Kommentar Studie zum Judenhass

Kein Antisemit. Nur „Israelkritiker“

Die pathologische Manie, mit der Israel bei jeder Gelegenheit zum Beelzebub erklärt wird, ist kein Zufall. Und hat mit berechtigter Kritik nichts zu tun.

Die goldene Kuppel des Felsendoms in Jerusalem

Geht es bei mancher Kritik an Israel wirklich um Israel oder nicht in Wahrheit um Juden und die deutsche Vergangenheit? Foto: Unsplash/John T

Antisemitische Äußerungen im Internet haben massiv zugenommen, stellt eine Studie der Technischen Universität Berlin fest. Schlimm, schlimm, werden da die meisten taz-Leser denken, aber glücklicherweise betrifft das uns als aufgeklärte linke Zeitgenossen nicht so direkt. Das ist leider eine Täuschung. Ja, es wäre schön, wenn Linkssein gegen Antise­mitismus und Israelhass immunisieren würde. Doch der Dreck kommt von überall her, und es reicht kein Kübel mehr, um ihn aufzufangen.

Wer sich so wie ich regelmäßig zu Themen wie dem Holocaust, dem Judenhass und der israelischen Gesellschaft äußert, für den ist die Erkenntnis über den Judenhass im Internet alles andere als überraschend. Denn schreibe ich über eine 105-jährige Überlebende der Schoah – heraus kommt garantiert eine Leserdebatte über die Unterdrückung der Palästinenser. Geht es um die Frage, ob Schüler verpflichtend KZ-Gedenkstätten besuchen sollten, folgt der Hinweis, dass Israels Politik ja erst den Judenhass provozieren würde. Noch jede – auch historische – Debatte über deutsche Schuld endet so in den besetzten Gebieten.

Ich glaube nicht mehr, dass das zufällig ist.

Nein, nicht jede Kritik an der Besetzung ist antisemitisch, und schon gar nicht gilt das für Kritik an den Texten des Autors. Aber die schon pathologische Manie, mit der Israel bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Beelzebub erklärt wird, ist verdächtig. Es ist schön, zu hören, wenn Leser sich für einen gemeinsamen Staat in Israel/Palästina einsetzen. Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Leser auch einmal die Betroffenen fragen würden, was sie von der Sache halten, bevor das Land am deutschen Wesen der Nahostkonflikt genesen möge.

Worum geht's hier wirklich?

Geht es bei manch einer Kritik an Israel wirklich um Israel oder nicht in Wahrheit um Juden und die deutsche Vergangenheit? Ist diese Art von Kritik möglicherweise auch davon motiviert, die deutsche Vergangenheit angesichts rea­ler israelischer Menschenrechtsverletzungen zu kompensieren? Das sind Fragen, die sich mir stellen, wenn ich zum hundertsten Mal bei unpassender Gelegenheit lese, dass nur dieser Staat Verantwortung trägt. Die eingangs erwähnte Studie spricht von einer „Israelisierung der Semantik“, in der Israel zum „kollektiven Juden“ erklärt wird.

Wie wäre es, lieber „Israelkritiker“, wenn Sie Ihr Engagement einmal einem anderen Objekt zuwenden würden, zum Beispiel den Uiguren in China oder Journalisten in Russland? Oder wenn Sie, auf gut Deutsch gesagt, einfach mal die Fresse hielten? Aber nein, Sie sind gewiss kein Antisemit. Nur ein Israelkritiker.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Die letzten Tage des deutschen Judentums", Hentrich & Hentrich 2017

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