Kolumne Speckgürtel

Wir nennen es Arbeit

Wenns um Geld geht - jobben? Ja, schon. Aber wer bestimmt, wann Abiturientinnen damit anfangen müssen?von Anja Maier

Die Abiturientin liegt rum. Am Havelstrand. Im Liegestuhl. In der Badewanne. Auf der Fernsehcouch. Vor allem aber im Bett. Da lagert sie, döst, schläft, isst und trinkt und dämmert dem Ende ihrer letzten großen Ferien entgegen. Noch fünf Wochen - dann beginnt ihr erster Arbeitstag als freiwilliger ökologischer Jährling. Bis dahin, so steht zu befürchten, wird sich am Ruhemodus der Abiturientin kaum noch etwas ändern.

Nichts hatte zuvor auf diese überraschende Komplett-Lethargie hingedeutet. Noch bis Mitte Mai sah alles nach einem heißen Sommer aus, den die Abiturientin verbringen würde. Die Rede war von Ostseecamping, Interrail, Jobben. Vor allem Jobben. Denn ihr Vater und ich hatten angekündigt, mit dem letzten Schultag sämtliche Transferleistungen einzustellen. Weil wir meinten, so eine lebenshungrige Abiturientin sollte und könnte - bei freier Kost und Logis - während ihrer immerhin drei Monate währenden Auszeit die eine oder andere Lohnarbeit verrichten.

Sie hat es ja probiert. Im Eiscafé unseres Speckgürtel-Ortes war sie probearbeiten. Durfte erfahren, wie eine Spülmaschine funktioniert - offenbar eine neue, befriedigende Erfahrung für sie. Sie durfte eine Schablone zur Hand nehmen, um damit Kakao-Herzen auf Cappucchinomilchschaum zu stäuben - das gefiel ihr. Sie durfte nach drei Stunden nach Hause gehen - um nie wieder angerufen zu werden. Die Abiturientin fand, damit sei es erst einmal genug der Zurückweisung für diesen Sommer.

Als sie dieser Tage allen Ernstes bei uns um einen Kredit nachfragte, um wegen des unschlagbar guten Wetters ihren hochschulreifen Körper nun doch mal an die Ostsee verlagern zu können, wurde es spannend. Ihr Vater und ich schauten uns quer über den Tisch an. Jetzt galt es pädagogisches Rückgrat zeigen. Natürlich wollten wir, dass sie etwas erlebt in diesem großen Sommer. Aber die Vorstellungen der Antragstellerin und die der angefragten Finanziers gingen weit auseinander. Hier der Wunsch nach einem Pensionszimmer auf Hiddensee inklusive täglichen Vollwertfrühstücks im Inselcafé. Da die Erinnerung an wildes Dünencampen mit Morgenzigarette und Schoko-H-Milch. Offenbar hatte sich in dieser Hinsicht einiges verändert in den letzten 25 Jahren.

Sei's drum, wir blieben hart, erklärten etwas von "pädagogischem Konzept, das hier und jetzt greift", von Geldverdienen durch Arbeit, von aufregenden Jobs, auf die sie doch zweifelsohne neugierig sein müsse, rhabarberrhabarber. Freundlich, aber desinteressiert hörte die Abiturientin zu. "Ihr könnt aufhören", sagte sie schließlich, "ehrlich gesagt habe ich überhaupt nicht vor, zu jobben. Ab September muss ich schon ein ganzes Jahr arbeiten." Ein ganzes Jahr! Arbeiten! Na dann! Wir hörten auf zu reden, zahlten aber auch nicht.

Nun frage ich mich dieser Tage, ob ich womöglich eine kleinliche, pflichtversessene Mutter bin, die ihrem Kind nicht den kleinsten Spaß, nicht die eine Muße gönnt. Seit wann ist Arbeit - egal welche - Erfüllung? Schreibe ich nicht gar für eine Zeitung, die immer mal wieder die charmante Idee vom bedingungslosen Grundeinkommen für alle propagiert? Müssen 19-Jährige Kaffeetassen spülen, um den Sinn des Lebens zu begreifen? Täglich sehe ich ja, wohin das führen kann - an der James-Blunt-Frau.

Die nämlich rollt jeden Morgen zur gleichen Zeit wie ich auf den Parkplatz unseres kleinen Vorortbahnhofs. Während ich mein Fahrrad anschließe, dreht die Mittvierzigerin den Autoschlüssel rum und den CD-Player auf volle Dröhnung. Ihr kleiner grauer Van, an dessen getönter Heckscheibe die Kindernamen "Joris & Annika" prangen, beginnt unter den Klängen von "You're Beautiful" zu erzittern. Jeden Morgen um viertel vor sieben holt sich die Frau den Zuspruch eines singenden Briten ab. " My life is brilliant. My love is pure." Alles, um diesen Arbeitstag zu überstehen.

In der Bahn auf dem Weg in die Innenstadt sitzt sie mir gegenüber. Ihr Gesicht ist gleichgültig. Sie denkt, ich kenne sie nicht. Dabei weiß ich einiges über sie: James, Job, Annika, Joris, Leben.

Geld kriegt die Abiturientin trotzdem nicht.

Fragen zu James Blunt? kolumne@taz.de Morgen: Arno Frank über GESCHÖPFE

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