Kunst zur Migration

Ein Zuhause für Wanderer

Die türkische Künstlerin Secil Yaylali baut mit Kreuzberger Kindern Nistkästen für Zugvögel - als Zeichen der Gastfreundschaft und um Verständnis für Menschen zu wecken, die an mehreren Orten Zuhause sindvon ALKE WIERTH

Immer unterwegs - so sind sie, die wahren Wanderer  Bild:  dpa

Secil Yaylali ist eine Migrantin im eigentlichen Sinne des Wortes: Sie wandert, nicht ein oder aus, sondern hin und her, lebt mal in Istanbul, mal in Amsterdam und zurzeit in Berlin. Entsprechend wechselt sie zwischen den Sprachen hin und her, spricht Englisch mit den KollegInnen, Türkisch ins Handy und Deutsch mit den Kindern um sie herum. Mit Letzteren baut die türkische Künstlerin am Kottbusser Tor Vogelhäuschen für durchreisende Zugvögel, die diesen an den Häusern rund ums Kreuzberger Zentrum künftig als temporäre Zuhause dienen sollen. "Es geht um Toleranz", erklärt die quirlige kleine Frau ihr Kinder-Kunstprojekt: "Es geht darum, Neuankömmlinge, Durchreisende, Fremde nicht sofort zu Außenseitern zu erklären."

Sondern ihnen ein gemütliches Zuhause anzubieten - auch, wenn sie das vielleicht nicht für immer nutzen werden. Nein, sie werde nicht traurig sein, wenn die Vögel, die ihr Haus hoffentlich bald bewohnen, weiterziehen, sagt die zehnjährige Aylina: "Im nächsten Jahr kommen sie ja bestimmt zurück." Damit das passiert, baut sie mit ihrer gleichaltrigen Freundin Dilce ein besonders schmuckes Vogelhaus: mit mehreren Etagen, vielen Balkonen, auf denen sogar Teppiche aus Dachpappe liegen, und einem Schild, auf das die beiden Freundinnen "Anfassen verboten!" schreiben wollen: "Damit keiner den Vögeln etwas tut", erklärt Aylina.

Diana Gevers vom Naturschutzbund (Nabu) muss viel erklären, damit die Gestaltungsfantasie der Kinder nicht den Nutzwert der Häuschen für die Zugvögel besiegt. Nistkästen für Mauersegler sollen die Kinder bauen, darauf haben sich die verschiedenen Beteiligten des vom Quartiersmanagement Kottbusser Tor finanzierten Kunstprojekts verständigt. Mit etwa 30.000 Vögeln jeden Sommer beherberge Berlin "die größte norddeutsche Kolonie" dieser Zugvögel, erklärt die Naturschützerin. Die Stadt trage somit große Verantwortung für den Fortbestand der Vogelart. "Mauersegler brauchen Dunkelheit im Innern, schmale Einflugschlitze und viel Platz im Nisthaus für die Flugübungen der Jungen", so die 36-jährige, die eigentlich Entomologin, also Insektenkundlerin, ist.

Der schwalbenähnliche Zugvogel verbringt nur etwa drei Sommermonate in Deutschland und zieht hier seinen Nachwuchs auf. Ende Juli, Anfang August geht es dann auf die weite Reise nach Südafrika, wo die Mauersegler drei bis vier Wintermonate verbringen. Den ganzen Rest des Jahres sind die Vögel unterwegs. Mauersegler bauen keine eigenen Nester, sondern nutzen gewöhnlich Lücken in Dächern und Mauern zum Nisten, erklärt Gevers: "Zudem machen sie wesentlich weniger Krach und Dreck als Schwalben." Deren Nester würden in der Stadt häufig abgeschlagen: "Dass Mauersegler am Gebäude nisten, kriegen die Bewohner dagegen oft gar nicht mit", so Gevers.

Nicht auffallen, nicht stören: vielleicht gute Eigenschaften für Zugvögel und andere Migranten, die sich dem Lebensstil, dem Heimatbegriff der Sesshaften nicht anpassen. "Wir wollen den Vögeln helfen so zu leben, wie es ihre Art ist", sagt Sena, die mit ihrem Freund Abdulkadir schon das dritte Häuschen baut. Diesmal in Blau und Gelb und mit Blumenkante. Die anderen stehen schon bei den vielen fertig gestellten Arbeiten der Kinder: Vogelhäuser, die teils aussehen wie Ritterburgen oder Schlösser für kleine Prinzessinnen, manche wie Moscheen mit Kuppeln und Minarett, andere wie schlichte Reihenhäuschen.

Ausgangspunkt und Anregung für das Projekt waren die prunkvollen gemauerten Vogelhäuschen, die an alten osmanischen Gebäuden in Istanbul oft zu finden sind, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Anne Deschka, die das Projekt mit dem Namen "Quartier für Vielflieger" gemeinsam mit Secil Yaylali entwickelt hat. Sie seien ein "Symbol der Gastfreundschaft: als Heim für diejenigen, die nur teilweise dazugehören", so Deschka. Die Osmanen seien eben ein nomadisches Volk gewesen, ergänzt Yaylali: "Sie wussten, was es bedeutet zu wandern." Auch den heutigen Türken sei das noch anzumerken: "Many Turkish people cannot live without moving", sagt die Künstlerin: "Und wenn man dieses Leben aufgibt, fehlt einem etwas."

Um Verständnis für ein Leben als Wanderer, ein Leben mit mehr als einer Heimat wollen die beiden Künstlerinnen mit den Vogelhäuschen werben. Die werden zunächst im Museum Kreuzberg ausgestellt und dann an Häusern rund ums Kotti ihren Platz finden. Damit die Zugvögel auch im nächsten Jahr im Kiez ein Zuhause haben.

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29. August bis 12. September: "Quartier für Vielflieger", Ausstellung

im Kreuzberg Museum, Adalbertstraße 95A, Eröffnung am 28. August um 18

Uhr </typohead>

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