Kommentar EM-Team von Jogi Löw

Ausgebeulter Hut statt Fortschritt

Müssen wir wegen des schiefen Weltbilds von AfD und Pegida wieder Fragen zur Herkunft von Nationalspielern erörtern? Nein, das müssen wir nicht.

Mezut Özil kurz vor dem Training am 2. Juni in der Schweiz.

Mesut Özil kurz vor Trainingsbeginn in der Schweiz. Plötzlich sind Herkunftsfragen wieder relevant Foto: dpa

BERLIN taz | Ist es wichtig, wo ein Fußballer herkommt? Ach was. Halten wir trotzdem mal fest: Jérôme Boateng ist in einem bürgerlichen Kiez im Berliner Westen aufgewachsen, Mesut Özil wurde in Gelsenkirchen groß, im Stadtteil Bismarck (!). Emre Can ist ein Hesse, der beim SV Blau-Gelb Frankfurt mit Fußball angefangen hat, Shkodran Mustafi ist in Bad Hersfeld geboren. Jonathan Tah ist ein Hamburger Junge.

Die Aufzählung ließe sich fortführen. Aber wozu? Diese Kicker, die vielleicht ein biss­chen anders aussehen als die meisten, haben einen deutschen Pass. Und weil sie den haben und verdammt gut kicken können, sind sie deutsche Na­tio­nalspieler geworden.

Dass sie das konnten, ist schön. Es spricht für die Durchlässigkeit des Fußballs, der offensichtlich für alle in Deutschland offen ist. Es herrscht das Leistungsprinzip und nicht das Herkunftsprinzip. Es gibt keine gläserne Decke für talentierte Spieler mit einem Opa aus der Türkei oder mit einem Vater von der Elfenbeinküste. Jedenfalls nicht im Fußball.

Weil das vor sechs Jahren, vor der WM in Südafrika, anscheinend noch ein junger, brüchiger Befund war, feierten die Medien die Gründung einer „Interna­tio­nal­mannschaft“ überschwänglich, genauso wie 2006 der „positive Patriotismus“ überschwänglich gefeiert wurde. Das diente der Selbstvergewisserung und sollte wohl heißen: Seht her, wie bunt, selbstbewusst und chancenreich unser Land ist.

Jahre zurück

Drei Turniere später ist das aber – und das ist ein großer Fortschritt – nur noch ein alter ausgebeulter Hut, den man aber trotzdem immer wieder auf den Köpfen von Politikern und Medienmenschen sieht. Es ist dem hitzigen politischen Diskurs dieser Tage geschuldet, dass das Niveau der Fußballerbetrachtung regrediert. Es ist ein Diskurs, der zwischen den Polen Rassismus und Antirassismus tobt – und bisweilen totalitäre Züge trägt.

Wir befinden uns zeitlich wieder im Jahr 2010 und weit davor, wir müssen über Blut-und-Boden-Fragen und obsolete Biologismen diskutieren, weil die Begriffe nun mal blöderweise in der Welt sind. Sie sind in der Welt, weil es die AfD gibt. Weil es einen Politiker wie Alexander Gauland gibt, der Jérôme Boateng nicht in jedem Fall für einen guten Nachbarn hält.

Diese Begriffe sind aber auch in der Welt, weil sich eine hypernervöse und erregungstechnisch im Ausnahmezustand befindliche mediale Öffentlichkeit auf den dämlichen Blut-und-Boden-Diskurs von AfD und Pegida einlässt. Dogmatiker und Rechthaber finden sich auf beiden Seiten, was die Sache nicht einfacher macht.

Auch die Frage des Nationalen steht plötzlich wieder im Raum. Das liegt daran, dass nicht nur Sportfunktionäre in der Fußballnationalmannschaft eine Repräsentanz von, nun ja, deutschen Werten sehen. Andere, die offensichtlich gern ein Bad im Genpool nehmen, sprechen sogar, wie der Philosoph Wolfram Eilenberger, von einer Repräsentanz des „Volkskörpers“.

Auch diese Fragen schienen vor sechs Jahren erledigt und zur Zufriedenheit der großen Mehrheit beantwortet zu sein: Ja, es ist okay, wenn Özil und Boateng die Nationalhymne nicht mitsingen, das macht sie nicht zu schlechteren Deutschen.

Stinknormal

Und ja, es ist okay, wenn ein Schwarzer in der Viererkette steht und ein Muslim im Mittelfeld. Die Nationalspieler, egal welchen Stammbaum sie haben, sind eh sehr disziplinierte leistungsorientierte Typen, die pünktlich zum Termin kommen und, bis auf ein paar unrühmliche Ausnahmen, ganz gute Manieren haben.

Aber jetzt bemächtigen sich wieder unheilvolle Kräfte der Nationalspieler. Es geht plötzlich wieder ums Aussehen und um private Glaubensfragen, darum, ob der Muslim Özil aus der Umrundung der Kaaba eine Show gemacht hat. Kurzum: Der Fußball wird instrumentalisiert und politisiert.

Eine Politisierung des Sports ist nichts Schlechtes. Sie tut diesem apolitischen Gebilde sogar gut. Aber die Debatte sollte bitte schön auf der Höhe der Zeit sein.

Ohne ihnen nahe treten zu wollen, aber Shkodran Mustafis albanische Eltern oder Sami Khediras tunesischer Vater sollten nicht mehr wichtig sein, nicht für die Öffentlichkeit. Dass beide Nationalspieler diese Wurzeln haben – geschenkt. Dieser Background ist stinknormal. Wer das noch wichtig findet, hat wenig verstanden.

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Seit 1998 mehr oder weniger fest bei der taz. Schreibt über alle Sportarten. Und auch über anderes.

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