So krass wie derzeit bei VW war das Missverhältnis zwischen Börsenwert und tatsächlichem Wert noch nie: Hier zeigt sich, wie manipulationsanfällig die Finanzmärkte sind.von Malte Kreutzfeldt
Prinzipiell unterstütze ich ja die Ansicht des Autors: Die Finanzmärkte haben sich teils verselbständigt und eine gewisse Erdung täte gut. In diesem Fall aber trifft er leider genau daneben.
VW befindet sich _real_ in einer extremen Situation: Porsche kontrolliert über 74% der Anteile, das Land Niedersachsen hält 20%. In der Verteilung der übrigen sechs Prozent der Anteile entscheidet sich, ob es zukünftig eine Sperrminorität geben wird oder Porsche per Diktat den Konzern steuern kann. Da ist doch offensichtlich, daß die noch gehandelten Aktien viel mehr wert sind als der verbriefte Anteil am Unternehmenskapital. Nicht abgehobene Spekulation ist hier die Ursache, sondern die Regeln des sehr realwirtschaftlichen Aktionärs-Stimmrechtes.
Das Problem ist ja auch nicht die Tatsache, daß der Aktienkurs dermaßen explodiert. Vielmehr wird hier offensichtlich, daß Tageskurse zur Bewertung von Unternehmen und gehaltenen Anteilen generell nur mäßig geeignet sind. Natürlich würde niemand zB dem Land Niedersachsen seine 20% auch nur zu einem viertel des aktuellen Kurses abnehmen.
VW sei "am Dienstag zwischenzeitlich mehr als achtmal so viel Wert gewesen wie zu Jahresbeginn". Daß das ausgemachter Blödsinn ist, muß man doch beim Schreiben merken?
Leider ist dieser Blödsinn, "mark to market" genannt, international übliche Bilanzierungspraxis -und übrigens auch ein entscheidender blasenbildender Faktor, der mit zur gegenwärtigen Finanzkrise beigetragen hat.
Daß hierzulande aus Kursänderungen resultierende reine Buchgewinne (noch) nicht bilanziert werden dürfen ist eine rühmliche Ausnahme, die aber im Zuge diverser Homogenisierungsbestrebungen auf der Strecke zu bleiben droht. Da wäre tatsächlich ein sinnvoller Ansatz für die deutsche Politik, auf internationalem Parkett offensiv aufzutreten.
Und für einen wirtschaftspolitischen Diskurs jenseits unüberlegter Reflexe.
28.10.2008 20:38 Uhr
von Klaus:
Herr Kreutzfeld hat leider vergessen das Wichtigste zu erwähnen: Dass eben nur sehr wenige VW-Stammaktien (so um die 5%) auf dem freien Markt sind. Der Rest liegt in festen Händen, NS sowie Porsche (angeblich über Optionen). Und wenn das so ist, sollte man eher VW von der Börse ausschließen statt ein ururaltes Prinzip, den Markthandel, generell anzuzweifeln.
Leserkommentare
29.10.2008 14:33 Uhr
von Filip Moritz:
Prinzipiell unterstütze ich ja die Ansicht des Autors: Die Finanzmärkte haben sich teils verselbständigt und eine gewisse Erdung täte gut. In diesem Fall aber trifft er leider genau daneben.
VW befindet sich _real_ in einer extremen Situation: Porsche kontrolliert über 74% der Anteile, das Land Niedersachsen hält 20%. In der Verteilung der übrigen sechs Prozent der Anteile entscheidet sich, ob es zukünftig eine Sperrminorität geben wird oder Porsche per Diktat den Konzern steuern kann. Da ist doch offensichtlich, daß die noch gehandelten Aktien viel mehr wert sind als der verbriefte Anteil am Unternehmenskapital. Nicht abgehobene Spekulation ist hier die Ursache, sondern die Regeln des sehr realwirtschaftlichen Aktionärs-Stimmrechtes.
Das Problem ist ja auch nicht die Tatsache, daß der Aktienkurs dermaßen explodiert. Vielmehr wird hier offensichtlich, daß Tageskurse zur Bewertung von Unternehmen und gehaltenen Anteilen generell nur mäßig geeignet sind. Natürlich würde niemand zB dem Land Niedersachsen seine 20% auch nur zu einem viertel des aktuellen Kurses abnehmen.
VW sei "am Dienstag zwischenzeitlich mehr als achtmal so viel Wert gewesen wie zu Jahresbeginn". Daß das ausgemachter Blödsinn ist, muß man doch beim Schreiben merken?
Leider ist dieser Blödsinn, "mark to market" genannt, international übliche Bilanzierungspraxis -und übrigens auch ein entscheidender blasenbildender Faktor, der mit zur gegenwärtigen Finanzkrise beigetragen hat.
Daß hierzulande aus Kursänderungen resultierende reine Buchgewinne (noch) nicht bilanziert werden dürfen ist eine rühmliche Ausnahme, die aber im Zuge diverser Homogenisierungsbestrebungen auf der Strecke zu bleiben droht. Da wäre tatsächlich ein sinnvoller Ansatz für die deutsche Politik, auf internationalem Parkett offensiv aufzutreten.
Und für einen wirtschaftspolitischen Diskurs jenseits unüberlegter Reflexe.
28.10.2008 20:38 Uhr
von Klaus:
Herr Kreutzfeld hat leider vergessen das Wichtigste zu erwähnen: Dass eben nur sehr wenige VW-Stammaktien (so um die 5%) auf dem freien Markt sind. Der Rest liegt in festen Händen, NS sowie Porsche (angeblich über Optionen). Und wenn das so ist, sollte man eher VW von der Börse ausschließen statt ein ururaltes Prinzip, den Markthandel, generell anzuzweifeln.