Kolumne: Halleluja

Hippie oder Fundi

An diesem Wochenende findet in Berlin die zweite Lange Nacht der Religionen statt. Unser Kolumnist hat eine Menge Anregungen für spannende Fragen.

VertreterInnen verschiedener Religionen verstehen sich gut vor dem Brandenburger Tor.   Bild: DPA

Das goldene Zeitalter der Langen Nächte ist längst vorbei. Nachdem 1997 die exzentrische Idee grandios eingeschlagen war, Menschen mit Trapezkunst und Kochperformances in leer stehende Museen zu locken, zählte man ein paar Jahre später schon ein Dutzend ähnlicher Veranstaltungen. Selbst eine Lange Nacht der Lohnsteuerberatung gab es mal, wenn ich nicht irre. Viele haben sich inzwischen wieder still verabschiedet, und auch die Veteranen specken bei den Besucherzahlen wieder ab, derweil die „Nacht“ immer weiter nach vorne rutscht und im Sommer oft endet, wenn die Sonne noch gar nicht untergegangen ist.

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Recht neu im Geschäft ist allerdings die „Lange Nacht der Religionen“. Im zweiten Jahr erst laden an diesem Samstag „über 80 Kirchen, Religionsgemeinschaften und interreligiöse Vereinigungen“ zum Reinschnuppern. Beim ersten Mal waren 65 Einrichtungen beteiligt, die nach Angaben der Veranstalter von 2.000 Neugierigen besucht wurden. Im Schnitt also 30 Menschen verirrten sich damals in Kirchen, Moscheen, Tempel und Synagogen, was den Organisatoren diesmal dennoch Anlass gibt zu behaupten, die religiöse Vielfalt Berlins sei „eine Ressource für gesellschaftliches Engagement und eine Kraftquelle für den Wandel in unserer Stadt für mehr sozialen Zusammenhalt“, auch wenn da die meiste Kraft anscheinend schon beim Satzbau verbraucht wurde.

Ich frage mich, ob so eine Lange Nacht nicht die perfekte Gelegenheit wäre, Fragen zu stellen, die man sich gemeinhin zu stellen nicht traut. Nein, nichts Gehässiges, nicht die immer gleichen Verdächtigungen à la „Herr Pfarrer, sind Sie pädophil?; Herr Imam, sind Sie Terrorist?; Herr Rabbiner, warum bauen Sie Siedlungen in Palästina?“. Fragen nach dem Kern der Sache, also dem, was diese Menschen so ihren Glauben nennen. Man könnte die Christen mal fragen, was denn am lieben Gott so lieb sein soll. Ob die Bibel nicht voller Gewaltverherrlichungen steckt. Ob nicht darin stehe, man solle gegen die Feinde Gottes seine Pflugscharen zu Schwertern umschmieden (doch, doch, genau das steht da). Was an der Geschichte einer Massenertränkung so kinderbuchtauglich ist (Arche Noah). Ob Jesus, der alte Hippie, nicht eher ein übler Fundi war, der befahl, überschwappender Libido mit Selbstverstümmelung zu begegnen. Und ob die Hölle, diese Folterkammer, doch nur eine Art Schmollecke ist, wie Theologen derzeit gern skizzieren.

All das könnte man mit ehrlichem Interesse fragen. Und nicht nur das. Bei den Muslimen ließe sich in Erfahrung bringen, was genau mit uns Ungläubigen im Jenseits geschieht (nichts Gutes, so viel steht fest). Wieso ausgerechnet der Islam eine Religion des Friedens sein soll, wenn doch ihr Gründer höchstselbst einen ganzen jüdischen Clan massakrieren ließ (okay, Frauen und Kinder wurden nur versklavt). Solche Dinge. Und glauben die Juden wirklich, dass alle Menschen außer ihnen ihrem Gott herzlich schnuppe sind? Viele interessante Fragen, die allerdings niemand stellen wird. Die wenigen, die auf Zehenspitzen ein fremdes Gotteshaus betreten werden, werden sich hüten anzuecken. Die Christen werden rotwangig die weichen Teppiche der Moschee loben und die Süße des koscheren Weins, und umgekehrt – so viel Prophetie sei erlaubt – werden Priester und Pastoren wieder vergeblich auf Zulauf von außen warten, von den üblichen Verdächtigen des „interreligiösen Dialogs“ mal abgesehen.

Aber vielleicht irre ich. Wenn Sie hingehen und erleben, wie Äbtissinnen, Vorbeter und Thoragelehrte sich vorm Ganesha-Altar die besten Buddha-Witze erzählen, schießen Sie ein Beweisfoto. Ich werde es an dieser Stelle veröffentlichen, so wahr mir … na? … helfe.

 

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