Kolumne „Nach Geburt“

Kalter Krieg im Kinderland

Partnerschaftsbonusmonate und Glaubhaftmachung des Gehalts: Der Elterngeldantrag ist der erste Schritt auf dem Weg zur Trennung.

Die Ehe ist wohl kaputt

Zu Scheidungen aus dieserlei Gründen gibt es keine offizielle Statistik. Zufall? Foto: dpa

Nichts entzweit junge Familien so schnell und effektiv wie Elternzeit und Elterngeld. War vermutlich vom Gesetzgeber anders gedacht, eher so nach dem Motto: Männer mit reinholen ins Erziehungsboot stärkt die Bindung an Kinder und Familie. Tja, läuft nicht.

Es beginnt schon mit dem Aushandeln, wer wie viele Monate Elternzeit nehmen darf/soll/kann. Ein befreundetes Paar brach mehrere Gipfeltreffen ergebnislos ab. „Ich hab Verständnis dafür, wenn du heute auf der Couch schläfst“, hat mein Kumpel dann zu seiner Freundin gesagt. Genau mein Humor.

Meine Freundin und ich wollten cleverer sein: Wir haben gekniffelt. Ich bin mir sicher: Kniffeldiplomatie wird das nächste große Ding auf dem internationalen Parkett. Gab natürlich trotzdem noch Streit zwischen uns. Einfach so. Aus Bock.

Aber das war alles nichts im Vergleich zum Ausfüllen des Elterngeldantrags. Dieses Monstrum mit Daten und Zahlen zu füttern, führt zu Hass, Hass, Hass. Und Hass. Bei allen. Denn gegen den Elterngeldantrag ist Asterix’ Besorgung des Passierscheins A38 ein Kinderspiel – und der Gallier hat damit immerhin Rom erobert.

Schnell eskaliert

Wer auch immer unsere Gesellschaft destabilisieren will (Putin? IS? Trump? Littlefoot aus „In einem Land vor unserer Zeit“?), kann sich entspannt zurücklehnen und zuschauen. Das schaffen wir schon selbst. Kombinieren Sie mal Basiselterngeld, Elterngeld plus und Partnerschaftsbonusmonate bei gleichzeitiger Berechnung, was zu nehmen sich mehr lohnt in welchem Zeitraum, wenn man parallel Anzahl an Stunden gleich x zusätzlich arbeitet – sowohl freiberuflich wie auch nichtselbstständig.

Dann, als die „Glaubhaftmachung“ des 2017 zu erwartenden Gehalts bei reduzierter Stelle nicht vorlag und meine Freundin und ich uns fragten, wie genau eigentlich glaubhaft gemacht wird und wann aus Glauben Wissen wird, brachen die Deiche.

So lange hätte ich Zeit gehabt, mal eine Beratungsstelle aufzusuchen oder mich sonst wie zu informieren, warf sie mir vor. „Immerhin hab ich ein paar Antworten, du hast nur Fragen“, sagte ich: „Ich bin deine Beratungsstelle.“ Nicht nett, aber maximal Eskalationsstufe eins.

Ich will doch nur Frieden

Nun gut, sosehr ich Streite auch genieße, wollte ich doch die Situation entschärfen. Ich bin schließlich ein Mann des Friedens.

Doch nachdem ein erster Versöhnungsversuch von meiner Freundin ausgeschlagen worden war, war endgültig Land unter. Ich reiche die Hand doch nicht zweimal! Gut, wie du willst, dann spielen wir halt noch ein bisschen Kalter Krieg, sagte ich. „Ich bin Gorbatschow, du bist Stalin.“

Okay, hat jetzt nicht gerade zur Deeskalation beigetragen, aber ich fand’s lustig. Und Pointe geht vor Strafrecht. Eskalationsstufe zwei erfolgreich übersprungen, höchste Eskalationsstufe drei erreicht. Die weitere Zusammenarbeit wird bis auf Weiteres ausgesetzt. „Ich habe Verständnis dafür, wenn du heute auf der Couch schläfst“, sage ich. Meine Freundin gibt mir meine Decke und mein Kissen. Ich muss zu Kind eins ins Zimmer.

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Seit 2008 bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin. Mittlerweile: Ressortleiter tazzwei/Medien.

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