Aus Furcht vor Neuwahlen scharen sich die Abgeordneten noch einmal hinter ihrem Parteichef und Premier Gordon Brown.von RALF SOTSCHECK

Gordon Brown erkennt: "Wie jeder Mensch, so habe auch ich Stärken und Schwächen". Bild: ap
DUBLIN taz | Er gab sich bescheiden und selbstkritisch. Der britische Premierminister Gordon Brown hat mit seinem anderthalbstündigen Auftritt vor der Labour-Fraktion am Montagabend einen Putsch abwenden können und zumindest etwas Zeit gewonnen. "Wie jeder Mensch, so habe auch ich Stärken und Schwächen", sagte Brown in einem Saal in Westminster, in dem sich Labour-Abgeordnete aus Unter- und Oberhaus drängelten. "Ich werde meine Stärken ausspielen und an meinen Schwächen arbeiten. Ich muss zweifellos noch viel über eine kollektive Führung von Partei und Regierung lernen." Er wolle Parteichef bleiben, weil er eine Mission habe, fügte er hinzu.
Der linke Parteiflügel hat sich bei den internen Auseinandersetzungen bisher zurückgehalten. Brown habe Zeit gewonnen, sagte ein linker Abgeordneter, aber die Unterstützung hänge von einer echten Änderung seines Politikstils ab. Die Dissidenten, die vornehmlich aus dem Lager von
Browns Vorgänger Tony Blair kommen, behaupteten, dass 50 bis 60 Abgeordnete einen Misstrauensantrag gegen Brown unterschrieben haben. Nach Browns Ansprache beschlossen sie jedoch, den Antrag vorerst zurückzuhalten. Die unmittelbare Gefahr eines Putsches ist damit gebannt.
Einer der Dissidenten räumte ein, man habe einen Rückzug gemacht, weil man befürchtete, dass Browns Sturz zu sofortigen Parlamentswahlen führen würde. Angesichts des katastrophalen Abschneidens der Labour Party bei der Europawahl, bei der sie mit 15 Prozent der Stimmen hinter den Tories und der EU-feindlichen UK Independence Party auf dem dritten Platz landete, wollte man zurzeit lieber keine Neuwahlen riskieren.
So konnte Brown Zukunftspläne schmieden. Er stellte sich vier Aufgaben: Er will die Wirtschaft wieder auf Kurs bringen, er will das System, das den Spesenskandal ermöglichte, reformieren, er will eine Zukunftsvision entwickeln, und er möchte die Einheit der Partei wiederherstellen. Der letzte Punkt dürfte der schwierigste sein.
Die Dissidenten haben nämlich keineswegs aufgegeben. Hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von einem erneuten Putschversuch im Herbst. Wenn die britische Wirtschaft bis dahin keine Erholung zeige, könne Brown nicht mehr argumentieren, dass er als Einziger die Fähigkeit besitze, das Land aus der Rezession zu führen, sagte ein Brown-Kritiker.
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