Kolumne So nicht

Kraken zu Haien

In Kreuzberg läuft eine Krake durch die Straßen. Als Laterne. Und mit politischer Botschaft. Doch wer ist hier Monster, wer Tier, wer Mensch?

Eine Laterne in Form einer Krake leuchtet in der Nacht

Krake in Kreuzberg. Laternenumzug mit Botschaft Foto: Doris Akrap

Vor ein paar Tagen zog eine wunderschöne, riesengroße, beleuchtete Krake durch Kreuzberg. Mit langen, wehenden Armen schlenderte der glühende Tintenfisch durch den kleinen, dunklen Wrangelkiez und zauberte den Passanten ein Lächeln aufs Gesicht. Es war sehr still, niemand sprach und ich dachte zunächst naiv, dass da einfach nur eine Krake durch die Gassen läuft, um die Bewohner glücklich zu machen.

Aber, wir sind in Kreuzberg. Hier läuft keine Krake einfach so durch die Gegend. Wenn, dann trägt sie eine politische Botschaft mit sich rum. Die Krake war Teil eines Laternenumzugs, was ich erst nach ein paar Minuten verstand, als im Schatten der Krake einige Laternenumzugsteilnehmer riefen: „Punkt. Punkt. Komma. Strich. Uns verdrängen ist hier nicht.“

Auf einem kleinen Plakat war zu lesen: „Miethaie zu Monstersnacks“. Verwirrt blieb ich zurück. War die Krake gar keine Krake, sondern ein Hai? Oder sollte die Krake den Miethai verspeisen?

Zu dem Umzug gab es einen Aufruf: „Licht an! Wir monstern uns zusammen“ war das Motto. Vollständig verwirrt, wer hier Monster, wer Tier, wer Mensch ist, las ich dort: „Für den Erhalt der Nachbarschaft und gegen die Verdrängung von Kitas, Kinderläden, sozialen Einrichtungen und Bildungsstätten aus den innerstädtischen Bezirken.“

In Kreuzberg ist im November ständig politischer Laternenumzug. Vor zwei Jahren zählte ich in meinem sechs Straßen kleinen Kiez sechs Laternenumzüge in einer Woche, darunter der „Homo/LGBT*-Laternenumzug mit Mucke und Glühwein“.

Danach kamen noch Laternenumzug sieben und acht: Der Laternenumzug vom Kinderbauernhof Görlitzer Park, der „mit Esel“ stattfand. Und der Laternenumzug „Investoren heimleuchten“ für den Erhalt von Gemüse- und Gemischtwarenladen. Damals sangen sie: „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Den Kiez beleuchten wir gerne – wir bleiben alle hier! Aus unserm Haus – Investor raus! Rabimmel, rabammel, rabumm“.

Dieses Jahr wurde von den Laternenkrakenumzugsorganisatoren „leckeres Essen und wärmende Feuertonnen am Ende des Umzugs“ versprochen. Ich ging aber nicht weiter mit. Ich wollte lieber nicht wissen, wer hier Krake war, wer Hai, wer wen in die Feuertonne schmiss und zu Snacks verarbeiten wollte. Ich wollte nichts mit Krakenkränkern zu tun haben.

Ich ging stattdessen nach Hause und hörte mir eine Hörspielfassung von „Moby Dick“ an, die große häretische Erzählung über die großen Menschheitsfragen und den weißen Wal.

„… denn es gibt keine Torheit der Tiere auf Erden, welche der Irrsinn der Menschen nicht unendlich weit übertrifft“, heißt es darin. Aber auch: „Die Hölle ist eine Vorstellung, die sich ursprünglich einem unverdauten Apfelknödel verdankt und seither durch die erblichen, von Ramadanfesten genährten Gallenbeschwerden fortgeschrieben wurde.“

Wenn die Gentrifizierungskritiker beim nächsten Laternenumzug mit solch nachvollziehbaren Bildervergleichen aufwarten können, dann bleib ich vielleicht auch bis zum Schluss.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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