Konzertkritik Kid Simius

Hyperaktives Hängertum

In seinen Tracks mischt Kid Simius Big-Beat-Soundwände mit Surfmusik und Cutgewittern. Mit seinem Albumdebüt „Wet Sounds“ geht er jetzt auf Tour.

Bad-Ass mit Knopfaugen: Kid Simius. Bild: Georg Roske/Jirafa Records

Die Bad-Ass-Rocker-Attitüde legt Kid Simius schon nach dem ersten Song ab, konkret: die E-Gitarre und eine zerfetzte Bundeswehrjacke mit Fellbeschlägen und zahllosen Badges auf der Brust. Darunter erscheint ein schwarzes Muskelshirt mit Katzenmotiv, und das passt auch viel besser zu diesem großen, sehr begabten Jungen aus Granada mit seinen Knopfaugen, seinen Wuschelhaaren und seiner schieren Begeisterung am Musik- und Partymachen.

Außerdem wäre das mit der Jacke viel zu heiß geworden in der restlos ausverkauften Berghain-Kantine, wo am Donnerstagabend von der letzten Reihe bis ganz vorne getanzt wird, selbst die Lampen wippen im Takt. Und auf der Bühne, da tanzt Kid Simius mit, mit den Händen, dem Gesicht, den Armen, dem ganzen Körper, bewegt er sich unaufhörlich und bedient alle zwei Sekunden irgendwelche Regler und Tasten an seinen diversen elektrischen Geräten.

Jede Gelegenheit dazwischen nutzt Kid Simius zur Interaktion mit den Zuschauern, schneidet Grimassen, macht „Ich kann euch nicht hören“-Gesten, animiert zum Mitklatschen, wobei anfangs – dankenswerterweise – nur ein Viertel der knapp 250 Zuschauer mitmacht.

Kid Simius, das ist José Antonio Garcia Soler, 26 Jahre alt, aus Granada kam er 2009 nach Berlin. Nicht, wie viele junge Spanier, wegen der Perspektivlosigkeit im eigenen Land, sondern gezielt, weil Berlin eben noch immer eines der Zentren elektronischer Musik ist, mit mehr Gleichgesinnten und Möglichkeiten als in Andalusien. Sein Sound-Studies-Studium an der Universität der Künste brach er dann aber wieder ab, es hatte da eh schon eine bessere Perspektive: Eine Zusammenarbeit mit Marteria – genau, dem Mann aus Rostock, der gerade den deutschen HipHop retten soll.

Von Berlin bis Austin

Seit mehreren Jahren begleitet er Marteria bei Live-Auftritten, in diversen seiner Videos wackelt er irgendwo im Hintergrund herum und arbeitete als Produzent mit an „Grüner Samt“, dem 2012 erschienenen Album von Marterias Alter Ego Marsimoto, das überdies in der Nähe von Granada aufgenommen wurde. Währenddessen trat Kid Simius aber auch alleine auf, vom Berlin Festival bis zum SXSW in Austin, Texas. Er brachte zwei EPs und Anfang März mit „Wet Sounds“ sein erstes Album heraus, das gleich mal auf Platz 61 der deutschen Albencharts eingestiegen ist.

Die Stücke darauf tragen Namen wie „Matador“, „El Pastor“, „Recorded in Hawaii“ und „Surf‘n‘Bass“, Surf‘n‘Bass nennt Kid Simus auch das Album-Genre, eine Mischung aus Sixties-Surf-Beats – man kennt diese Instrumentals vom „Pulp Fiction“-Soundtrack – und treibenden Elektronika, die allerdings nicht in allen zehn Tracks des Albums durchgehalten wird. Und tatsächlich hat die Surfmusik mit ihrem Gitarrentremolo und den Akkordfolgen ja deutliche Anleihen beim Flamenco, und schon ist man wieder in Andalusien.

In der Berghain-Kantine läuft zwar vorab alter Surf, beim Konzert selbst aber spielt das Album keine große Rolle mehr, es geht unter im umfangreichen Song- und Remixmaterial von Kid Simius. Das sind vor allem instrumentale Tracks, in denen sich abgefucktes Hängertum mit hyperaktiven Cutgewittern paart, immer wieder werden Vocals und Samples eingestreut und diverse Woot-woot-, Bleep-bleep- und Bschwwwwt-Effekte, eins zu eins übernommen aus der Soundbibliothek dieser kleinen Laserphaser mit den Blinkeffekten, die neunjährige Jungs im Mittelmeerurlaub von ihrem Taschengeld kaufen.

Auf Visuals verzichtet Kid Simius, der 26-Jährige bietet ja auch genug Schauwert, an einigen Stellen spielt er kleine Parts auf der E-Ukulele oder der Melodika. Nur in der Mitte des Konzerts macht er mal den Mund auf, mit „Berlin wie geht’s euch? Wo sind die Ladys?“ läutet er die Downtempo-Cumbia-Nummer „Hola Chica“ ein, zu der gerade erst auch ein hinreißendes Musikvideo im Telenovela-Stil erschienen ist.

Big-Beat-hafte Soundwände, die dann aber immer wieder gebrochen werden, lassen die Berghain-Kantine zittern. Spätestens beim vierten Song, Simius‘ Remix von Marterias Überhit „Kids“ – Peng! Peng! Peng! Peng! – explodiert der Saal. Für einige Stücke kommen Gast-MCs auf die Bühne, und je länger das Konzert dauert, desto mehr wird aus der DJ-Set-Atmosphäre eine Block-Party. Am Ende, als Kid Simius seinen Auftritt mit dem hymnischen //www.youtube.com/watch?v=t1LOglE8bPc:„King of Rock‘n‘Roll“ nach 90 Minuten beendet, sind dann auch fast alle Hände oben.

 

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