhalb von Wissenschaftskrimis sind solche Szenarien beängstigend.

Andererseits, so der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk, der bei der Ratsanhörung großflächig das aktuelle Gefahrenpotenzial biowissenschaftlicher Forschung absteckte, gebe es bisher auch keine „belastbaren Erfahrungen“, dass durch Experimente wie dem von Fouchier „etwas Dramatisches passiert sei“. Dann wäre es wohl auch zu spät.

Die Forschungsfreiheit

Eingriffe in die Forschungsfreiheit sind nur dann vertretbar, wenn es um den Schutz von Leib und Leben oder der Umwelt geht, allerdings nicht vorauseilend in Form eines Kriterienkatalogs, sondern immer bezogen auf den konkreten Fall, waren sich die Experten einig.

Im Fall des Grippeexperiments wäre das eine Güterabwägung: Liefert die Forschung ausreichend Erkenntnisse über grippale Infektionskrankheiten, die die damit verbundenen Gefahren legitimieren? Unter bestimmten Voraussetzungen, befand der in Hannover lehrende Philosoph Torsten Wilholt, seien Einschränkungen der Publikationsfreiheit „nicht völlig ausgeschlossen“.

Aber wer soll darüber entscheiden, ob ein Experiment zugelassen wird oder eine Veröffentlichung Gefahren birgt? Genügen institutionelle Verhaltenskodices wie der vor einigen Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) entwickelte und vor kurzem überarbeitete, um Wissenschaftler in die Verantwortung nehmen? Oder bedarf es darüber hinaus rechtlicher und institutioneller Absicherungen?

Auf Dual-use-Risiken vorbereiten

Während die Vizedirektorin der DFG, Elisabeth Kunst, beispielsweise die Zentrale Kommission für die biologische Sicherheit (ZKBS) in der Pflicht sieht, trauen NGO-Vertreter wie Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk (GeN) Überwachungsbehörden aufgrund ihrer personellen Zusammensetzung so wenig wie dem freiwilligen Risikomanagement der Gentech-Industrie. Vielmehr sollten junge Wissenschaftler über die üblichen Sicherheitseinweisungen in Labors hinaus frühzeitig auf Dual-Use-Risiken vorbereitet werden.

Es fehlt, so der allgemeine Tenor, also weniger an gesetzlichen Regelungen als an einer weltweiten Harmonisierung von Sicherheitsanforderungen und vor allem an der Entwicklung einer entspannten Risikokompetenz.

Wenn der Feuerwehrmann erst auftritt, setzte die Londoner Kommunikationsforscherin Petra Dickmann das Szenario ins Bild, ist es bereits zu spät. Risikowahrnehmung und -analyse bewege sich nämlich immer auf dem schwankenden Boden aktueller Kontexte und ist, wie das bei der Vogel- oder der Schweinegrippe zu beobachten war, von einer Krisenkommunikation überwölbt, sei es von der Furcht vor einer Pandemie, sei es von der Angst vor Bioterror.

Bevölerung soll sich einmischen

Würde die Bevölkerung aber lernen, dass Risiken höchstens einzudämmen, nicht aber aus der Welt zu schaffen sind, würde sie mit Gefährdungslagen angemessener umgehen und sich vorausschauend in Präventionsdebatten einmischen können.

Nicht die Einschränkung der Forschungs- und Publikationsfreiheit also ist der Weg, sondern eine weniger aufgeregte Risikokommunikation, die sich auch auf Bereiche beziehen sollte, die Dual-Use-anfällig sind, wie die Nanotechnologie, Aerosoltechnik oder alle Forschungssegmente, bei denen es um Eingriffe in den Körper geht.

Dass wir von einem solchen nicht akuten Risikomanagement weit entfernt sind, lässt sich daran erkennen, dass Ron Fouchier mittlerweile wieder an Grippevirenmutationen forscht. Anlass ist die in China neu aufgetretene Variante H7N9. Ob die Gefahr „aus der Natur“ kommt, wie er behauptet, oder aus dem Labor, steht dahin.

 

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