Kolumne Die eine Frage

Gabriels antiliberale Avancen

Freiheit, Gleichstellung, Gleichberechtigung. Liest man Sigmar Gabriels Essay, ist das alles nur Gedöns der Postmoderne.

Sigmar Gabriel sitzt lächeln, Martin Schulz legt im die Hand auf den Kopf

„Kleiner Mann – was nun?“, fragt sich Gabriel Foto: dpa

Die SPD hat einen bemerkenswert illusionistischen Bundestagswahlkampf hingelegt, einen neuen Tiefpunkt von 20 Prozent erreicht und dann ein weitgehend inhaltsfreies Erneuerungsgerede begonnen, das nun auf die Frage reduziert wird, ob man wieder mitregiert oder nicht. Wobei unklar ist, was davon aus Sicht von Frau Nahles mehr „bätschi“ wäre.

Damit verglichen, hat der jüngste Spiegel-Essay des früheren Vorsitzenden Sigmar Gabriel eine hohe analytische und intellektuelle Qualität. Während die einen die „Atomisierung von Arbeits- und Lebenswelten“ im demokratischen Kapitalismus feierten – er nennt Grüne und Liberale –, sei es für einen nicht geringen Teil der Leute ein „traumatischer Abschied“. Zusammengefasst: Die Moderne war sozialdemokratisch geordnet und super für alle, die Postmoderne ist zu liberal und zu grün, und deshalb revoltieren immer mehr.

Bernd Ulrich hat in der Zeit bereits auf Gabriels „Denkfehler“ hingewiesen, progressive Identitätspolitik und Ökologie als „postmoderne liberale Debatten“ für eine Elite zu bezeichnen. Als gebe es in Arbeiterfamilien keine Schwulen, die heute dank der liberalen Entwicklung besser und weniger verdruckst leben. Vollends krude wird es, die Verhinderung einer imminenten Klimakatastrophe als Schnupsi-Thema anzusehen. Man kann nicht Partei einer gerechteren Zukunft sein wollen und den größten Ungerechtigkeitsfaktor ausblenden und die ganze Zukunft gleich mit.

Und dennoch greift es viel zu kurz, Gabriel in der üblichen Antidenkvolte aufschreiend nach „rechts“ zu schieben, weil er die Ehe für alle nicht für so wichtig hält. Es greift aber auch zu kurz, ihn umgehend jubelnd nach „links“ zu schieben, weil er sich gegen die Postmoderne wendet und damit wieder den einfachen Menschen vom Schlage seines leider in diesem Jahr verstorbenen Namensvetters Gunter zuwendet („Hey Boss, ich brauch mehr Geld“).

Die Sehnsucht der vielen nach Geregeltem

Die neue europäische und US-amerikanische Protestbewegung ist ja nicht zufällig im Kern antiliberal. Sie richtet sich gegen den globalen Wirtschaftsliberalismus der letzten Jahrzehnte, der die politisch regulierbaren Industriegesellschaften abgelöst hat. Aber eben auch gegen die emanzipatorische Freiheitserweiterung des Einzelnen, die von 1968 ausging – gegen die als restaurativ, patriarchalisch, rassistisch, autoritär und nationalistisch wahrgenommene Johnson-, De-Gaulle- und Adenauer-Industriegesellschaft.

Heute läuft die Attacke andersherum: Was die Angreifer „linksgrün versifft“ nennen, ist nichts anderes als der normative Kulturkanon der Mehrheitsgesellschaft. Wobei „Mehrheit“ sich eben auch auf die Hegemonialkraft derjenigen beziehen könnte, die den Lebensstil der Postmoderne überzeugt pflegen – nicht auf die Zahl.

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Gegen die Entfaltung des Einzelnen steht jetzt die Sehnsucht der vielen nach einem Geregelten. Das betrifft längst nicht nur AfD- oder Linksparteiwähler, sondern eben auch relevante Teile der SPD und der Union. Und die Übergänge zwischen einem ökonomisch und einem kulturell gespeisten Gefühl des Abgehängtseins können fließend sein.

Im Grunde wirft Gabriel im Angesicht des Zerbröselns sozialdemokratischer Parteien in Frankreich, den Niederlanden und anderswo also die berechtigte Frage auf, ob sich die SPD nicht zurückziehen sollte aus dem Drittel der Gesellschaft, das der Kultursoziologe Andreas Reckwitz die „neue Mittelklasse“ nennt, und sich auf die alte Mittelklasse der Angestellten ohne Hochschulabschluss und die neue Unterklasse der prekären Dienstleister konzentrieren. Das Problem ist, dass es bei ihm klingt wie ein weiteres antiliberales Projekt. Und dann wird es gefährlich.

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Chefreporter der taz, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). In seinem neuesten Buch „Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen“ (Ludwig) erzählt er das Drama der modernen Familie als Komödie. Sein Bruder ist der „Ökosex“-Kolumnist und -Rock'n'Roller Martin Unfried

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