Wenn die Landwirtschaftsmesse zum "Event der Superlative" wird: Auf der "Eurotier 2012" in Hannover riecht es gelegentlich sogar mal nach Kuhkacke.von Claudia Toll

Zuwachs in allen Bereichen: Hähnchen-Attrappen aus Plastik an einem Messestand. Bild: dapd
Es klingt nett: „Wellness im Abferkelstall“. Was darunter zu verstehen ist, gehört zu den Trends auf der „Eurotier 2012“ in Hannover: die Produktion von Schweinchen, „modern, tiergerecht und ressourcenschonend“. Wellness ist demnach, wenn alles stimmt – Bodenbelag, Fütterung, Stallklima und Hygiene.
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Ausgedacht haben sich das die Bauförderung Landwirtschaft und die Deutsche Landwirtschafts Gesellschaft (DLG). Diese richtet auch die Messe Eurotier aus, bei der alle zwei Jahre die neuesten technischen Entwicklungen in der professionellen Tierhaltung vorgeführt werden. „Huhn und Schwein“ hieß der Vorläufer, aber der neue Name kommt der Sache näher – deutet sich darin doch das Genormte der ganzen industrialisierten Landwirtschaft an.
Zum „großartigen Angebot“ für die Schweinehalter kommt ein „weltweit einzigartiges Ausstellungsangebot“ für Rinderhalter, zum Beispiel der „TopTierTreff“. Das „Highlight der internationalen Geflügelbranche“ wiederum ist die „World Poultry Show“. „Spitzentechnologie“ erwartet aber nicht zuletzt auch Pferdehalter und Aquakulturbetreiber.
Mehr geht nicht auf der „weltweit größten Messe“, ja: der „Weltleitausstellung“ für landwirtschaftliche Tierhaltung. Tatsächlich wartet das „Top-Event“ mit Zuwachs in allen Bereichen auf: In diesem Jahr zählt man 2.445 Ausstellende, davon 1.151 aus dem Ausland, laut den Ausrichtern ein Plus von über 25 Prozent.
Fast überall zeigt sich die Neigung zum Euphemismus in Begriffen und Bildern. Wie auch der wichtigste Trend in allen betroffenen Branchen: die umfassende elektronischen Überwachung der Tiere. Kein Rülpser der Kuh und keine Fettschicht am Schwein entgeht den Systemen; nicht, wie viel Futter aufgenommen und ebenso wenig, wie viel Milch gegeben wird. Rund um die Uhr ermöglicht die Technik die individuelle Identifikation eines jeden Stücks Vieh. Abgehauen von der Herde? Positionsbestimmung in Echtzeit. Schlapp gemacht? Konditionserfassung. Hormonelle Veränderung? Rauschdetektionssystem. Hunger? Dosierung und Auswahl des Futters. Alles sieht der Landwirt auf Monitoren und Displays.
Apropos: Was fressen die Tiere heutzutage? In der Halle mit den Futtermitteln fallen Reagenzgläser auf, mit Pülverchen und bunten Flüssigkeiten darin. Einige enthalten Phytostoffe, pflanzliches Material also. Oder doch nur pflanzenidentisches? Bei so viel Designerfutter ist’s umso erfreulicher, dass die DLG eine Silbermedaille an einen Futterwühlturm für Schweine vergeben hat – und einen Preis ausgelobt in einem Ideenwettbewerb: Gesucht wurde nach Spielzeug, Nestbau- und Beschäftigungsmaterial für Schweine im Wartestall. Oder dem zum Abferkeln.
In Halle 27 riecht es, endlich, nach Stroh und Kuhkacke. Denn Tiere, ja, gibt es auch: Schafe, Ziegen, Lamas. Und Rinder: Von Angler über Brown Swiss und Limousin bis zum Pinzgauer werden sie beim „TopTierTreff“ präsentiert. Fruchtbarkeit hebt man hervor und Milch- und Fleischleistung. Auch das Äußere aber zählt, schön sollen sie sein. Aber wozu eigentlich?
Zweimal am Tag geht es um Tiergerechtheit, um Intensivtierhaltung oder den Strukturwandel. Wenn die Eurotier 2012 heute endet, wird sie rund 160.000 Besucher gehabt haben. Zu solchen Gesprächsrunden kommen bis zu 60.
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