Nach dem Bürgerentscheid geht der Kampf um die Spreeufer erst richtig los.von MARTIN KAUL
Schöner kann ein Häuserkampf kaum beginnen. Erst ziehen die entschlossenen Stadtanarchos ins offene Gefecht für mehr Freiraum - nicht mehr in Altbauten wie früher, sondern anstelle von Neubaukästen an der Spree. Dann schließen sich 87 Prozent der BürgerInnen per Votum an. Das klingt - gerade auf Berliner Terrain - so romantisch, dass die PolitikerInnen im Senat und im Bezirk aufhorchen sollten.
Denn in dem deutlichen Bürgervotum kristallisiert sich eine brisante Mischung. Erstens: Die WählerInnen haben fast einhellig gezeigt, dass ihnen ihr eigener Freiraum wichtiger ist als das Wohl der Investoren. Zweitens: Die linksalternative bis autonome Szene, die im Wesentlichen für das deutliche Aufbegehren gesorgt hat, hat einen demokratischen Blankoscheck in der Hand. Wenn auf politischer Seite versucht wird, den Bürgerentscheid zu verwässern, dürfte die harmlose Blockade auf der Spree nur der Anfang einer jahrelangen Seeschlacht gewesen sein.
Es reicht daher auf Bezirksebene nicht aus, ein paar Meter Spazierweg hier und eine Dachetage weniger dort durchzusetzen, wenn ansonsten alles beim Alten bleibt. Auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) würde viel riskieren, wenn sie das Verfahren an sich zieht - und damit die Bindung des Bürgerentscheids aufhebt.
Denn gerade angesichts der massiven Stadtumstrukturierung, der radikalen sozialen Verdrängung in Berlin und der Resthäuserkämpfe der letzten Jahre ist dieses Bürgervotum in seinem Potenzial nicht zu unterschätzen: Der Kampf um die Freiräume ist angekommen in der Bevölkerung. Und er fängt gerade erst an.
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