Kommentar von SEBASTIAN HEISER
Das Konzept des geteilten Straßenraums ist eine tolle Idee - für Träumer. Wäre es keine schöne Welt, in der die Straßen nicht mehr aufgeteilt sind in Bürgersteig, Radweg und Fahrweg für Autos? In der alle sich in einer gemeinsamen Zone gleichberechtigt bewegen? In der die Regeln ersetzt werden durch Rücksicht? In der nur noch "rechts vor links" gilt und der Rest sich schon selbst regelt?
Doch es ist zweifelhaft, ob es in einer Metropole wie Berlin wirklich funktioniert, einzelne Straßen so umzurüsten. Der Zebrastreifen zeigt, zu welchen Problemen das führen kann. Noch vor einem Jahrzehnt gab es diese Fußgängerüberquerungen, vor denen die Autos warten müssen, in Berlin praktisch nicht. Und dort, wo es sie gab, ignorierten die Autofahrer sie oft - weil sie zwar vor vielen Jahren in der Fahrschule von Zebrastreifen gehört hatten, aber in der Praxis so gut wie nie über welche fuhren. Daher waren sie eine Gefahr für jene Fußgänger, die sich darauf verließen, dass die Autos schon anhalten werden.
Genauso wird es sein, wenn der Bezirk Mitte damit beginnt, einige Straßen auf "Shared Space" umzurüsten. Die Autofahrer werden in diesen Zonen ihre gewohnte Rücksichtslosigkeit gegenüber Radfahrern behalten, die Radfahrer ihre gewohnte Rücksichtslosigkeit gegenüber Fußgängern. Umdenken klappt eben nicht straßenweise, sondern nur ganz oder gar nicht.
Und wenn man das Umdenken will, muss man es also flächendeckend einführen. Wie zum Beispiel die Zebrastreifen. Davon gibt es inzwischen mehr als 300 in der Stadt, und allein in diesem Jahr will der Senat 50 weitere einrichten. Wenn das so weitergeht, werden sich bald alle Autofahrer daran gewöhnt haben, dass Fußgänger hier vorgehen. Auch "Shared Space" klappt nur, wenn es in vielen Straßen quer durch alle Bezirke einführt. Nur so kann aus einem tollen Traum auch ein gut funktionierendes Verkehrskonzept werden.
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