Kommentar von REINHARD WOLFF
Selbstverständlich kann es so gewesen sein. Piraten gibt es plötzlich auch in der Ostsee. Sie sind ebenso risikofreudig wie wenig wählerisch. Sie suchen sich eine besonders vielbefahrene Meeresstraße und einen alten Holzfrachter aus. Über Kaperung und Lösegeldforderung informiert die Reederei nicht die Polizei des eigenen Landes, sondern russische Behörden.
Diese halten die Nachricht vier Tage lang zurück, bis das Schiff den offenen Atlantik erreicht und erzählen dann, die Piratenaktion sei längst vorüber. Ausdruck russischer Rücksichtnahme auf die Besatzung, die man nicht durch eine übereilte Polizeiaktion eines Ost- oder Nordseeanrainerstaats gefährden wollte?
Vielleicht forderten die Piraten, dass die Kaperung erst nach Abschalten des automatischen Schiffsüberwachungssystems öffentlich werden durfte. Dass sie sich angesichts so perfekter Planung weiter keine Gedanken gemacht hatten, wie sie nach der Zahlung des Lösegelds das Schiff wieder heil verlassen könnten oder dabei etwas gründlich schiefging - warum nicht: Dumme Kriminelle gibt es nicht nur im Film.

Reinhard Wolff ist Skandinavien-Korrespondent der taz. Foto: taz
Wenn es nur nicht so viele Details und Widersprüche gäbe. Die seltsamen Kursbewegungen der "Arctic Sea", die ausgefeilte Desinformation Moskaus gegenüber skandinavischen Behörden, die Entscheidung, das Schiff nach der "Befreiung" nicht in den nächsten Hafen zu bringen, sondern erst einmal wieder ein paar Tage auf hoher See "verschwinden" zu lassen.
Für Russland wäre es einfach, allen Spekulationen den Boden zu entziehen, indem die vollständige Aufklärung und ein Gerichtsverfahren der Justiz in Schweden oder Finnland überlassen wird. Wetten, dass Moskau argumentiert, weil seine Flotte die "Piratenaktion" beendet habe, müsse ein Prozess unbedingt in Russland stattfinden?
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Leserkommentare
20.08.2009 19:27 | h.yurén
könnte es nicht sein, dass ein schlauer kreml-mann die sache mit so vielen unklarheiten aufbereitet hat, damit einmal die w ...