Lacrimosa Interview

"Es stört sie, wenn ich Spaß habe"

Tilo Wolff von der Gothic-Band Lacrimosa ist nicht immer schwermütig. Der Sänger über mexikanische Fans, Intoleranz in der Darkwave-Szene und Deutschtümelei

Die Bürde Schwermut: Tilo Wolff von Lacrimosa  Bild:  promo

taz: Lacrimosa sind international eine der erfolgreichsten deutschen Bands überhaupt. Hierzulande scheint das kaum jemand mitbekommen zu haben.

Tilo Wolff: Das ist ein lustiges Phänomen: Wenn eine Band nicht so sehr im Fokus der Medien steht, so wie in unserem Fall, dann bekommt man oft gar nicht mit, welche Kreise diese Band zieht - weil man sie eben nicht mit dem Holzhammer im Radio entgegengebracht bekommt. Wir waren aber beispielsweise nach den Rolling Stones und den Black Eyed Peas die dritte westliche Band überhaupt, die in China aufgetreten ist. Doch bei einer Band wie Lacrimosa gibt es eben nicht so einen wahnsinnigen Rummel.

Man hat ja als Medienkonsument gern mal den Eindruck, dass "schwarze Musik" nur noch in einer extremen Nische stattfindet. Was ist Lacrimosa heute: eine Gothic- oder eine Darkwave-Band? Oder etwas ganz anderes?

Schwierig. Im Prinzip haben wir unsere eigene Szene, die Darkwave-Szene, überlebt. Diese Szene, in der ich 1990 als Musiker begonnen habe, die gibt es ja eigentlich nicht mehr. Sie hat sich aufgespalten in viele kleine Unterszenen. Unser Ursprung liegt im Darkwave und Gothic, wir haben uns aber zu etwas anderem hinentwickelt - haben auch schon mit einem Orchester zusammengespielt und symphonische Dinge ausprobiert. Das hat dann nur noch ziemlich wenig mit einem bestimmten Genre zu tun, sondern ist Ausdruck einer ganz eigenen Entwicklung.

Wie sieht denn diese Szene, die es nicht mehr als Einheit gibt, heute aus?

Es gibt nur noch verschiedene Richtungen. Einerseits Electro, aus dem EBM [Anm. d. Red.: electronic body music] kommend. Dann gibt es die Mittelalterfraktion und die Gitarrenfraktion. Und diese Bewegungen möchten nichts miteinander zu tun haben. Wir sind mal mit der EBM-Band Nitzer Ebb aufgetreten. Da konntest du wirklich beobachten, wie sich die beiden Bandfraktionen untereinander angefeindet haben: unsere Fans, die Emotionen suchten, und die Electro-Fans, die sich aufregten, dass Nitzer Ebb eine weibliche Schlagzeugerin hatten, und der Meinung waren, dass Frauen bei so einer Musik nichts auf der Bühne zu suchen hätten. Da sieht man auch mal, wie intolerant Darkwave-Fans heute sein können.

Anstatt Grabenkämpfe zu fechten, haben Lacrimosa ganz bewusst auf ein breiteres Publikum gezielt - und schwarze Romantik, Metal-Gitarren und Klassikelemente fusioniert.

Wir sprechen den normalen Mainstreamhörer an, der auf der Suche nach etwas ist, das mal etwas mehr Tiefgang hat, aber auch viele aus dem Metal-Lager. Zu unseren Konzerten kommen sogar Leute, die damals, als wir angefangen haben, schon dabei waren - heute mit ihren Kindern eben. Unser Publikum ist zwischen 17 und 70 Jahre alt, jede Gesellschaftsschicht ist vertreten. Wir machen eben keine Szenemusik mehr, sondern vertonte Lyrik. Das spricht alle möglichen Menschen an.

Trotzdem stößt man mittlerweile im Ausland auf größere Begeisterung für solche Musik als hierzulande - zum Beispiel auf Spuren von Bands wie Goethes Erben und Das Ich. Bedient Gothic-Musik international die Vorstellungen vom typisch Deutschen? Das Grüblerische, das Romantische und das Bild von den dunklen Wäldern?

Absolut. Gerade die beiden genannten Bands und wir haben, ausgehend vom Gothic der Achtziger, mit deutschen Texten etwas Neues geschaffen. Als ich vor zehn Jahren das erste Mal in Mexiko aufgetreten bin, gab es dort noch keine Gothic-Szene, da kannte man diese Musik gar nicht. Inzwischen ist das aber so - und die Szene dort orientiert sich derart stark an Deutschland, dass viele Bands den ein oder anderen Song auf Deutsch aufnehmen, weil das eben einfach als schick empfunden wird.

Ähnlich passiert das auch im Black Metal, wo sich Bands von überallher der deutschen Sprache als Kennzeichen für das Böse und mit einer oft diffusen Faszination für das Dritte Reich bedienen.

So ist es, Gott sei Dank, bei uns nicht.

Wenn man sich den neuen Lacrimosa-Konzertfilm "Lichtjahre" anschaut, sieht alles danach aus, dass ihr die verrücktesten und anhänglichsten Fans in Mexiko habt.

Wir haben dort mit Abstand unser größtes Publikum. Die Fans dort sind sehr loyal. Das ist inzwischen so extrem, dass die Mexikaner Lacrimosa fast schon als ihre eigene Band betrachten. Und es ist tatsächlich inzwischen so, dass wir dort öfter auftreten als in Deutschland.

Sind Gothic-Fans nicht sowieso sehr treu und verschreiben sich, wie Metal-Fans, dauerhaft ihrer Lieblingsband?

Das würde ich so nicht sagen. Sie sind zwar erst mal schon recht treu, aber auch sehr empfindlich. Sobald man etwas tut, was ihnen nicht in den Kram passt, dann verteufeln sie einen auch sehr schnell. Beispielsweise gibt es in unserem Konzertfilm Bilder, die belegen, dass ich nicht die ganze Zeit nur schwermütig durch die Gegend laufe, sondern auch mal eine Zigarette rauche. Viele Leute fühlen sich davon gestört, wenn sie sehen, dass ich auch meinen Spaß habe. Sie stellen sich einen Tilo Wolff eben anders vor - so, wie sie ihn sich in ihrer Fantasie ausgemalt haben. Sie wollen lieber gar nicht sehen, wie dieser Mensch tatsächlich ist.

In gewisser Weise müssen Sie also doch sehr darauf achten, nicht zu alltäglich zu wirken, sondern eine Kunstfigur zu sein?

Ich wirke vielleicht so, weil ich sehr eigen bin auf der Bühne. Da ich nicht so flott mit den Beinen bin, habe ich das Tanzen auf die Arme verlegt, ganz einfach. Das mag vielleicht künstlich aussehen. Mir geht es aber bei dem Film gerade darum, zu zeigen, dass ich eben keine Kunstfigur bin.

Kann man denn als Darkwave-Band mit seinem Image spielen? Es vielleicht sogar brechen? Kann man im Hawaiihemd noch Darkwave sein?

Ihre Frage impliziert ja schon, dass das scheinbar nicht möglich ist. Zum Glück definieren wir uns ja selbst nicht mehr als Darkwave-Band. Aber diese starren Zuschreibungen sind tatsächlich interessant. In Russland beispielsweise gelten wir als Metal-Band und treten mit Metal-Bands auf. Das wird sich wohl nie mehr ändern. Das mit dem Image ist mir selbst inzwischen aber auch relativ egal. Ich stecke meine Energie lieber in meine Musik als darein, eine öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Zum Schluss die lästige, aber notwendige Frage: Ist man als Beschwörer der deutschen Romantik und der deutschen Tiefgründigkeit nicht zwangsweise ein Deutschtümler?

Ich bin kein Nationalist. Ich bin dankbar, dass ich in Europa leben darf, habe aber keine besonderen Affinitäten zu Deutschland. Was man auch schon daran sieht, dass ich gar nicht mehr hier lebe, sondern in der Schweiz. Ich will nicht mal die Flagge für die deutsche Sprache hissen, aber es ist einfach so, dass ich in meinen Texten Gefühle ausdrücken möchte, und das kann ich eben am besten in meiner Muttersprache.

INTERVIEW: ANDREAS HARTMANN

 

<typohead type="5">Konzertfilm: Lacrimosa: "Lichtjahre" (DVD).

Sony BMG, 190 Min.</typohead>

Dieser Artikel ...

ist mir was wert!