Die traditionell europäisch geprägten Eliten in der Türkei verlieren an Einfluss. Doch sie wehren sich gegen die religiös-nationalistische Kulturoffensive der AKP-Regierung.von Philipp Gessler
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02.02.2010
Kulturkampf in der Türkei
Beethoven am Bosporus
Die traditionell europäisch geprägten Eliten in der Türkei verlieren an Einfluss. Doch sie wehren sich gegen die religiös-nationalistische Kulturoffensive der AKP-Regierung.von Philipp Gessler
Prima! Europa hat die "Hochkultur" und die "Anderen" bloß Folklore. Fertig ist das dualistische Weltbild.
03.02.2010 15:48 Uhr
von Wumme:
Ist schon klar, in der Türkei schwenken sie EU Fähnchen und in Deutschland werden Türkische Fahnen geschwenkt und das noch in der dritten Generation.
Neee.. lass mal Kalle, wir sollten mal die Kirche in Dorf und die Moschee in Istanbul lassen.
03.02.2010 11:05 Uhr
von Lulu:
@ Florian Danke für die Musiktipps. Hab die Sachen eben mal bei Youtube reingemacht und gefällt mir gut ;)
Also, wenn EU was mit Fähnchenschwenken zu tun hat, bin ich garantiert kein Europäer. Angesichts des Lissabonvertrages sollten die Türken sich sowieso glücklich schätzen nicht zur EU zu gehören.
03.02.2010 07:30 Uhr
von Florian:
Die Diskussion um Beethoven versus tanzende Derwische uebersieht gaenzlich die ueberaus vielseitigen aktuellen musikalischen Entwicklungen in der Tuerkei. Elektrosufis ala Mercan Dede, fantastischer Gipsy-Jazz von Husnus Senlendirici oder die sagenhaften Folkinterpretationen von Kardes Tuerkueler, dies alles sind Besispiele der kraftvollen Verbindung tuerkischer Traditionen mit modernen westlichen Musikstilen oder Instrumenten. Ich moechte daher diese ueberaus hoerenswerte Verschmelzung als geradezu wegweisend fuer die weitere sehr hoffnungsvolle Entwicklung der tuerkischen Gesellschaft bezeichen und freue mich auf weitere Hoehepunkte der Festivitaeten in Istanbul.
02.02.2010 18:37 Uhr
von Jason:
Ein typischer Türkeifeindlicher billiger Klischeehafter artikel den man von der TAZ und insgesamt von der deutschen Medienlandschaft gewohnt ist, wenn das Thema Türkei ist.
Hetze, hetzerischer.....Deutsche Medien über die Türkei....
02.02.2010 17:10 Uhr
von Stefan Bronski:
"Chor von Kindern, die blaue Europafähnchen schwenkten. Das, immerhin, war ein klares Bekenntnis zu Europa. Zumindest der nächsten Generation."
Ein klares Bekenntnis zu Europa, weil man Fähnchen schwenkt? Ich kann mir kaum das Lachen verkneifen, unter Europa versteht man in der Türkei die prall gefüllten Fördertöpfe mit den vielen Euros.
Sorry, aber die Türkei hat in der EU nichts zu suchen, es ei denn aus der EU wird eine reine Wirtschaftsunion , aber dann könnten wir auch China oder Brasilien aufnehmen, dort hört man auch gerne Beethoven und wenn es sein muss, wird man auch EU Fähnchen schwenken.
02.02.2010 17:04 Uhr
von delidervis:
Sie zitieren:
"Der Theaterautor und Publizist Aydin Engin warnt, man solle nicht übertreiben. Doch auch er sagt: "Allmählich hat die AKP-Regierung die Achse etwas verschoben." Man könne in der Kulturpolitik durchaus "von einem Kurswechsel sprechen". Sichtbar werde das etwa an der Förderung religiöser Musik, osmanischer "Hofmusik" und tanzender Derwische, deren Aufführungen von manchen schon als "nationales Ballett" angehimmelt würden."
Die Rezeption westlicher Klassik in der Türkei kennt zwei markante Punkte: zum einen, als die mehterhane 1826 von Sultan abgeschafft und Giuseppe Donizetti als Kapellmeister verpflichtet wurde, um westliche Klangkörper zu etablieren. Zum anderen im Zuge von Atatürks Kulturpolitik. Beides bedeutete einen abrupten Bruch mit jahrhundertealten musikalischen Strukturen. Dass derartige Konzepte weder auf Dauer sind noch wirklich funktionieren, braucht nicht diskutert zu werden.
In den letzten zehn Jahren ist eine Renaissance der klassisch-türkischen Musik zu beobachten, nicht zuletzt, weil linientreue Kemalisten der alten Garde so langsam aber sicher das Zeitliche gesegnet haben und somit die eigene Musikkultur aus ihrem Nischendasein unproblematisch heraustreten kann. Dazu gehört eben auch eine religiöse Musik. Und Derwische. Bei Aufführung europäischer Musik der frühen Neuzeit wittert hierzulande schließlich auch niemand ein zartes Wiederaufkeimen der Inquisition. Auch Bach-Kantaten habe ich noch nicht mit evangelikal-christlichem Fundamentalismus in Verbndung gebracht gesehen. Sie merken also selbst, wie absurd diese Argumentation von Herrn Engin ist, nicht wahr?
Man kann gegen die AKP sein und trotzdem das musikalische Erbe der Türkei schätzen. Differenziert man hier nicht, köchelt die Suppe der ewig gleichen Pauschalurteile munter weiter vor sich hin. Nicht jeder, der gerne Türk Sanat und die osmanische Hofmusik hört, ist ein verkappter Islamist, der Verhältnisse Marke Teheran wünscht.
02.02.2010 16:45 Uhr
von Biodeutscher Sozialromantiker:
@ anke:
Sie fragen:
"Warum seiner Ansicht nach als Auftakt zum Festjahr, in dem Istanbul "Kulturhauptsadt Europas" sein soll, ausschließlich Musik aus Österreich, Frankreich oder Deutschland gespielt werden muss, vergaß Philipp Gessler leider zu erwähnen. Es hätte mich interessiert."
Ein kleiner Tipp von mir: Vielleicht liegt es daran, dass Österreich, Frankreich oder Deutschland zu Europa gehören und die Türkei nicht?
02.02.2010 16:22 Uhr
von Linke Socke:
Die Kemalistische Elite ist nicht so westlich wie gerne dargestellt wird. Seit Jahrzehnten hat diese Minderheit der Mehrheitsgesellschaft ihre Gedanken mit Militärischer Macht auferlegt jetzt wo die AKP den Menschen den Volkswillen entsprechend Freiheiten umsetzen will, wehren sich die Kemalisten nur um ihre eigene Macht weiter zu behalten und da kämpfen sie glücklicherweise auf verlorenem Posten. Wenn die Kemalisten ach so europäisch gewesen wären, so glaubt mir, wäre die Türkei bereits mitglied der Europäischen Staatengemeinschaft, denn sie haben die letzten 80 Jahre in der Politik geprägt.
02.02.2010 16:09 Uhr
von Ibrahim Ruc:
Ein wirklich sehr schlechter Artikel. Was schon am Anfang als "religiös-nationalistisch" bezeichnet wird, ist die wahre Kultur der Türkei. Lobeshymnen zu singen auf Atatürks "Zwangsmodernisierung" und den damit verbundenen "Kultur-Import" ist wahrlich unter dem Nivaeu der taz-Leser. Die sog. "Eliten" (also die Kemalisten die sich als wahren Eigentümer des Landes sehen) sind diejenigen, die sich vom Westen abwenden, den Westen verteufeln und in ihm einen Feind sehen. Diese sog. "Eliten" mögen zwar vom Lebensstil her modern bzw. "westlich" sein. Vom politischem Denken jedoch, sind sie im Jahre 1938 hängengeblieben. Diese "Eliten" sind verantwortlich für das Demokratiedefizit der Türkei. Denn diese Eliten denken "Wenns um das Vaterland geht, ist alles andere belanglos". Wir haben 1960, 1971, 1980 und 1997 gesehen, dass Menschenrechte und Demokratie für diese Eliten belanglos sind. Mit Halbwahrheiten macht man keinen guten Journalismus.
02.02.2010 15:59 Uhr
von delidervis:
Sie zitieren:
"Der Theaterautor und Publizist Aydin Engin warnt, man solle nicht übertreiben. Doch auch er sagt: "Allmählich hat die AKP-Regierung die Achse etwas verschoben." Man könne in der Kulturpolitik durchaus "von einem Kurswechsel sprechen". Sichtbar werde das etwa an der Förderung religiöser Musik, osmanischer "Hofmusik" und tanzender Derwische, deren Aufführungen von manchen schon als "nationales Ballett" angehimmelt würden."
Die Rezeption westlicher Klassik in der Türkei kennt zwei markante Punkte: zum einen, als die mehterhane 1826 von Sultan abgeschafft und Giuseppe Donizetti als Kapellmeister verpflichtet wurde, um westliche Klangkörper zu etablieren. Zum anderen im Zuge von Atatürks Kulturpolitik. Beides bedeutete einen abrupten Bruch mit jahrhundertealten musikalischen Strukturen. Dass derartige Konzepte weder auf Dauer sind noch wirklich funktionieren, braucht nicht diskutert zu werden.
In den letzten zehn Jahren ist eine Renaissance der klassisch-türkischen Musik zu beobachten, nicht zuletzt, weil linientreue Kemalisten der alten Garde so langsam aber sicher das Zeitliche gesegnet haben und somit die eigene Musikkultur aus ihrem Nischendasein unproblematisch heraustreten kann. Dazu gehört eben auch eine religiöse Musik. Und Derwische. Bei Aufführung europäischer Musik der frühen Neuzeit wittert hierzulande schließlich auch niemand ein zartes Wiederaufkeimen der Inquisition. Auch Bach-Kantaten habe ich noch nicht mit evangelikal-christlichem Fundamentalismus in Verbndung gebracht gesehen. Sie merken also selbst, wie absurd diese Argumentation von Herrn Engin ist, nicht wahr?
Man kann gegen die AKP sein und trotzdem das musikalische Erbe der Türkei schätzen. Differenziert man hier nicht, köchelt die Suppe der ewig gleichen Pauschalurteile munter weiter vor sich hin. Nicht jeder, der gerne Türk Sanat und die osmanische Hofmusik hört, ist ein verkappter Islamist, der Verhältnisse Marke Teheran wünscht.
02.02.2010 13:31 Uhr
von Hunks:
Beethoven hört man auch sehr gerne in Südkorea, Japan oder China. Nun sind weder die Türkei, China oder Japan Europa, dazu gehört mehr als Beethoven zu mögen.
02.02.2010 11:25 Uhr
von anke:
Warum seiner Ansicht nach als Auftakt zum Festjahr, in dem Istanbul "Kulturhauptsadt Europas" sein soll, ausschließlich Musik aus Österreich, Frankreich oder Deutschland gespielt werden muss, vergaß Philipp Gessler leider zu erwähnen. Es hätte mich interessiert.
Mit ihrer Initiative will die EU nämlich laut Lexikon nicht nur dazu beitragen, "Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes" aufzuzeigen, sie will auch "den Reichtum [und] die Vielfalt [...] in Europa" herausstellen. Schon möglich, dass es "ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander" sehr befördert, wenn nur Gewohntes und Beliebtes präsentiert wird. Dass die auserwählten Städte sich allerdings nicht nur einen ideellen Gewinn für Europa, sondern (nach entsprechender Propaganda von Seiten der Veranstalter) auch handfeste eigene Vorteile wirtschaftlicher Art vom Tragen des Kulturhauptstadt-Titels versprechen, darf eigentlich niemanden überraschen. Eine "erhöhte Aufmerksamkeit und zahlreiche Besucher" allerdings rekrutiert man noch allemal eher mit tanzenden Derwischen und sanftem Pop als mit Beethoven und Chagall, schon weil die Basis jeder (Gesellschafts-)Pyramide entschieden breiter ist als ihre Spitze. Das ist in Frankreich so, in Österreich und in Deutschland auch. Überhaupt ist es eine auffällige Gemeinsamkeit aller EU-Mitgliedsstaaten, dass ihre Eliten eine eigene, nur sie verbindende Kultur konsumieren. Und so verschieden, dass es am Bosporus unbedingt anders sein müsste, sind die Türken nun auch wieder nicht. Zumindest die nicht, die sich zu den oberen Zehntausend gezählt wissen wollen.
02.02.2010 10:46 Uhr
von Oberhart:
Wo die Türkei sich kulturell hinbewegt, soll sie mal selbst entscheiden. Ist ja nicht so, dass man sich entscheiden müßte zwischen Derwischtänzen und klassischer Musik. Das kann man beides gut oder schlecht finden und die Entscheidung soll das Publikum mal schön selbst treffen.
Wünschenswert wäre allerdings ganz klar eine Hinwendung zu Menschenrechten und Toleranz - die dann ganz automatisch auch ein Abwenden von islamischen Kräften bedeutet. Wer die Menschenrechte achtet oder im Idealfall gar fördert, der darf von mir aus Derwischtänze und orientalische Konzerte besuchen, bis seine Ohren bluten.
Und genau das ist das Manko von Erdogan und seinen Schergen. Die Lage der Frauen zB hat sich seit dessen Amtsübernahme deutlich verschlechtert. In türkischen Gefängnissen wird weiter gefoltert und die Menschenwürde mit Füßen getreten. Das ist das Problem und nicht ob die Mehrheit der Türken lieber Beethoven oder Tarkan hört...
02.02.2010 10:29 Uhr
von sub:
ich glaub die taz hat da was nicht richtig verstanden..die türkei hebt jetzt ihre nationale kultur deshalb so hervor, weil sie sich auf die aufnahme in die eu und die damit einhergehende europäisierung vorbereiten. außerdem will man so sehr in die eu, dass man den eu gegnern noch ein wenig entgegenkommt, damit sie es nicht gar zu verhindern versuchen. das was ihr als mögliche abwendung von der eu versteht, ist eben genau das gegenteil.
Leserkommentare
17.02.2011 01:24 Uhr
von Christian Alexander Tietgen:
Die Türkei in die EU!
03.02.2010 23:44 Uhr
von Skadorasch:
Prima!
Europa hat die "Hochkultur" und die "Anderen" bloß Folklore. Fertig ist das dualistische Weltbild.
03.02.2010 15:48 Uhr
von Wumme:
Ist schon klar, in der Türkei schwenken sie EU Fähnchen und in Deutschland werden Türkische Fahnen geschwenkt und das noch in der dritten Generation.
Neee.. lass mal Kalle, wir sollten mal die Kirche in Dorf und die Moschee in Istanbul lassen.
03.02.2010 11:05 Uhr
von Lulu:
@ Florian
Danke für die Musiktipps. Hab die Sachen eben mal bei Youtube reingemacht und gefällt mir gut ;)
Also, wenn EU was mit Fähnchenschwenken zu tun hat, bin ich garantiert kein Europäer. Angesichts des Lissabonvertrages sollten die Türken sich sowieso glücklich schätzen nicht zur EU zu gehören.
03.02.2010 07:30 Uhr
von Florian:
Die Diskussion um Beethoven versus tanzende Derwische uebersieht gaenzlich die ueberaus vielseitigen aktuellen musikalischen Entwicklungen in der Tuerkei. Elektrosufis ala Mercan Dede, fantastischer Gipsy-Jazz von Husnus Senlendirici oder die sagenhaften Folkinterpretationen von Kardes Tuerkueler, dies alles sind Besispiele der kraftvollen Verbindung tuerkischer Traditionen mit modernen westlichen Musikstilen oder Instrumenten. Ich moechte daher diese ueberaus hoerenswerte Verschmelzung als geradezu wegweisend fuer die weitere sehr hoffnungsvolle Entwicklung der tuerkischen Gesellschaft bezeichen und freue mich auf weitere Hoehepunkte der Festivitaeten in Istanbul.
02.02.2010 18:37 Uhr
von Jason:
Ein typischer Türkeifeindlicher billiger Klischeehafter artikel den man von der TAZ und insgesamt von der deutschen Medienlandschaft gewohnt ist, wenn das Thema Türkei ist.
Hetze, hetzerischer.....Deutsche Medien über die Türkei....
02.02.2010 17:10 Uhr
von Stefan Bronski:
"Chor von Kindern, die blaue Europafähnchen schwenkten. Das, immerhin, war ein klares Bekenntnis zu Europa. Zumindest der nächsten Generation."
Ein klares Bekenntnis zu Europa, weil man Fähnchen schwenkt? Ich kann mir kaum das Lachen verkneifen, unter Europa versteht man in der Türkei die prall gefüllten Fördertöpfe mit den vielen Euros.
Sorry, aber die Türkei hat in der EU nichts zu suchen, es ei denn aus der EU wird eine reine Wirtschaftsunion , aber dann könnten wir auch China oder Brasilien aufnehmen, dort hört man auch gerne Beethoven und wenn es sein muss, wird man auch EU Fähnchen schwenken.
02.02.2010 17:04 Uhr
von delidervis:
Sie zitieren:
"Der Theaterautor und Publizist Aydin Engin warnt, man solle nicht übertreiben. Doch auch er sagt: "Allmählich hat die AKP-Regierung die Achse etwas verschoben." Man könne in der Kulturpolitik durchaus "von einem Kurswechsel sprechen". Sichtbar werde das etwa an der Förderung religiöser Musik, osmanischer "Hofmusik" und tanzender Derwische, deren Aufführungen von manchen schon als "nationales Ballett" angehimmelt würden."
Die Rezeption westlicher Klassik in der Türkei kennt zwei markante Punkte: zum einen, als die mehterhane 1826 von Sultan abgeschafft und Giuseppe Donizetti als Kapellmeister verpflichtet wurde, um westliche Klangkörper zu etablieren. Zum anderen im Zuge von Atatürks Kulturpolitik. Beides bedeutete einen abrupten Bruch mit jahrhundertealten musikalischen Strukturen. Dass derartige Konzepte weder auf Dauer sind noch wirklich funktionieren, braucht nicht diskutert zu werden.
In den letzten zehn Jahren ist eine Renaissance der klassisch-türkischen Musik zu beobachten, nicht zuletzt, weil linientreue Kemalisten der alten Garde so langsam aber sicher das Zeitliche gesegnet haben und somit die eigene Musikkultur aus ihrem Nischendasein unproblematisch heraustreten kann. Dazu gehört eben auch eine religiöse Musik. Und Derwische. Bei Aufführung europäischer Musik der frühen Neuzeit wittert hierzulande schließlich auch niemand ein zartes Wiederaufkeimen der Inquisition. Auch Bach-Kantaten habe ich noch nicht mit evangelikal-christlichem Fundamentalismus in Verbndung gebracht gesehen. Sie merken also selbst, wie absurd diese Argumentation von Herrn Engin ist, nicht wahr?
Man kann gegen die AKP sein und trotzdem das musikalische Erbe der Türkei schätzen. Differenziert man hier nicht, köchelt die Suppe der ewig gleichen Pauschalurteile munter weiter vor sich hin. Nicht jeder, der gerne Türk Sanat und die osmanische Hofmusik hört, ist ein verkappter Islamist, der Verhältnisse Marke Teheran wünscht.
02.02.2010 16:45 Uhr
von Biodeutscher Sozialromantiker:
@ anke:
Sie fragen:
"Warum seiner Ansicht nach als Auftakt zum Festjahr, in dem Istanbul "Kulturhauptsadt Europas" sein soll, ausschließlich Musik aus Österreich, Frankreich oder Deutschland gespielt werden muss, vergaß Philipp Gessler leider zu erwähnen. Es hätte mich interessiert."
Ein kleiner Tipp von mir: Vielleicht liegt es daran, dass Österreich, Frankreich oder Deutschland zu Europa gehören und die Türkei nicht?
02.02.2010 16:22 Uhr
von Linke Socke:
Die Kemalistische Elite ist nicht so westlich wie gerne dargestellt wird. Seit Jahrzehnten hat diese Minderheit der Mehrheitsgesellschaft ihre Gedanken mit Militärischer Macht auferlegt jetzt wo die AKP den Menschen den Volkswillen entsprechend Freiheiten umsetzen will, wehren sich die Kemalisten nur um ihre eigene Macht weiter zu behalten und da kämpfen sie glücklicherweise auf verlorenem Posten. Wenn die Kemalisten ach so europäisch gewesen wären, so glaubt mir, wäre die Türkei bereits mitglied der Europäischen Staatengemeinschaft, denn sie haben die letzten 80 Jahre in der Politik geprägt.
02.02.2010 16:09 Uhr
von Ibrahim Ruc:
Ein wirklich sehr schlechter Artikel. Was schon am Anfang als "religiös-nationalistisch" bezeichnet wird, ist die wahre Kultur der Türkei. Lobeshymnen zu singen auf Atatürks "Zwangsmodernisierung" und den damit verbundenen "Kultur-Import" ist wahrlich unter dem Nivaeu der taz-Leser. Die sog. "Eliten" (also die Kemalisten die sich als wahren Eigentümer des Landes sehen) sind diejenigen, die sich vom Westen abwenden, den Westen verteufeln und in ihm einen Feind sehen. Diese sog. "Eliten" mögen zwar vom Lebensstil her modern bzw. "westlich" sein. Vom politischem Denken jedoch, sind sie im Jahre 1938 hängengeblieben. Diese "Eliten" sind verantwortlich für das Demokratiedefizit der Türkei. Denn diese Eliten denken "Wenns um das Vaterland geht, ist alles andere belanglos". Wir haben 1960, 1971, 1980 und 1997 gesehen, dass Menschenrechte und Demokratie für diese Eliten belanglos sind. Mit Halbwahrheiten macht man keinen guten Journalismus.
02.02.2010 15:59 Uhr
von delidervis:
Sie zitieren:
"Der Theaterautor und Publizist Aydin Engin warnt, man solle nicht übertreiben. Doch auch er sagt: "Allmählich hat die AKP-Regierung die Achse etwas verschoben." Man könne in der Kulturpolitik durchaus "von einem Kurswechsel sprechen". Sichtbar werde das etwa an der Förderung religiöser Musik, osmanischer "Hofmusik" und tanzender Derwische, deren Aufführungen von manchen schon als "nationales Ballett" angehimmelt würden."
Die Rezeption westlicher Klassik in der Türkei kennt zwei markante Punkte: zum einen, als die mehterhane 1826 von Sultan abgeschafft und Giuseppe Donizetti als Kapellmeister verpflichtet wurde, um westliche Klangkörper zu etablieren. Zum anderen im Zuge von Atatürks Kulturpolitik. Beides bedeutete einen abrupten Bruch mit jahrhundertealten musikalischen Strukturen. Dass derartige Konzepte weder auf Dauer sind noch wirklich funktionieren, braucht nicht diskutert zu werden.
In den letzten zehn Jahren ist eine Renaissance der klassisch-türkischen Musik zu beobachten, nicht zuletzt, weil linientreue Kemalisten der alten Garde so langsam aber sicher das Zeitliche gesegnet haben und somit die eigene Musikkultur aus ihrem Nischendasein unproblematisch heraustreten kann. Dazu gehört eben auch eine religiöse Musik. Und Derwische. Bei Aufführung europäischer Musik der frühen Neuzeit wittert hierzulande schließlich auch niemand ein zartes Wiederaufkeimen der Inquisition. Auch Bach-Kantaten habe ich noch nicht mit evangelikal-christlichem Fundamentalismus in Verbndung gebracht gesehen. Sie merken also selbst, wie absurd diese Argumentation von Herrn Engin ist, nicht wahr?
Man kann gegen die AKP sein und trotzdem das musikalische Erbe der Türkei schätzen. Differenziert man hier nicht, köchelt die Suppe der ewig gleichen Pauschalurteile munter weiter vor sich hin. Nicht jeder, der gerne Türk Sanat und die osmanische Hofmusik hört, ist ein verkappter Islamist, der Verhältnisse Marke Teheran wünscht.
02.02.2010 13:31 Uhr
von Hunks:
Beethoven hört man auch sehr gerne in Südkorea, Japan oder China. Nun sind weder die Türkei, China oder Japan Europa, dazu gehört mehr als Beethoven zu mögen.
02.02.2010 11:25 Uhr
von anke:
Warum seiner Ansicht nach als Auftakt zum Festjahr, in dem Istanbul "Kulturhauptsadt Europas" sein soll, ausschließlich Musik aus Österreich, Frankreich oder Deutschland gespielt werden muss, vergaß Philipp Gessler leider zu erwähnen. Es hätte mich interessiert.
Mit ihrer Initiative will die EU nämlich laut Lexikon nicht nur dazu beitragen, "Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes" aufzuzeigen, sie will auch "den Reichtum [und] die Vielfalt [...] in Europa" herausstellen. Schon möglich, dass es "ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander" sehr befördert, wenn nur Gewohntes und Beliebtes präsentiert wird. Dass die auserwählten Städte sich allerdings nicht nur einen ideellen Gewinn für Europa, sondern (nach entsprechender Propaganda von Seiten der Veranstalter) auch handfeste eigene Vorteile wirtschaftlicher Art vom Tragen des Kulturhauptstadt-Titels versprechen, darf eigentlich niemanden überraschen. Eine "erhöhte Aufmerksamkeit und zahlreiche Besucher" allerdings rekrutiert man noch allemal eher mit tanzenden Derwischen und sanftem Pop als mit Beethoven und Chagall, schon weil die Basis jeder (Gesellschafts-)Pyramide entschieden breiter ist als ihre Spitze. Das ist in Frankreich so, in Österreich und in Deutschland auch. Überhaupt ist es eine auffällige Gemeinsamkeit aller EU-Mitgliedsstaaten, dass ihre Eliten eine eigene, nur sie verbindende Kultur konsumieren. Und so verschieden, dass es am Bosporus unbedingt anders sein müsste, sind die Türken nun auch wieder nicht. Zumindest die nicht, die sich zu den oberen Zehntausend gezählt wissen wollen.
02.02.2010 10:46 Uhr
von Oberhart:
Wo die Türkei sich kulturell hinbewegt, soll sie mal selbst entscheiden. Ist ja nicht so, dass man sich entscheiden müßte zwischen Derwischtänzen und klassischer Musik. Das kann man beides gut oder schlecht finden und die Entscheidung soll das Publikum mal schön selbst treffen.
Wünschenswert wäre allerdings ganz klar eine Hinwendung zu Menschenrechten und Toleranz - die dann ganz automatisch auch ein Abwenden von islamischen Kräften bedeutet. Wer die Menschenrechte achtet oder im Idealfall gar fördert, der darf von mir aus Derwischtänze und orientalische Konzerte besuchen, bis seine Ohren bluten.
Und genau das ist das Manko von Erdogan und seinen Schergen. Die Lage der Frauen zB hat sich seit dessen Amtsübernahme deutlich verschlechtert. In türkischen Gefängnissen wird weiter gefoltert und die Menschenwürde mit Füßen getreten. Das ist das Problem und nicht ob die Mehrheit der Türken lieber Beethoven oder Tarkan hört...
02.02.2010 10:29 Uhr
von sub:
ich glaub die taz hat da was nicht richtig verstanden..die türkei hebt jetzt ihre nationale kultur deshalb so hervor, weil sie sich auf die aufnahme in die eu und die damit einhergehende europäisierung vorbereiten.
außerdem will man so sehr in die eu, dass man den eu gegnern noch ein wenig entgegenkommt, damit sie es nicht gar zu verhindern versuchen.
das was ihr als mögliche abwendung von der eu versteht, ist eben genau das gegenteil.