Menschenrechtlerin Bensedrine über Tunesiens Diktatur
"Schlimmer als im Iran"
Die Oppositionelle Sihem Bensedrine wirft Europa vor, das Regime in Tunis zu stützen. Sie sagt: Tunesien ist nicht wirklich stabil, es braucht einen friedlichen Wandel. Ansonsten siegt religiöser Extremismus.von Reiner Wandler
In welchem Land herrscht denn tatsächlich eine wirkliche Demokratie? Auch in Deutschland gibt es mehr als genug Korruption, Beeinflussung und es wird am Volk vorbei regiert. Wahlversprechen werden als ganz normal zu brechen angenommen. Geld und Macht ist das Entscheidende. In den Ursprüngen der Demokratiebewegung in Athen gab es eine wesentliche Komponente, das "Scherbengericht", das nun bewusst weggelassen wird, um weiterhin machen zu können was das "Geld" angibt. In Athen, im alten Griechenland, war es den wahlberechtigten Bürgern möglich, auch mitten in einer Legislaturperiode den Namen eines Politikers, der nicht tat, was er versprochen hatte, auf eine Tonscherbe zu schreiben und abzugeben. Wenn dabei eine größere Anzahl den gleichen Namen aufgeschrieben hatte, musste dieser Politiker mit dem man unzufrieden war sofort abdanken und ohne Bezüge für 10 Jahre das Land verlassen. Wo ist dies demokratische Selbstverständnis denn noch vorhanden? Aber zurück zu Tunesien. Wir halten uns da nun schon seit über 13 Jahren ständig wieder auf und das über das fast gesamte Land gezogen. Auch mit und in tunesischen Familien. Also wirkliches dortiges Leben und nicht nur Turisten. Und seither ist festzustellen, dass es den meisten Menschen jedes Jahr besser ging, das Leben und die Möglichkeiten flott aufwärts gehen und eine grundsätzliche Zufriedenheit vorherrscht. Ich persönlich mag Ben Ali und finde ihn gut. Sicher gibt es immer noch Dinge, die verbesserungsfähig wären, doch wo ist das nicht so und er kann auch nicht alles auf einmal in den Griff bekommen. Und manche Leute, auch auf Ämtern, brauchen eben oft länger als andere, bis sie sich umstellen. Er kann auch nicht überall gleichzeitig sein. Bisher habe ich mitbekommen, dass er sofort gegen erkannte Missstände vorging. Diese Jahr z.B. habe ich ein paar Leute gefragt, wer und welche anderen zur Präsidentschaftswahl antreten würden und bekam zur Antwort: "Welche anderen, das interessiert uns nicht, wir haben einen Präsidenten!" Das sagt ja wohl auch schon etwas über die Ansicht über Ben Ali aus. Es geht den Leuten grundsätzlich besser und das schätzen sie. Und wir auch. Wir sollten erst mal versuchen in unserem Land ohne Korruption und mit wirklichem Volkswillen und nicht nur der Reichen und Mächtigen zu Rande zu kommen und dann auf andere herabsehen. Vorher nicht. "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"
22.10.2009 14:09 Uhr
von joachim hainzl:
Wenn man sich die mediale Anteilnahme an den Vorgängen im Iran ansieht (die jedoch abrupt mit dem Tod Michael Jackson endete), ist Sihem Bensedrines Reaktion nachvollziehbar. Grundsätzlich jedoch halte ich ein Diktaturen-Ranking für bedenklich, da Menschenrechte unteilbar sind und jede Menschenrechtsverletzung (auch in Demokratien) eine zuviel ist. Die Gefahr ist, dass wiederum die Schwächsten, die am meisten unter staatlicher Willkür leiden, sich gegeneinander ausspielen (lassen), statt sich zu vernetzen.
21.10.2009 22:42 Uhr
von eppelein:
"schlimmer als im Iran". Also das ist schon eine heftige Aussage. Mein Verlobter ist Tunesier in Tunesien der 15 Jahre in Deutschland lebte. Es ist schwierig, aber der BalanceAkt der "Demokratisierung" der von den Extremisten natürlich (als Vorwand) unterstützt wird hat falls er funktioniert wie im Irak den Durchbruch des orthodoxen ShariaIslams zur Folge. Dubai drängt start nach Tunesien. Dort genießen die Scheiche die westlichen Freiheiten wegen denen sie in Dubai ins Gefängnis kämen... hochschizophren die gesamte Kultur
21.10.2009 17:00 Uhr
von Name:
"Er ist ein Schurke, aber er ist unser Schurke..."
Immer wieder agiert der Westen nach diesem Motto. Aber wir sind ja moralisch überlegen, deswegen dürfen wir das. Da kann man sich dann auch aussuchen, wen und was man kritisiert. Egal welches System, es regiert nur die Scheinheiligkeit.
Ansonsten sagt die Eingangsfrage schon alles. Sie zeigt die Unwissenheit über die tunesische Diktatur und sie zeigt, warum uns das so egal ist: Man kann ja so schönen Club-Urlaub auf Djerba machen. Ob man in Iran auch so wegschauen würde, wenn wir alle dort Urlaub machen würden? Die Malediven kritisiert ja auch keiner dafür, dass der sunnitische Islam Staatsreligion und Religionsfreiheit ausdrücklich ausgeschlossen ist. Wir machen da ja so schönen Tauchurlaub. Aber letztlich kommt es nur darauf an, wer in unser Feindbild passt und wer nicht und die "Mollas in Tehran" sind eben so schöne Bösewichte, dazu noch ein bisschen Freiheit für Tibet fordern und dann hat sich das auch fast schon. Scheinheiligkeit wo man auch hinblickt.
Wenn Europa aber mal nachdenken würde, dann würde man sehen, dass ein freies Tunesien für Europa viel wertvoller wäre.
Leserkommentare
01.11.2009 13:54 Uhr
von Franz:
In welchem Land herrscht denn tatsächlich eine wirkliche Demokratie?
Auch in Deutschland gibt es mehr als genug Korruption, Beeinflussung und es wird am Volk vorbei regiert.
Wahlversprechen werden als ganz normal zu brechen angenommen.
Geld und Macht ist das Entscheidende.
In den Ursprüngen der Demokratiebewegung in Athen gab es eine wesentliche Komponente, das "Scherbengericht", das nun bewusst weggelassen wird, um weiterhin machen zu können was das "Geld" angibt.
In Athen, im alten Griechenland, war es den wahlberechtigten Bürgern möglich, auch mitten in einer Legislaturperiode den Namen eines Politikers, der nicht tat, was er versprochen hatte, auf eine Tonscherbe zu schreiben und abzugeben. Wenn dabei eine größere Anzahl den gleichen Namen aufgeschrieben hatte, musste dieser Politiker mit dem man unzufrieden war sofort abdanken und ohne Bezüge für 10 Jahre das Land verlassen.
Wo ist dies demokratische Selbstverständnis denn noch vorhanden?
Aber zurück zu Tunesien.
Wir halten uns da nun schon seit über 13 Jahren ständig wieder auf und das über das fast gesamte Land gezogen.
Auch mit und in tunesischen Familien.
Also wirkliches dortiges Leben und nicht nur Turisten.
Und seither ist festzustellen, dass es den meisten Menschen jedes Jahr besser ging, das Leben und die Möglichkeiten flott aufwärts gehen und eine grundsätzliche Zufriedenheit vorherrscht.
Ich persönlich mag Ben Ali und finde ihn gut.
Sicher gibt es immer noch Dinge, die verbesserungsfähig wären, doch wo ist das nicht so und er kann auch nicht alles auf einmal in den Griff bekommen.
Und manche Leute, auch auf Ämtern, brauchen eben oft länger als andere, bis sie sich umstellen. Er kann auch nicht überall gleichzeitig sein.
Bisher habe ich mitbekommen, dass er sofort gegen erkannte Missstände vorging.
Diese Jahr z.B. habe ich ein paar Leute gefragt, wer und welche anderen zur Präsidentschaftswahl antreten würden und bekam zur Antwort: "Welche anderen, das interessiert uns nicht, wir haben einen Präsidenten!"
Das sagt ja wohl auch schon etwas über die Ansicht über Ben Ali aus. Es geht den Leuten grundsätzlich besser und das schätzen sie. Und wir auch.
Wir sollten erst mal versuchen in unserem Land ohne Korruption und mit wirklichem Volkswillen und nicht nur der Reichen und Mächtigen zu Rande zu kommen und dann auf andere herabsehen. Vorher nicht.
"Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!"
22.10.2009 14:09 Uhr
von joachim hainzl:
Wenn man sich die mediale Anteilnahme an den Vorgängen im Iran ansieht (die jedoch abrupt mit dem Tod Michael Jackson endete), ist Sihem Bensedrines Reaktion nachvollziehbar. Grundsätzlich jedoch halte ich ein Diktaturen-Ranking für bedenklich, da Menschenrechte unteilbar sind und jede Menschenrechtsverletzung (auch in Demokratien) eine zuviel ist. Die Gefahr ist, dass wiederum die Schwächsten, die am meisten unter staatlicher Willkür leiden, sich gegeneinander ausspielen (lassen), statt sich zu vernetzen.
21.10.2009 22:42 Uhr
von eppelein:
"schlimmer als im Iran". Also das ist schon eine heftige Aussage. Mein Verlobter ist Tunesier in Tunesien der 15 Jahre in Deutschland lebte. Es ist schwierig, aber der BalanceAkt der "Demokratisierung" der von den Extremisten natürlich (als Vorwand) unterstützt wird hat falls er funktioniert wie im Irak den Durchbruch des orthodoxen ShariaIslams zur Folge. Dubai drängt start nach Tunesien. Dort genießen die Scheiche die westlichen Freiheiten wegen denen sie in Dubai ins Gefängnis kämen... hochschizophren die gesamte Kultur
21.10.2009 17:00 Uhr
von Name:
"Er ist ein Schurke, aber er ist unser Schurke..."
Immer wieder agiert der Westen nach diesem Motto. Aber wir sind ja moralisch überlegen, deswegen dürfen wir das. Da kann man sich dann auch aussuchen, wen und was man kritisiert. Egal welches System, es regiert nur die Scheinheiligkeit.
Ansonsten sagt die Eingangsfrage schon alles. Sie zeigt die Unwissenheit über die tunesische Diktatur und sie zeigt, warum uns das so egal ist: Man kann ja so schönen Club-Urlaub auf Djerba machen. Ob man in Iran auch so wegschauen würde, wenn wir alle dort Urlaub machen würden? Die Malediven kritisiert ja auch keiner dafür, dass der sunnitische Islam Staatsreligion und Religionsfreiheit ausdrücklich ausgeschlossen ist. Wir machen da ja so schönen Tauchurlaub. Aber letztlich kommt es nur darauf an, wer in unser Feindbild passt und wer nicht und die "Mollas in Tehran" sind eben so schöne Bösewichte, dazu noch ein bisschen Freiheit für Tibet fordern und dann hat sich das auch fast schon. Scheinheiligkeit wo man auch hinblickt.
Wenn Europa aber mal nachdenken würde, dann würde man sehen, dass ein freies Tunesien für Europa viel wertvoller wäre.