Medien und Populismus

Kult der neuen Technologien

Der Niedergang der Zeitungen schafft Resonanzräume im Internet – ist aber nicht die Ursache von Populismus. Den gibt es schon länger.

Beppe Grillo schreit in ein Mikrofon, während er auf einem Kran steht

Wenn er sich seinen Anhängern nicht holografisch zeigen kann, dann eben mit Kran: Beppe Grillo Foto: dpa

Den Populismus als eine „rechte“ politische Bewegung zu betrachten, ist eine falsche Vereinfachung. Den Populismus als ein Phänomen der sozialen Medien zu betrachten, ist die zweite Vereinfachung.

Der Kampfbegriff der „Fake News“ kompliziert die Sache noch, denn er wird von beiden Seiten eingesetzt: Die Medien beschuldigen Trump, mit Fake News zu operieren – und Trump dreht diesen Vorwurf einfach um. Zurück bleiben seine begeisterten Anhänger und eine konfuse Öffentlichkeit.

Jede Epoche muss mit ihren Medien umzugehen lernen. Der Buchdruck brachte den Protestantismus – denn ohne Buchdruck wäre die Forderung, dass jeder selbst seine Bibel liest und seine Zwiesprache mit Gott persönlich hält, nicht denkbar. Der Buchdruck brachte auch die Philologie – und damit den Zweifel, ob die Bibel tatsächlich Gottes Wort sei und nicht eher ein reichlich wirres Textkonvolut, das nur die Aufklärung entziffern kann.

Aber der Buchdruck brachte auch den „Hexenhammer“, den ersten Bestseller der modernen Mediengeschichte: Das heißt, der Buchdruck ist konsubstanziell mit dem kollektiven Wahn der Hexenverfolgungen, der sowohl Katholiken als auch Protestanten heimsuchte. Der Buchdruck war ein neues Instrument der Wahrheit und eines der Lüge.

Benno Ohnesorg liegt blutend auf dem Boden, Friederike Hausmann beugt sich über ihn

2. Juni 1967: Ein Schuss tötet den Demonstranten Benno Ohnesorg. Dieses Datum markiert den Beginn einer bis heute geführten Debatte über Gegenöffentlichkeit, über die Medien, über Wahrheit und Lüge, oder, wie man heute formulieren würde, über Fake News und alternative Fakten, über Verschwörungstheorien, bürgerliche Zeitungen und alternative (auch rechte) Blätter, über die „Wahrheit“ und die Deutungshoheit gesellschaftlicher Entwicklungen. Nachdenken über 50 Jahre Gegenöffentlichkeit: taz.gegen den stromDie Sonderausgabe taz.gegen den strom – jetzt im taz Shop und auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

Es ist eigentlich eine Banalität, aber es kann angesichts aktueller Diskussionen über Face­book und Fake News nicht schaden, sich dies vor Augen zu halten: Mussolini, Lenin, Hitler und Stalin sind auch ohne Facebook hochgekommen. Sie nutzten die modernsten Medien ihrer Zeit.

Zeitungen waren historisch gesehen nur in einigen Jahrzehnten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg jene Garanten der demokratisch vor sich hin deliberierenden Öffentlichkeit, die Habermas idealisierte. Zeitungen waren über Jahrzehnte hinweg vor allem Partei- und Propagandainstrumente. Und das sind sie nicht selten bis heute: Der Brexit wurde von Zeitungen befeuert. Facebook war nur der Verstärker in der Filterblase.

Der Populismus geht zurück bis zur Figur des Volkstribuns, der in der Römischen Republik als Vertreter der Plebejer Verfassungsrang hatte. Die Tendenz zur Überbrückung des „Systems“ und zur direkten Ansprache an das Volk ist schon dieser Position eingeschrieben und ist vielleicht seit je eine der möglichen Bruchstellen von Republiken oder Demokratien.

Die sozialen Medien sind für die Populisten ein Hallraum von nie dagewesener Wirkungskraft. Aber sie sind ein Faktor, nicht die Ursache

In der Moderne war der Urtyp all der Caudillos von Pinochet bis Chávez der Korse Napoleon Buonaparte, ein Nobody mit Charisma, der sich selbst zum Kaiser krönte. Das ganze 19. Jahrhundert war traumatisiert von dieser Gestalt – die Gattung des Romans ist ohne dieses Muster der Selbstermächtigung nicht denkbar. Karl Marx beschrieb sie in seinem „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ als Wiederholung und Farce: Der Neffe Napoleons ließ sich per Plebiszit „zur Wiederherstellung des Kaisertums“ vom Volk absegnen. Das Plebiszitäre, die Pervertierung demokratischer Muster zur Instituierung charismatischer Herrschaft, ist seitdem ein Muster des Populismus.

Das Märchen von der sozialen Gerechtigkeit

Links oder Rechts? Kein Populist kommt ohne „linke“ Versprechen aus. Soziale Gerechtigkeit soll wiederhergestellt werden, Profiteure werden in die Schranken gewiesen. In Wirklichkeit läuft es immer auf die Definition eines „Anderen“ hinaus, dem der Reichtum genommen wird – eine Logik der Requisition, die bei den historischen Vorläufern auf die Spitze getrieben wurde. Bei den Nazis waren es die Juden, bei den Kommunisten die Bauern und Bourgeois.

Bei den farcenhaften Wiederholungen der Jetztzeit sind die Sündenböcke entweder die Migranten, die möglichst wieder über die Grenzen expediert werden sollen, oder abstrakter der „Neoliberalismus“, das „System“, „Amerika“, das „Finanzkapital“, „Europa“: Der Linkspopulismus hat immerhin den Vorzug, nicht so stark zu personalisieren.

In den französischen Wahlen konnte man dennoch sehr schön sehen, dass beide Spielarten des Populismus, die „rechte“ der Marine Le Pen und die „linke“ des Jean-Luc Mélenchon, dieselben Hassargumente gegen Emmanuel Macron, den „Rothschild-Bankier“, der nur das „alte System“ verkörpert, in Umlauf brachten.

Mélenchon ist wie der böse Clown Italiens, Beppe Grillo, geradezu das Muster eines Populisten, fast mehr noch als die durchaus virtuose Marine Le Pen, die als Kronprinzessin und Vatermörderin in ihre Funktion hineinwuchs. Mélenchon hatte als Populist ein Erweckungserlebnis, das er in einem Dokumentarfilm, der bei Arte lief, als mystische Verschmelzung mit dem Volkskörper beschrieb.

Überbrückung von Zeit und Raum

Es geschah ihm bei seinem Kampf gegen die europäische Verfassung im Jahr 2005: „Ich bin bei einer Versammlung Département Somme … Ich ergreife das Wort und sage ihnen: ‚Stimmt ab, um sie zu strafen.‘ Und ich weiß nicht, was dann in dem Saal geschieht, alle stehen auf und fangen an zu schreien … Auf diesen Moment datiere ich meinen affektiven Bruch mit der Welt, aus der ich komme.“

Mélenchon ließ sich bei seinen späteren Wahlkampfauftritten als Hologramm auf die Bühnen projizieren, um körperliche Präsenz an verschiedenen Orten zu simulieren: Der Kult der neuesten Technologien dient im Populismus dieser körperlichen Verschmelzung mit den Massen.

Ähnlich funktioniert der Demagoge Grillo – als direkter Redner auf der Bühne, oder als Blogger, der das ganze „System“ der Medien überbrückte, um direkt mit seinem Publikum zu kommunizieren. In Deutschland ist der inzwischen verstorbene Mitbegründer der Fünf-Sterne-Bewegung, der Informatiker Gian­roberto Casaleggio, kaum bekannt: ein Software-Unternehmer, der eine Art New-Age-Kult um das Internet betrieb und Grillo mit sektenähnlicher Effizienz in die Öffentlichkeit katapultierte.

Der Kult der neuesten Technologien dient im Populismus dieser körperlichen Verschmelzung mit den Massen

Die sozialen Medien sind für die Populisten ein Hallraum von nie dagewesener Wirkungskraft. Neu an ihnen ist, dass sie viral funktionieren und ein Publikum über die physische Präsenz hinaus – vor allem jenseits der traditionellen Zeitungen – konstituieren helfen. Aber sie sind ein Faktor, nicht die Ursache.

Folgen der technischen Umwelzung

Dass überall auf der Welt zugleich Populismen entstehen – von den Philippinen über die USA bis nach Ungarn und Russland – muss irgendwie auch in gleichzeitigen technischen Umwälzungen begründet sein, nur sind die Interdepenzen vielfältiger, als es sich eine einseitige Fixierung auf die neuen Medien ausmalt.

Da ist zum Beispiel der soziologische Aspekt: Mehr als die Globalisierung mit ihren Firmenverlagerungen oder gar der ominöse „Neoliberalismus“ dürften technologische Entwicklungen den Boden für die Populismen bereitet haben: durch Rationaliserungen, die immer mehr Arbeitskräfte überflüssig machen.

Für Heere von Fernfahrern und Kassiererinnen verkürzen sich die Perspektiven. Wo Digitalisierung Jobs schafft, sorgt sie für Vereinzelung. Foodora-Kuriere sind kein Proletariat.

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Wenn Benno Ohnesorgs Tod der Nukleus einer neuen Gegenöffentlichkeit war, wo stehen wir dann heute? Mehr dazu auf www.taz.de/gegenoeffentlichkeit

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