Kommentar von KARIM EL-GAWHARY
Kaum ein Iraker sehnt sich zurück zu den Zeiten des Bürgerkriegs. Und offensichtlich haben viele Iraker genug vom Denken in konfessionellen Schubladen. Das erklärt, warum diesmal eine säkulare Liste die meisten Stimmen erhalten hat. Dafür steht der - wenngleich äußerst knappe - Sieg der Irakia-Liste, deren Chef Ajad Alawi für eine gesamtirakische Identität eintritt, die sich jenseits von Religionszugehörigkeiten definiert.
Der Schiit hat in den sunnitischen Provinzen die meisten Stimmen erhalten, weil sich die Menschen dort in seinem strikt säkularen Kurs am meisten wiederfinden. Und er wurde von vielen Schiiten gewählt, die genug davon haben, dass Politik und Religion zu stark miteinander vermischt werden.
Einen eindeutigen Wahlsieger gibt es im Irak allerdings nicht; keine Partei wird nach dem geplanten Abzug der Amerikaner die politische Landschaft des Landes dominieren. Nun stellt sich die Frage, ob die verschiedenen Listen fähig sind, sich miteinander zu arrangieren, sei es in der Regierung oder als Opposition.

Karim El-Gawhary ist taz-Korrespondent in Kairo. Foto: privat
Schaffen sie das nicht, könnten die verschiedenen Lager erneut zu den Waffen greifen - etwa, wenn sich die schiitische Mehrheit nicht angemessen repräsentiert, die Sunniten ausgeschlossen oder die Kurden in ihrer Autonomie eingeschränkt fühlen. Die Politiker stehen also unter immensem Druck.
Die USA, die immer noch 95.000 Soldaten im Land stationiert haben, dürften über Alawis gutes Abschneiden zufrieden sein. Er gilt, neben den Kurden, als wichtigster Garant gegen den wachsenden iranischen Einfluss auf den Irak. Bei dem Versuch, in den nächsten Wochen in Bagdad eine neue Regierung zu bilden, werden deshalb zwei andere Kräfte versuchen, hinter den Kulissen ihre Interessen durchzusetzen. Sowohl Washington als auch Teheran werden dabei ein gewichtiges Wörtchen mitreden.
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