Kolumne Kulturbeutel

Von der Piste auf die Ohren

Felix Neureuther wird doch kein Schlageraffe, Hansi Hinterseer bleibt einer und Dominik Paris grunzt. Von Skirennfahrern und ihren Liedern.

Profil Hansi Hinterseer mit weißer Jacke und weißer Cap. Es schneit leicht

Ex-Rennfahrer, Schlagersänger, Kitzbüheler: Hansi Hinterseer Foto: imago-images/Hartenfelser

Felix Neureuther ist ein Guter. Wer all die hymnischen Texte, die geschrieben wurden, nachdem der Skifahrer sein Karriereende verkündet hat, kennt, kann zu keinem ­anderen Ergebnis kommen. Eigen, unverbogen, kritisch, witzig, bayerisch, modern und natürlich authentisch muss er demnach sein. Und jetzt das! Er hat einen Song aufgenommen. „Weiterziehen“ heißt die Schnulze.

Auch ein Video gibt es zu dem Lied. Da marschiert Neureuther mal lächelnd mal schmachtend dreinbrickend mit Lederhose und Loferl bekleidet durch eine alpine Landschaft und greift sich, wenn es zum Text passt, ans Herz. Sowohl musikalisch als auch optisch wirkt das wie eine Kreuzung aus Patrick Lindner und Hansi Hinterseer, was wohl auch so gedacht war. Denn der Song und das Video sind ein Aprilscherz. Durchpusten! Die Neureuther-Porträts müssen also doch nicht um das Adjektiv „peinlich“ ergänzt werden.

Der gute Felix begibt sich also nicht auf die Spuren von Hansi Hinterseer, dem Kitzbüheler Ex-Skirennfahrer. Wer den immer gut frisierten Österreicher trällern hört, mag sich wünschen, dass der ganze Kerl ein Aprilscherz ist. Das ist er indes ganz und gar nicht. Hinterseer ist das grinsende Beispiel dafür, dass man nicht besonders gut singen können muss, um als volkstümlicher Interpret Millionen Alben zu verkaufen. Mann muss es so hart sagen: Wer zu Hinterseer-Songs beim Après-Ski in den Nahtanz-Modus verfällt, hat jede Würde verloren.

Zum Nahtanz ganz und gar nicht geeignet ist die Musik, der sich ein anderer Skifahrer gewidmet hat. Dominik Paris, frisch gekürter Weltmeister im Super-G, singt ebenfalls. „Rise of Voltage“ heißt die Metal-Band des Südtirolers und es ist durchaus auch eine sportliche Leistung, mit welcher Inbrunst Paris da ins Mikro grunzt. Mit volkstümlicher Hütt’ngaudi hat das jedenfalls nichts zu tun. Bei Paris geht es zur Sache.

Brüllcore auf Speed

Wer auf Brüllcore steht, dem könnte das erste Album der Band durchaus gefallen. Gut möglich, dass sich so manch Hobbyskifahrer, der sich über die Jahre an das Anton-in-Tirol-Gejaule in den Berggasthöfen gewöhnt hat, erst einmal erschrickt, wenn er Paris’ Organ als Hintergrundmusik zur zünftigen Jause das erste Mal hört. „Mal was anderes“, wäre das Mindeste, was ihm dazu einfallen mag.

Verstört hat auch der frühere österreichische Slalomspezialist Reiner Schönfelder so manchen Ski-Fan. Einigen war schon zu viel des Guten, dass Schönfelder bisweilen seine Fingernägel bunt lackiert hat. Als er dann 2007 eine Wette eingelöst hat und nackt über die Piste gewedelt ist, wurde es dem Österreichischen Skiverband zu bunt und er verdonnerte Schönfelder zu einem Tag wohltätiger Arbeit.

Er war eben immer ein Hingucker. Ein paar Jahre zuvor war er mit seinem Song „Popmusic“ jedenfalls beinahe so erfolgreich wie als Skirennfahrer und schaffte es immerhin in die österreichischen Charts. Scheinhiphop könnte man diese Art von Plastikmusik vielleicht nennen. Der Song hat absolutes Après-Ski-Potenzial und stellt die beinahe schon ideale Hintergrundmusik für den Prominentenauflauf beim Hahnenkammrennen im Januar dar: Wie heißt es im Song so schön: „New York, London, Paris, Kitzbühel: Everybody talk about Pop Music.“ Kein Scherz!

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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