Jeder zweite Hauptschüler bleibt bei der Leistungsmessung unter dem Mindestniveau. Experten befürchten, dass die Hauptschulen zu Sonderschulen degradiert werden.von Christian Füller
ich bin kein Lehrer oder sonstiger Pädagoge, deswegen mag meine Frage naiv klingen... aber warum sind spätere Chancen am Arbeitsmarkt eine Vorraussetzung dafür, Bildung erfolgreich zu vermitteln? "Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen" könnte doch auch heißen: "Nicht für den Arbeitsplatz, sondern fürs Leben lernen". Daß man jungen Menschen, die aufgrund von Verwahrlosung im Elternhaus oder weshalb auch immer eine Bildungsaversion entwickelt haben (oder Lernblockaden, wie Sie es nennen), auch noch ständig die Paradeentschuldigung anbietet, ihre Bildungsvermeidungsstrategien bequem ausleben zu können ("Was soll denn das ganze, ich krieg ja doch später keinen Job, haben Sie/im TV o.ä gesagt!"), halte ich für grundfalsch. Wenn man Hauptschülern weiterhin suggeriert: "Irgendwie verstehen wir ja deine Ablehnung der Schule, denn du hast ja keine Berufschancen.", wird man recht schnell die Sozialarbeiter nicht in der Anzahl aufbringen können, die nötig ist, um bei jedem, bei dem das dann erforderlich sein wird, an der Wohnungstür zu erbitten: "Bitte komm heute doch mal zur Schule".
13.11.2008 20:39 Uhr
von Daniel Schönfeld:
Als Hauptschullehrer sehe ich durchaus die Problematik, dass die Jugendlichen wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Es hilft aber nicht, diese schwer ereichbaren Schüler einfach nur in eine andere Schulform zu stecken, denn auch dort sind und bleiben sie die Verlierer, nur haben wir das Problem verschoben. An "meiner" Schule brauche ich dringend Hilfe in Form von mindestens einem zweiten Sozialarbeiter, einem Schulpsychologen , der mehr als 1x im Monat da ist und jemanden, der verschiedene Formen von Therapien anbieten kann. Die Schüler sind nicht doof! Sie haben eine Vielzahl von Lernblockaden, die auch nicht auf einer Gemeinschaftsschule oder Verbundschule oder Gesamtschule gelöst werden. Auch die Eltern werden nicht mit einer anderen Schulform erreicht (Auch die brauchen oft Hilfe). Nicht eine neue Schule brauche ich (auch wenn das für mich bestimmt die Arbeit erleichtern würde :) ), nein, wir brauchen eine optimale Förderung durch geschultes Personal. Das übersieht leider die Debatte...
13.11.2008 18:47 Uhr
von Tobi_G:
Finde ich super - unter einer Voraussetzung: Die Abgänger dieser Schulen erhalten dann mit 18 kein Wahlrecht. (Erst nach Erbringung eines Beweises der Fähigkeit zu grundlegendem logischem Denken wird dieses verliehen.) Wir züchten ja schon längst neue Untermenschen - jetzt wird das auch endlich öffentlich zugegeben. Wir sperren die Dummen weg, statt für mehr Bildung zu sorgen! Das wird unser Ansehen in der Welt deutlich verbessern. Äh... ?
13.11.2008 14:01 Uhr
von Felidea:
Wenn unsere Regierung mit dem Resultat unser derzeitigen Bildungpolitik nicht zufrieden wäre, dann würde sie sie ändern.
Da dieses nicht geschieht, können wir uns alle an zehn Fingern abzählen, was das zu bedeuten hat.
13.11.2008 10:43 Uhr
von Ludwig Paul Häußner:
Staatsschulbankrott und die Notwendigkeit für eine institutionelle Innvation.
----------------------------
Wie sagte doch schon vor zweihundert(!) Jahren Wilhelm vom Humboldt?
"Öffentliche Erziehung scheint mir daher ganz außerhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten muß."
Auch zweihundert Jahre danach haben wir noch den staatlich bewirtschafteten Geist. Notwendig ist ein bildungspolitischer "Rütli-Schwur" für ein frei-öffentliches Schul- und Hochschulwesen.
Wenn wir wirklich die individuelle Förderung der Schulkinder möchten, dann kann es keine zentral verwalteten Lehrpläne der von Juristen dominierten Kultusministerien geben, die - letztlich - von Unterrichtsbeamten exekutiert werden.
Der Artikel 5, Abs. 3 unseres Grundgesetzes lautet:
"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung."
Der Artikel 7, Abs.1 und 4 unseres Grundgesetzes lautet:
(1) "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates."
(4) "Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist."
Das Schulwesen muss also nicht vom Staat bzw. den Bundesländern totalitär bewirtschaftet werden. Der Rechtsstaat setzt nur den ordnungspolitischen Rahmen und beschränkt sich auf die Rechtsaufsicht.
Als Ausweg aus der Schulmisere schlagen wir deshalb die institutionelle Innovation der frei-öffentlichen Schule vor. Sie erfüllt die Forderungen des Grundgesetzes, indem die Finanzmittel den SchülerInnen folgen, durch staatlich finanzierte Bildungsgutscheine (Stichwort: Finanzaufsicht z. B. durch den jeweiligen Landesrechnungshof). Diese lösen die Kinder bei den Schulen ihrer Wahl ein. Auf diese Art und Weise haben wir eine wirkliche Subjektförderung und damit die Rahmenvoraussetzung für die individuelle Ansprache der Kinder geschaffen.
Dazu bedarf es der institutionellen Innovation hin zur frei-öffentlichen Schule in privater Organisation mit einer sechsjährigen Basisschule und einer ebenfalls sechsjährigen Aufbauschule – in Form von allgemein- wie berufsbildenden Kollegschulen und Aufbaugymnasien.
Für die LehrerInnen gilt die Freiheit der Lehre gemäß Artikel 5, 3 GG. Über die Qualität der Schulen wachen - ebenso selbstveraltet als Körperschaften des öffentlichen Rechts - die pädagogischen Hochschulen bzw. Universitäten (Stichwort: Fachaufsicht).
Das staatliche Berechtigungswesen (insbesondere das Abitur) wird abgeschafft, da die autonomen Hochschulen die Auswahlkompetenz für die StudienbewerberInnen haben.
Erst durch eine grundlegende institutionelle Innovation in Richtung eines frei-öffentlichen Bildungswesens, können die in den Schulen engagierten LehrerInnen wirklich - kindorientiert - innovativ werden.
Mehr dazu unter: www.unternimm-die-schule.de
Ludwig Paul Häußner Arbeitsbereich Educational Entrepreneurship Interfakultatives Institut für Entrepreneurship Universität Karlsruhe (TH) www.iep.uni-karlsruhe.de
13.11.2008 09:50 Uhr
von hannah69:
Es ist nicht zu fassen, wie die deutsche Bildungspolitik es immer wieder schafft, sich selbst noch weiter zu unterbieten! Nicht, dass der Befund anzuzweifeln wäre - als Hauptschullehrerin an einem sozialen Brennpunkt in Mannheim treffe ich tagtäglich auf die vielzitierte Risikogruppe und mein Kollegium würde geschlossen zustimmen, dass wir, würden wir "reale" Maßstäbe anlegen, gut die Hälfte unserer SchülerInnen nicht guten Gewissens mit einem Abschluss aus der Schule entlassen können. Doch die Konsequenzen, die die Kultusminister offensichtlich aus diesem Befund ziehen wollen, sind mehr als fatal. Mal abgesehen von der simplen Frage, wie wir Betrieben dann noch erklären sollen, welche Empfehlung und Qualifikation der Hauptschulabschluss, mit dem wir unsere Schüler zu ihnen schicken, überhaupt noch darstellen würde, sind die Bildungsstandards die einzige Basis, um sich über notwendige Förderressourcen unterhalten zu können. Nicht von ungefähr gibt es in erfolgreichen Schulsystemen wie dem vielzitierten finnischen Mindeststandards, die Schulen und Staat letztlich dazu zwingen, die notwendigen Rahmenbedingungen und das erforderliche Personal für eine erfolgreiche individualisierte Förderung zur Verfügung zu stellen - ein in der Tat geradezu "heilsamer Zwang" zu individuellen Fördersystemen (vgl. http://www.das-parlament.de/2005/30-31/Thema/025.html ). Es ist ja nicht so, dass wir HauptschullehrerInnen vor Ort nicht wüssten, was unsere SchülerInnen brauchen, und auch die Didaktik und die pädagogische Forschung kann inzwischen Antworten darauf geben, wie eine sinnvolle Förderung potentieller RisikoschülerInnen aussehen kann und die meisten KollegInnen wären mehr als motiviert, solche Konzepte unter vernünftigen Rahmenbedingungen umsetzen zu können. Aber solcherart intensive Förderung, die - wie der Kollege Paul aus Aachen das im Interview sehr richtig beschreibt - die massiven vorhandenen "Bildungsverluste", die diese Kinder in die Schule mitbringen, braucht viel Zeit und vor allem auch Personal - Lehrerstunden, die langfristig in intensive Arbeit und individuelle Betreuung in kleinen Gruppen gesteckt werden können. Ja, und das kostet Geld, ohne das man die Hauptschule aber nicht wird retten können. Das Signal, das hier an die HauptschülerInnen wie auch ihre LehrerInnen gesendet wird, ist fatal und ich gestehe ein, dass ich als engagierte und überzeugte Hauptschullehrerin zunehmend darüber nachdenke, mich ins Ausland wie z.B. die Schweiz zu orientieren, in der Hoffnung dort so arbeiten zu können, wie ich mir das eigentlich für mich und vor allem für die SchülerInnen vorstelle.
13.11.2008 09:12 Uhr
von michaelbolz:
Nicht in einer entsolidarisierten Leistungsgesellschaft.
13.11.2008 00:25 Uhr
von vic:
So dumm wie diese Kultusminister wird ein Hauptschüler niemals werden. Und ja, wir benötigen keine Hauptschulen, wir brauchen Gesamtschulen.
12.11.2008 21:07 Uhr
von Kalle:
Hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat. War doch so in einem Werner-Comic in den 80ern, oder? Der Mann war Visionär!
Leserkommentare
02.12.2008 23:48 Uhr
von MeinName:
Herr Schönfeld,
ich bin kein Lehrer oder sonstiger Pädagoge, deswegen mag meine Frage naiv klingen... aber warum sind spätere Chancen am Arbeitsmarkt eine Vorraussetzung dafür, Bildung erfolgreich zu vermitteln? "Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen" könnte doch auch heißen: "Nicht für den Arbeitsplatz, sondern fürs Leben lernen". Daß man jungen Menschen, die aufgrund von Verwahrlosung im Elternhaus oder weshalb auch immer eine Bildungsaversion entwickelt haben (oder Lernblockaden, wie Sie es nennen), auch noch ständig die Paradeentschuldigung anbietet, ihre Bildungsvermeidungsstrategien bequem ausleben zu können ("Was soll denn das ganze, ich krieg ja doch später keinen Job, haben Sie/im TV o.ä gesagt!"), halte ich für grundfalsch. Wenn man Hauptschülern weiterhin suggeriert: "Irgendwie verstehen wir ja deine Ablehnung der Schule, denn du hast ja keine Berufschancen.", wird man recht schnell die Sozialarbeiter nicht in der Anzahl aufbringen können, die nötig ist, um bei jedem, bei dem das dann erforderlich sein wird, an der Wohnungstür zu erbitten: "Bitte komm heute doch mal zur Schule".
13.11.2008 20:39 Uhr
von Daniel Schönfeld:
Als Hauptschullehrer sehe ich durchaus die Problematik, dass die Jugendlichen wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Es hilft aber nicht, diese schwer ereichbaren Schüler einfach nur in eine andere Schulform zu stecken, denn auch dort sind und bleiben sie die Verlierer, nur haben wir das Problem verschoben. An "meiner" Schule brauche ich dringend Hilfe in Form von mindestens einem zweiten Sozialarbeiter, einem Schulpsychologen , der mehr als 1x im Monat da ist und jemanden, der verschiedene Formen von Therapien anbieten kann. Die Schüler sind nicht doof! Sie haben eine Vielzahl von Lernblockaden, die auch nicht auf einer Gemeinschaftsschule oder Verbundschule oder Gesamtschule gelöst werden. Auch die Eltern werden nicht mit einer anderen Schulform erreicht (Auch die brauchen oft Hilfe). Nicht eine neue Schule brauche ich (auch wenn das für mich bestimmt die Arbeit erleichtern würde :) ), nein, wir brauchen eine optimale Förderung durch geschultes Personal. Das übersieht leider die Debatte...
13.11.2008 18:47 Uhr
von Tobi_G:
Finde ich super - unter einer Voraussetzung: Die Abgänger dieser Schulen erhalten dann mit 18 kein Wahlrecht. (Erst nach Erbringung eines Beweises der Fähigkeit zu grundlegendem logischem Denken wird dieses verliehen.) Wir züchten ja schon längst neue Untermenschen - jetzt wird das auch endlich öffentlich zugegeben. Wir sperren die Dummen weg, statt für mehr Bildung zu sorgen! Das wird unser Ansehen in der Welt deutlich verbessern. Äh... ?
13.11.2008 14:01 Uhr
von Felidea:
Wenn unsere Regierung mit dem Resultat unser derzeitigen Bildungpolitik nicht zufrieden wäre, dann würde sie sie ändern.
Da dieses nicht geschieht, können wir uns alle an zehn Fingern abzählen, was das zu bedeuten hat.
13.11.2008 10:43 Uhr
von Ludwig Paul Häußner:
Staatsschulbankrott und die Notwendigkeit für eine institutionelle Innvation.
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Wie sagte doch schon vor zweihundert(!) Jahren Wilhelm vom Humboldt?
"Öffentliche Erziehung scheint mir daher ganz außerhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit halten muß."
Auch zweihundert Jahre danach haben wir noch den staatlich bewirtschafteten Geist. Notwendig ist ein bildungspolitischer "Rütli-Schwur" für ein frei-öffentliches Schul- und Hochschulwesen.
Wenn wir wirklich die individuelle Förderung der Schulkinder möchten, dann kann es keine zentral verwalteten Lehrpläne der von Juristen dominierten Kultusministerien geben, die - letztlich - von Unterrichtsbeamten exekutiert werden.
Der Artikel 5, Abs. 3 unseres Grundgesetzes lautet:
"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung."
Der Artikel 7, Abs.1 und 4 unseres Grundgesetzes lautet:
(1) "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates."
(4) "Das Recht zur Errichtung von privaten Schulen wird gewährleistet. Private Schulen als Ersatz für öffentliche Schulen bedürfen der Genehmigung des Staates und unterstehen den Landesgesetzen. Die Genehmigung ist zu erteilen, wenn die privaten Schulen in ihren Lehrzielen und Einrichtungen sowie in der wissenschaftlichen Ausbildung ihrer Lehrkräfte nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen und eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird. Die Genehmigung ist zu versagen, wenn die wirtschaftliche und rechtliche Stellung der Lehrkräfte nicht genügend gesichert ist."
Das Schulwesen muss also nicht vom Staat bzw. den Bundesländern totalitär bewirtschaftet werden. Der Rechtsstaat setzt nur den ordnungspolitischen Rahmen und beschränkt sich auf die Rechtsaufsicht.
Als Ausweg aus der Schulmisere schlagen wir deshalb die institutionelle Innovation der frei-öffentlichen Schule vor. Sie erfüllt die Forderungen des Grundgesetzes, indem die Finanzmittel den SchülerInnen folgen, durch staatlich finanzierte Bildungsgutscheine (Stichwort: Finanzaufsicht z. B. durch den jeweiligen Landesrechnungshof). Diese lösen die Kinder bei den Schulen ihrer Wahl ein. Auf diese Art und Weise haben wir eine wirkliche Subjektförderung und damit die Rahmenvoraussetzung für die individuelle Ansprache der Kinder geschaffen.
Dazu bedarf es der institutionellen Innovation hin zur frei-öffentlichen Schule in privater Organisation mit einer sechsjährigen Basisschule und einer ebenfalls sechsjährigen Aufbauschule – in Form von allgemein- wie berufsbildenden Kollegschulen und Aufbaugymnasien.
Für die LehrerInnen gilt die Freiheit der Lehre gemäß Artikel 5, 3 GG. Über die Qualität der Schulen wachen - ebenso selbstveraltet als Körperschaften des öffentlichen Rechts - die pädagogischen Hochschulen bzw. Universitäten (Stichwort: Fachaufsicht).
Das staatliche Berechtigungswesen (insbesondere das Abitur) wird abgeschafft, da die autonomen Hochschulen die Auswahlkompetenz für die StudienbewerberInnen haben.
Erst durch eine grundlegende institutionelle Innovation in Richtung eines frei-öffentlichen Bildungswesens, können die in den Schulen engagierten LehrerInnen wirklich - kindorientiert - innovativ werden.
Mehr dazu unter: www.unternimm-die-schule.de
Ludwig Paul Häußner
Arbeitsbereich Educational Entrepreneurship
Interfakultatives Institut für Entrepreneurship
Universität Karlsruhe (TH)
www.iep.uni-karlsruhe.de
13.11.2008 09:50 Uhr
von hannah69:
Es ist nicht zu fassen, wie die deutsche Bildungspolitik es immer wieder schafft, sich selbst noch weiter zu unterbieten! Nicht, dass der Befund anzuzweifeln wäre - als Hauptschullehrerin an einem sozialen Brennpunkt in Mannheim treffe ich tagtäglich auf die vielzitierte Risikogruppe und mein Kollegium würde geschlossen zustimmen, dass wir, würden wir "reale" Maßstäbe anlegen, gut die Hälfte unserer SchülerInnen nicht guten Gewissens mit einem Abschluss aus der Schule entlassen können. Doch die Konsequenzen, die die Kultusminister offensichtlich aus diesem Befund ziehen wollen, sind mehr als fatal. Mal abgesehen von der simplen Frage, wie wir Betrieben dann noch erklären sollen, welche Empfehlung und Qualifikation der Hauptschulabschluss, mit dem wir unsere Schüler zu ihnen schicken, überhaupt noch darstellen würde, sind die Bildungsstandards die einzige Basis, um sich über notwendige Förderressourcen unterhalten zu können. Nicht von ungefähr gibt es in erfolgreichen Schulsystemen wie dem vielzitierten finnischen Mindeststandards, die Schulen und Staat letztlich dazu zwingen, die notwendigen Rahmenbedingungen und das erforderliche Personal für eine erfolgreiche individualisierte Förderung zur Verfügung zu stellen - ein in der Tat geradezu "heilsamer Zwang" zu individuellen Fördersystemen (vgl. http://www.das-parlament.de/2005/30-31/Thema/025.html ).
Es ist ja nicht so, dass wir HauptschullehrerInnen vor Ort nicht wüssten, was unsere SchülerInnen brauchen, und auch die Didaktik und die pädagogische Forschung kann inzwischen Antworten darauf geben, wie eine sinnvolle Förderung potentieller RisikoschülerInnen aussehen kann und die meisten KollegInnen wären mehr als motiviert, solche Konzepte unter vernünftigen Rahmenbedingungen umsetzen zu können. Aber solcherart intensive Förderung, die - wie der Kollege Paul aus Aachen das im Interview sehr richtig beschreibt - die massiven vorhandenen "Bildungsverluste", die diese Kinder in die Schule mitbringen, braucht viel Zeit und vor allem auch Personal - Lehrerstunden, die langfristig in intensive Arbeit und individuelle Betreuung in kleinen Gruppen gesteckt werden können. Ja, und das kostet Geld, ohne das man die Hauptschule aber nicht wird retten können. Das Signal, das hier an die HauptschülerInnen wie auch ihre LehrerInnen gesendet wird, ist fatal und ich gestehe ein, dass ich als engagierte und überzeugte Hauptschullehrerin zunehmend darüber nachdenke, mich ins Ausland wie z.B. die Schweiz zu orientieren, in der Hoffnung dort so arbeiten zu können, wie ich mir das eigentlich für mich und vor allem für die SchülerInnen vorstelle.
13.11.2008 09:12 Uhr
von michaelbolz:
Nicht in einer entsolidarisierten Leistungsgesellschaft.
13.11.2008 00:25 Uhr
von vic:
So dumm wie diese Kultusminister wird ein Hauptschüler niemals werden.
Und ja, wir benötigen keine Hauptschulen, wir brauchen Gesamtschulen.
12.11.2008 21:07 Uhr
von Kalle:
Hurra, wir verblöden, für uns bezahlt der Staat. War doch so in einem Werner-Comic in den 80ern, oder? Der Mann war Visionär!