Kommentar von ANDREAS WYPUTTA
Bei Arcandor reden alle über Karstadt, kaum jemand spricht über Quelle - dabei droht allein bei der Versandhaustochter der Verlust von über 22.000 Arbeitsplätzen. Hinzu kommen rund 4.000 Jobs bei der Post: Der Versandhändler ist der größte Kunde der Post-Tochter DHL. Von der Bundesregierung fordert Arcandor deshalb einen einmaligen Rettungskredit von 437 Millionen Euro, rückzahlbar in sechs Monaten.
Bundeskanzlerin Angela Merkel aber sperrt sich: Missmanagement sei der Grund für die drohende Zahlungsunfähigkeit, glaubt die Christdemokratin. Viel zu hohe Mietzahlungen für die Karstadt-Warenhäuser führt sie an. Von der Finanzkrise und der Kreditklemme, in der Unternehmen wie Arcandor seit Monaten stecken, schweigt sie. Dabei sind staatlich gestützte Geldhäuser wie die BayernLB, die Commerzbank und die britische Royal Bank of Scotland die maßgeblichen Gläubiger von Arcandor. Keinen Cent wollen diese Banken dem Konzern noch leihen.
Dabei verfügt das Unternehmen mit seiner profitablen Touristiksparte Thomas Cook über Sicherheiten - und hat bereits ein Restrukturierungskonzept vorgelegt, um wieder profitabel zu werden. Sogar Aushängeschilder wie das KaDeWe sollen verkauft werden. Vor Ausbruch der Krise hätten die Banken keinen Augenblick gezögert, ihre seit Jahren eingeräumten Arcandor-Kreditlinien um weitere sechs Monate zu verlängern. Solche Kredite gehören zum Kerngeschäft aller Banken.
Die Kanzlerin ist skeptisch dem Wirtschaftsflügel ihrer Partei zuliebe. Der murrt bereits seit der Opel-Rettung über die vermeintliche Einführung sozialistischer Prinzipien durch die Hintertür - und trifft damit eine weit verbreitete Stimmung. Bei weiteren Staatshilfen für angeschlagene Unternehmen drohe der Bundesrepublik finanzielle Handlungsunfähigkeit, ist seit Tagen zu hören und zu lesen. Volkswirtschaftlich aber ist genau das Gegenteil richtig: Mit dem rückzahlbaren Notkredit von 437 Millionen würde die Bundesregierung jeden der auf dem Spiel stehenden Jobs mit knapp 17.000 Euro zwischenfinanzieren. 26.000 Langzeitarbeitslose würden die Bundesrepublik ein Vielfaches kosten - nicht nur zu Wahlkampfzeiten.
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