Kommentar Flüchtlingsbericht

Der Süden braucht Hilfe

Italien hat was geändert. Jetzt werden Flüchtlinge in Seenot gerettet. Doch es fehlen die Hilfe Europas sowie vor allem ein neues Denken.

Gerettet dank „Mare nostrum“: Flüchtlinge vor Italiens Küste. Bild: reuters

Die weltweiten Fluchtbewegungen haben eine neue Dimension angenommen. Nicht verändert hat sich, dass nur die wenigsten der vertriebenen Menschen bei uns in Europa ankommen. Und selbst sie sollen von unseren Grenzen ferngehalten werden. Ein legaler Zugang für Flüchtlinge fehlt bis heute.

Die gute Nachricht ist deshalb: Derzeit werden Flüchtlinge vor den Toren Europas gerettet. Für viele Menschen aus Syrien und Eritrea ist die Reise über das Mittelmeer nach Italien der einzige Ausweg. Die „Mare Nostrum“-Mission hat in den letzten Monaten Zehntausende gerettet. Was mit den Menschen an Land geschieht, steht auf einem anderen Blatt.

Die Rettungsaktivitäten sind keineswegs selbstverständlich. Dokumentierte Fälle, in denen Italien keinen Finger rührte und Hunderte Flüchtlinge ertrinken ließ, liegen kein Jahr zurück. Jene, die auf eigene Faust eingriffen und halfen, wurden vielfach verfolgt: Vor zehn Jahren nahm die „Cap Anamur“ 37 schiffbrüchige Papierlose an Bord und brachte sie später nach Italien. Die Besatzung landete dafür erst im Gefängnis und dann vor Gericht. Und sie waren nicht die Einzigen. Doch seit der Schiffskatastrophe von Lampedusa im vergangenen Oktober leistet sich Europa etwas mehr Humanität. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Denn bisher scheint die EU nur etwa ein Sechstel der millionenteuren Mare-Nostrum-Mission zu finanzieren. Den Rest tragen die Italiener allein und fühlen sich zu Recht von der Europäischen Union im Stich gelassen. Die Rettungsaktionen müssen nicht nur beibehalten, sondern ausgebaut – und deshalb europäisch finanziert werden.

Der Preis ist zu hoch

Der Weltflüchtlingstag ist eine gute Gelegenheit, etwas ganz Grundsätzliches zu begreifen: Wer über Flucht spricht, spricht auch über Umverteilung. Die Grenzen Europas trennen unsere Welt des Überflusses von der Armut und Not der anderen. Je durchlässiger sie sind, desto stärker werden sich die Verhältnisse angleichen.

Wer stattdessen die Grenzen verteidigt, verteidigt auch unser privilegiertes Lebens- und Konsummodell. Migration ist eine Form der Bekämpfung globaler sozialer Ungleichheit von unten, mit der sich manche, auch einige der Ärmsten, nehmen, was ihnen vorenthalten wird.

Nur: Der Preis, den sie dafür zahlen müssen, ist noch viel zu hoch.

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Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, dann Redakteur bei taz1, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Schwerpunkte: Migration, Entwicklung, Soziale Bewegungen. 2016 erschien von ihm im Ch. Links Verlag "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung. 2017 erschien im selben Verlag das zusammen mit Simone Schlindwein verfasste Buch "Dikatoren als Türsteher". 2019 erscheinen der "Atlas der Migration" (Hrsg. Rosa Luxemburg Stiftung) und der "Atlas der Zivilgesellschaft" (Hrsg. Brot für die Welt)

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