Berlusconi und seine Getreuen entziehen dem Bildungssystem den Boden und führen damit vor, wie sie demnächst Forschung und Opposition den Garaus machen werden.von Michael Braun
Wir sind zwei Kollegen, die Deutsch lernen und mit unserer Lehrerin lesen wir oft Artikeln von deutschen Zeitungen, die aktuellen Themen behandeln. Wir freuen uns darüber, Artikeln über Italien zu lesen, auch wenn sie manchmal gnadenlos sind. Vor einigen Wochen haben wir einen on-line Artikel von TAZ gelesen, ein Kommentar von Michael Braun über die italienische Schulreform. Dieses Kommentar hat uns wegen seiner Parteilichkeit sehr überrascht und enttäuscht. Wir respektieren völlig die Meinung des Reporters, aber denken, dass die mitgeteilte Information nicht komplett ist – besonders im Bezug auf den Inhalt der Schulreform und die Debatte, die sie in Italien ausgelöst hat. Eine strukturelle Reform des italienischen Schulsystems war seit langer Zeit von Schülern, Studenten und Lehrkräften erwartet. Es ist natürlich schwierig, eine Reform durchzuführen, wenn man einen politisch und sozial heiklen Punkt wie Schule „berührt“ und kein Geld zur Verfügung hat.
Im Besonderen denken wir, dass dieses Kommentar die Hauptpunkte dieser Schulreform nicht zu erklären vermag. Mit Bezug auf die Universitätsreform, zum Beispiel, gibt es drei wesentliche, spezifische aber miteinander verbundene Aspekten, die zusammen zu berücksichtigen sind:
-Wenigere Studiengänge sollten für eine Verbesserung der Qualität der einzelnen Studiengänge sorgen, indem ein höheres Niveau von wissenschaftlichen Kompetenzen durch die Beschränkung der jetzt vorhandenen Studiengänge erreicht werden kann.
- Mehr Raum für Leistungsprinzip soll die Qualität der italienischen Universitäten verbessern: offenere Wettbewerben können die Einberufung von qualifizierteren Professoren erleichtern. Auf diese Weise sollte die schlechte Gewohnheit der Begünstigungen eingedämmt werden.
- die gleiche jährliche Bilanzsumme sollte über eine reduzierte Anzahl von Universitäten verteilt werden, um die Erschaffung von ungefähr 10 Exzellenzuniversitäten zu ermöglichen. Das könnte auch mehrere ausländische Studenten in Italien anziehen.
Was das Schulstreik betrifft, ist es nicht klar, warum Herr Braun sich so überrascht zeigt: wir haben in den vergangenen Tagen über das Schulstreik in Deutschland und das nachfolgende Aufsehnen gelesen – zumal da Studenten im freien deutschen Schulsystem kein Recht auf Streik haben.
Auch das abgedroschene Klischee von Italien als ein Land, das nur Kleidungen, Möbeln und Lebensmittel ausführt, kommt uns verbluffend und störend vor. Wir arbeiten nämlich für eine Firma, die Automobilteile von höchster Qualität herstellt, ein pocket size multinationales Konzern, das mehr als 75% seines Umsatzes ausführt und für das Deutschland das Hauptmarkt ist (25% der sämtlichen Ausfuhren).
Herr Braun hat Recht, wenn er behuptet, dass Italien derzeit nur ungefähr 1% des BIP in Forschung anlegt – Ziel dieser Reform besteht aber auch darin, diese Lage zu verbessern, indem sie höhere Investitionen in bedeutenden Bereichen vorsieht.
Wir möchten hiermit nicht argumentieren, dass diese Schulsystemsreform einwandfrei ist; es ist aber wesentlich, nicht nur ihre Kontra, sondern auch ihre Pro zu anerkennen und abzuwägen.
Leserkommentare
12.12.2008 10:41 Uhr
von Roberto Vavassori:
Wir sind zwei Kollegen, die Deutsch lernen und mit unserer Lehrerin lesen wir oft Artikeln von deutschen Zeitungen, die aktuellen Themen behandeln.
Wir freuen uns darüber, Artikeln über Italien zu lesen, auch wenn sie manchmal gnadenlos sind.
Vor einigen Wochen haben wir einen on-line Artikel von TAZ gelesen, ein Kommentar von Michael Braun über die italienische Schulreform. Dieses Kommentar hat uns wegen seiner Parteilichkeit sehr überrascht und enttäuscht. Wir respektieren völlig die Meinung des Reporters, aber denken, dass die mitgeteilte Information nicht komplett ist – besonders im Bezug auf den Inhalt der Schulreform und die Debatte, die sie in Italien ausgelöst hat.
Eine strukturelle Reform des italienischen Schulsystems war seit langer Zeit von Schülern, Studenten und Lehrkräften erwartet. Es ist natürlich schwierig, eine Reform durchzuführen, wenn man einen politisch und sozial heiklen Punkt wie Schule „berührt“ und kein Geld zur Verfügung hat.
Im Besonderen denken wir, dass dieses Kommentar die Hauptpunkte dieser Schulreform nicht zu erklären vermag. Mit Bezug auf die Universitätsreform, zum Beispiel, gibt es drei wesentliche, spezifische aber miteinander verbundene Aspekten, die zusammen zu berücksichtigen sind:
-Wenigere Studiengänge sollten für eine Verbesserung der Qualität der einzelnen Studiengänge sorgen, indem ein höheres Niveau von wissenschaftlichen Kompetenzen durch die Beschränkung der jetzt vorhandenen Studiengänge erreicht werden kann.
- Mehr Raum für Leistungsprinzip soll die Qualität der italienischen Universitäten verbessern: offenere Wettbewerben können die Einberufung von qualifizierteren Professoren erleichtern. Auf diese Weise sollte die schlechte Gewohnheit der Begünstigungen eingedämmt werden.
- die gleiche jährliche Bilanzsumme sollte über eine reduzierte Anzahl von Universitäten verteilt werden, um die Erschaffung von ungefähr 10 Exzellenzuniversitäten zu ermöglichen. Das könnte auch mehrere ausländische Studenten in Italien anziehen.
Was das Schulstreik betrifft, ist es nicht klar, warum Herr Braun sich so überrascht zeigt: wir haben in den vergangenen Tagen über das Schulstreik in Deutschland und das nachfolgende Aufsehnen gelesen – zumal da Studenten im freien deutschen Schulsystem kein Recht auf Streik haben.
Auch das abgedroschene Klischee von Italien als ein Land, das nur Kleidungen, Möbeln und Lebensmittel ausführt, kommt uns verbluffend und störend vor. Wir arbeiten nämlich für eine Firma, die Automobilteile von höchster Qualität herstellt, ein pocket size multinationales Konzern, das mehr als 75% seines Umsatzes ausführt und für das Deutschland das Hauptmarkt ist (25% der sämtlichen Ausfuhren).
Herr Braun hat Recht, wenn er behuptet, dass Italien derzeit nur ungefähr 1% des BIP in Forschung anlegt – Ziel dieser Reform besteht aber auch darin, diese Lage zu verbessern, indem sie höhere Investitionen in bedeutenden Bereichen vorsieht.
Wir möchten hiermit nicht argumentieren, dass diese Schulsystemsreform einwandfrei ist; es ist aber wesentlich, nicht nur ihre Kontra, sondern auch ihre Pro zu anerkennen und abzuwägen.
Mit freundlichen Grüßen
Roberto Vavassori
Federica Bolzan