Erfurt hat zwar eine Universität, eine Oper, ein Ikea und manchmal "Wetten, dass ?", aber keine lebendige Kunst- und Kulturszene. Wird der Rest jetzt auch totsaniert?von Dirk Teschner
taz_akt_10859619943
10.07.2008
Kreative Abwanderung im Osten
Erfurter Raufasertapete
Erfurt hat zwar eine Universität, eine Oper, ein Ikea und manchmal "Wetten, dass ?", aber keine lebendige Kunst- und Kulturszene. Wird der Rest jetzt auch totsaniert?von Dirk Teschner
Schade, dass für diesen Artikel (in dem viel Wahres steckt) so schlecht recherchiert wurde.
Erfurts zweites Kino (ein richtig tolles Programmkino mit drei verschiedenen Filmen pro Tag) liegt in Sichtweite des anderen, im Artikel genannten Filmpalastes. Auch die Anzahl der Freibäder, Clubs, Cafés, besetzten Häuser und besuchenswerten Kneipen wurde polemisch über- bzw. unterzeichnet -- als ob die tatsächlichen Zahlen nicht traurig genug wären.
Dass CDU-Kommunalpolitiker nicht in Subkulturen investieren, ist die übliche Sauerei - aber eben üblich, d.h. nicht anders zu erwarten. Ein bis zum Erbrechen klischeebehafteter Weihnachtsmarkt zieht jeden Dezember hunderttausende Besucher in die Stadt und lässt die Kassen klingeln. Kleine Parties in einem dringend sanierungsbedürftigen Haus gehören hingegen zu einer Art von Veranstaltungen, die den Anzug- und Bedenkenträgern nicht mal langfristig profitabel erscheinen. Da hilft kein Jammern (denn von Jammern ist noch kein CDU-Politiker vernünftig geworden). Am Café Togo (einst mein "zweites Wohnzimmer") wuchsen schon seit Jahren kleine Bäume aus der Fassade. Von den Visionen engagierter Kulturschaffender allein gehen die nicht weg.
Der Krise zum Trotz bietet Erfurt seit Jahren ein Kulturprogramm, das sich hinter dem Angebot anderer Städte ähnlicher Größe garnicht zu verstecken braucht: eine wöchentliche Jazz-Session mit freiem Eintritt, Poetry-Slams, liebevoll organisierte Mottoparties in den Räumen eines freien Radiosenders, zahlreiche Lesungen etablierter wie auch junger Autoren, ein ausgezeichnetes Puppentheater und vieles mehr. Das alles ist dem Engagement vieler großer und kleiner Enthusiasten zu verdanken, denen Kultur mehr bedeutet als der monatliche Gehaltsscheck.
Wie reichhaltig das kulturelle Spektrum der Landeshauptstadt in Wirklichkeit ist, merkt man erst, wenn man Erfurt verlässt und in eine Stadt zieht, die trotz 30.000 Studenten so gut wie überhaupt nichts zu bieten hat:
Seit ich in Gießen wohne, fahre ich fast jedes Wochenende nach Erfurt - wegen der Kultur!
19.07.2008 14:06 Uhr
von knospe:
"Aber nicht in der ostdeutschen Provinz, wo Erfurter Raufasertapete in Einheits-Lofts als Zeichen der Moderne gilt."
Sehr schön, nur dass die Raufasertapete keine Erfurter Raufasertapete ist, sondern „Erfurt-Rauhfaser“ (ja mit "h"!) die nach Hugo Erfurt aus Nordrhein-Westfalen benannt wurde und somit nichts mit der Stadt Erfurt zu tun hat. http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Erfurt
11.07.2008 10:38 Uhr
von anke:
Den Indianern des amerikanischen Ostens hat ihre "Entdeckung" die Blattern gebracht und die Influenza. Dem Osten brachte die seine unter anderem das Einheits-Loft. Er hatte ihm nichts entgegen zu setzen, denn ein Immunsystem wächst nur langsam und will gehegt werden. Aber bitte: Geld ist da. Für Thüringisches Geld lässt sich demnächst Herr Seemann ein ganzes Schloss umbauen. Wahrscheinlich zum Einheits-Loft.
Leserkommentare
23.09.2008 22:57 Uhr
von glamorama.de:
Schade, dass für diesen Artikel (in dem viel Wahres steckt) so schlecht recherchiert wurde.
Erfurts zweites Kino (ein richtig tolles Programmkino mit drei verschiedenen Filmen pro Tag) liegt in Sichtweite des anderen, im Artikel genannten Filmpalastes. Auch die Anzahl der Freibäder, Clubs, Cafés, besetzten Häuser und besuchenswerten Kneipen wurde polemisch über- bzw. unterzeichnet -- als ob die tatsächlichen Zahlen nicht traurig genug wären.
Dass CDU-Kommunalpolitiker nicht in Subkulturen investieren, ist die übliche Sauerei - aber eben üblich, d.h. nicht anders zu erwarten. Ein bis zum Erbrechen klischeebehafteter Weihnachtsmarkt zieht jeden Dezember hunderttausende Besucher in die Stadt und lässt die Kassen klingeln. Kleine Parties in einem dringend sanierungsbedürftigen Haus gehören hingegen zu einer Art von Veranstaltungen, die den Anzug- und Bedenkenträgern nicht mal langfristig profitabel erscheinen. Da hilft kein Jammern (denn von Jammern ist noch kein CDU-Politiker vernünftig geworden). Am Café Togo (einst mein "zweites Wohnzimmer") wuchsen schon seit Jahren kleine Bäume aus der Fassade. Von den Visionen engagierter Kulturschaffender allein gehen die nicht weg.
Der Krise zum Trotz bietet Erfurt seit Jahren ein Kulturprogramm, das sich hinter dem Angebot anderer Städte ähnlicher Größe garnicht zu verstecken braucht: eine wöchentliche Jazz-Session mit freiem Eintritt, Poetry-Slams, liebevoll organisierte Mottoparties in den Räumen eines freien Radiosenders, zahlreiche Lesungen etablierter wie auch junger Autoren, ein ausgezeichnetes Puppentheater und vieles mehr. Das alles ist dem Engagement vieler großer und kleiner Enthusiasten zu verdanken, denen Kultur mehr bedeutet als der monatliche Gehaltsscheck.
Wie reichhaltig das kulturelle Spektrum der Landeshauptstadt in Wirklichkeit ist, merkt man erst, wenn man Erfurt verlässt und in eine Stadt zieht, die trotz 30.000 Studenten so gut wie überhaupt nichts zu bieten hat:
Seit ich in Gießen wohne, fahre ich fast jedes Wochenende nach Erfurt - wegen der Kultur!
19.07.2008 14:06 Uhr
von knospe:
"Aber nicht in der ostdeutschen Provinz, wo Erfurter Raufasertapete in Einheits-Lofts als Zeichen der Moderne gilt."
Sehr schön, nur dass die Raufasertapete keine Erfurter Raufasertapete ist, sondern „Erfurt-Rauhfaser“ (ja mit "h"!) die nach Hugo Erfurt aus Nordrhein-Westfalen benannt wurde und somit nichts mit der Stadt Erfurt zu tun hat. http://de.wikipedia.org/wiki/Hugo_Erfurt
11.07.2008 10:38 Uhr
von anke:
Den Indianern des amerikanischen Ostens hat ihre "Entdeckung" die Blattern gebracht und die Influenza. Dem Osten brachte die seine unter anderem das Einheits-Loft. Er hatte ihm nichts entgegen zu setzen, denn ein Immunsystem wächst nur langsam und will gehegt werden. Aber bitte: Geld ist da. Für Thüringisches Geld lässt sich demnächst Herr Seemann ein ganzes Schloss umbauen. Wahrscheinlich zum Einheits-Loft.