Kolumne von Bettina Gaus
Die Gelegenheit, an einer Journalistenreise in den Sudan teilzunehmen, war ein seltener Glücksfall und nur möglich, weil ein deutscher Kollege in Nairobi über Jahre hinweg ein halbwegs vertrauensvolles Verhältnis zu Mitarbeitern des Informationsministeriums in Khartum aufgebaut hatte und die Reise organisierte.
Das autoritäre Regime schirmte sich bereits damals, zu Beginn der 90er Jahre, so weit wie möglich vor neugierigen Blicken westlicher Besucher ab. Allerdings hatte es seinerzeit auch ein konkretes Interesse daran, ausländische Beobachter ins Land zu lassen, das im Widerspruch zu dem Wunsch nach Abschottung stand: Dem Sudan drohte eine Hungersnot. Internationale Hilfe wurde gebraucht.
In der Hoffnung auf Berichte über dieses Thema war das Informationsministerium bereit, ein Programm zusammenzustellen, das einen Einblick in die reale Situation des Landes bot - so weit das eben in einer Diktatur und unter Aufsicht möglich ist. Der Handel schien fair zu sein. Zunächst. Bis dann während der Besichtigung eines prestigeträchtigen Regierungsprojektes plötzlich ein Team des Staatsfernsehens auftauchte. Und nicht etwa das Projekt filmte. Sondern uns.

Bettina Gaus ist ist politische Korrespondentin der taz.
Foto: tazAn der Absicht konnte kein Zweifel bestehen: Wir sollten abends in den Nachrichten gezeigt werden, andächtig den Erläuterungen des Regierungsvertreters lauschend, lebende Beweise für das "hohe Ansehen", das das Regime in aller Welt genoss. Ein simpler, mieser Trick.
Die Blauäugigkeit, mit der ich mich selbst in diese Lage gebracht hatte, ärgerte mich fast noch mehr als das dreiste Vorgehen unserer Gastgeber. Ich war so sauer, dass ich überhaupt nicht mehr nachdachte, sondern sofort zur Seite ging und schrie, ich werde unter keinen Umständen erlauben, dass Bilder von mir im sudanesischen Fernsehen gezeigt würden. Unser Begleiter vom Informationsministerium brüllte zurück, mein Benehmen sei ungeheuerlich und das werde Konsequenzen haben.
Blöde Situation. Die ein geistesgegenwärtiger japanischer Journalist rettete: Er erklärte, ich gehörte einer Sekte an, die aus religiösen Gründen keine Fotos oder Filmaufnahmen von ihren Mitgliedern gestatte. Das glaubte zwar niemand, aber wir alle konnten - mühsam - das Gesicht wahren. Wohl war mir hinterher nicht. Zwar hatte ich mein Ziel erreicht, aber aus den falschen Gründen. Von Prinzipientreue konnte keine Rede sein.
Die Macht der Bilder ist auch deshalb so ungebrochen, weil Bilder eben lügen können. Das gilt nicht nur für Diktaturen, das gilt sogar für Demokratien. Das Aufsehen war groß, als Marcel Reich-Ranicki kürzlich den Bundespräsidenten in ungewöhnlich harschem Ton zum Rücktritt aufforderte, denn bis dahin hatte sich der berühmte Literaturkritiker mit Äußerungen zum Tagesgeschehen weitgehend zurückgehalten.
Es ist nicht bekannt, was genau Reich-Ranicki zu seiner Stellungnahme veranlasst hat. Kurz zuvor hatten Fernsehaufnahmen gezeigt, wie Christan Wulff den 91-Jährigen fürsorglich stützte, als dieser anlässlich des Jahrestages der Auschwitz-Befreiung im Bundestag sprach. Eine normale menschliche Geste, nicht mehr. Aber im Zusammenhang mit dem Bundespräsidenten wirken derzeit noch die harmlosesten Bilder wie eine Solidarisierung. Möglicherweise wollte Marcel Reich-Ranicki genau das vermeiden. Verstehen könnte ich das.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
04.02.2012 21:47 | polyphem.os
"Bilder können lügen" und Lügner wissen um die Macht der Bilder. Auch wenn es nur um eine Randfigur geht, wiederhole ich mi ...